US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, dass die USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen aussteigt. Die Prognosen der Klimaforscher sind aber auch ohne den Ausstieg der USA verheerend.

Wir haben mit dem renommierten Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif über den Klimawandel und die Rolle der USA beim Klimaschutz gesprochen.

Herr Latif, das Jahr 2016 war das heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Beschleunigt sich die Erderwärmung gerade?

Mojib Latif: Dass sie in vollem Gange ist, ist ja schon lange bekannt. Die Erwärmung können Sie am besten erkennen, wenn Sie viele Jahrzehnte betrachten. Man kann sagen, dass sich die Erde langfristig, also sagen wir mal seit 1900, massiv erwärmt hat. Es gibt da Schwankungen nach unten und nach oben.

Es gab ja diese Atempause, wo die Erdtemperatur ein paar Jahre lang nicht mehr so schnell gestiegen ist. Jetzt steigt sie wieder schneller, aber ich würde jetzt nicht sagen, dass sich die Erderwärmung beschleunigt, sondern sie ist sozusagen auf Kurs. Sie holt gewissermaßen jetzt das nach, was in den Jahren zuvor von den natürlichen Schwankungen überdeckt worden ist.

Gibt es auch Anlass zur Hoffnung? Der globale Ausstoß von Kohlendioxid aus fossilen Brennstoffen ist laut "Global Carbon Project" auch das dritte Jahr in Folge kaum gestiegen.

Das ist zumindest schon mal positiv. Man muss aber dazu sagen, dass es nicht unbedingt auf den Ausstoß von Kohlendioxid ankommt, sondern auf den Gehalt von Kohlendioxid, der tatsächlich in der Luft ist.

Und der Gehalt steigt bekanntlich weiter.

Genau und das ist das Problem. Selbst wenn sich der Ausstoß abflacht, selbst wenn er gesenkt wird, was wir auch erwarten, würde der CO2-Gehalt in der Luft weiter ansteigen. Knapp die Hälfte des CO2, das wir ausstoßen, bleibt für circa 100 Jahre in der Luft. Es reichert sich deswegen allmählich an.

Damit sich der Gehalt in der Luft stabilisiert, müssen wir die Emission praktisch auf null fahren. Erst dann haben wir einen deutlichen Effekt auf den CO2-Gehalt. Wenn wir bei demselben Ausstoß bleiben, wie in den letzten Jahren, dann wird der Gehalt in der Atmosphäre trotzdem weiter schnell steigen.

Und man müsste negative Emissionen haben, also mehr CO2 aus der Luft entfernen, als wir in sie emittieren, um den CO2-Gehalt der Luft zu senken.

Wenn das Eis mehr und mehr schmilzt, wird das schlimme Folgen haben.

Das klingt nicht besonders realistisch

Nein, genau.

Wie schätzen Sie den aktuellen Status Quo unseres Planeten ein? Sind das 1,5- oder selbst ein 2-Grad-Ziel bis 2100 noch realistisch?

Die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist kaum noch machbar. Ich denke, unter zwei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu bleiben, ist machbar. Um das zu schaffen, müsste man bis 2050 oder 2060 bei den Treibhausgasemissionen auf null kommen.

Und danach müsste man negative Emissionen haben. Erst dann kann man das Ziel von Paris, also die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, mit hoher Wahrscheinlichkeit erreichen.

Wie ist da Ihre persönliche Einschätzung?

Das ist eine riesige Herausforderung. Machbar wäre es. Es ist nicht so, dass es nicht ginge. Es wird wichtig sein, welche politischen Entscheidungen in den nächsten Jahren getroffen werden.

Es gab einen bedeutenden Beschluss auf der Uno-Klimakonferenz in Marokko im Jahr 2016: Mindestens 45 Staaten möchten ihre Energieversorgung komplett auf erneuerbare Energien umstellen. Andererseits herrscht auch Unsicherheit vor, weil man noch nicht abschätzen kann, wie die USA unter Donald Trump mit dem Thema Klimawandel umgehen wird. Haben Sie da auch gemischte Gefühle?

Die unvergleichliche Welt der Antarktis ist fragiler, als lange geglaubt.

Das mit den 45 Ländern wurde ein bisschen hochgejubelt. Die stoßen ja praktisch gar nichts aus. Nur mal zum Vergleich: Wenn wir China und die USA zusammennehmen, dann sind das schon mehr als 40 Prozent des weltweiten Ausstoßes. Und bei den beiden bewegt sich eher wenig.

US-Präsident Donald Trump hat ja vom Klimaschwindel gesprochen, der von den Chinesen erfunden worden sei. Er meinte auch, er wolle die Kohle wieder hoffähig machen, wörtlich sagte er "retten". Insofern ist da schon eine große Unsicherheit. Bis spätestens 2030 entscheidet es sich, ob wir das Ziel von Paris noch erreichen können oder nicht.

Wie schlägt sich dabei Deutschland ihrer Meinung nach?

Das ist schon sehr bezeichnend, was hier passiert. Wir schaffen es nicht, von der Braunkohle wegzukommen, wir schaffen es nicht, im Bereich Verkehr und Automobile umzustellen und in der Landwirtschaft schaffen wir es auch nicht, die Emissionen nennenswert zu senken.

Ich will es nicht beschreien, aber höchstwahrscheinlich werden wir unser eigenes Ziel, das wir uns als Bundesrepublik gesetzt haben, nicht erreichen. Das Ziel war die 40-prozentige Reduktion bis 2020 gegenüber 1990.

Deutschland tritt bei Klimakonferenzen immer als Vorreiter auf und sagt, wir müssen endlich etwas tun, erreicht aber wahrscheinlich seine selbstgesteckten Ziele nicht. Das wäre ein großer Glaubwürdigkeitsverlust auf der internationalen Ebene.

Wie sehen ihre Prognosen für Deutschland aus, wenn wir das Ziel nicht erreichen?

Die Wetterextreme werden sich häufen und intensivieren. Die Küsten werden längerfristig mit dem Meeresspiegelanstieg zu kämpfen haben. Der steigt, global und bei uns an der Nordsee um etwa 20 Zentimeter seit 1900. Das wird sich weiter beschleunigen.

Welche Regionen werden weltweit am stärksten vom Klimawandel betroffen sein?

Horror-Szenario: So sähe die Erde ohne Natur- und Umweltschutz aus.

Das sind die tiefliegenden Gebiete wegen des Meeresspiegelanstiegs. Man denkt sofort an Bangladesch und die tiefliegenden Inseln im Pazifik. Aber auch Städte wie Miami werden stark betroffen sein. Miami leidet schon heute extrem unter dem Meeresspiegelanstieg. Bloß ist es politisch nicht gewollt, dass man darüber spricht. Miami hat heute schon extreme Probleme mit Überschwemmungen.

Und dann werden es noch viele Länder mit mehr Hitzewellen oder Starkniederschlägen zu tun haben. Dazu zählt auch Deutschland. Wir leben in einer globalisierten Welt, in der auch die Weltwirtschaft globalisiert ist. Es ist völlig egal, wo die Dinge besonders schlimm ausfallen werden, die anderen Regionen werden von den Auswirkungen mit betroffen sein.

Auch die Sicherheitsarchitektur spielt hier eine wichtige Rolle. Wenn die Lebensbedingungen in den betroffenen Regionen schlechter werden, hat das ebenfalls große Auswirkungen auf alle. Das gefährdet den Frieden auf der Welt.

Meinen Sie damit, wenn manche Regionen künftig gar nicht mehr bewohnbar sind, dass dann beispielsweise große Flüchtlingsströme einsetzen werden?

Genau. Das, was wir jetzt erleben, ist eher ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommen könnte, sollten wir das Ziel von Paris nicht erreichen.

Prof. Dr. Mojib Latif ist ein deutscher Meteorologe und Ozeanograph und leitet den Vorstand des Deutschen Klima-Konsortiums e.V.. Er lehrt seit 2003 am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Unter seinen zahlreichen Publikationen finden sich Titel wie "Warum der Eisbär einen Kühlschrank braucht; ... und andere Geheimnisse der Klima- und Wetterforschung." und "Das Ende der Ozeane. Warum wir ohne die Meere nicht überleben werden."

Hinweis: Das Interview haben wir bereits im Dezember 2016 geführt. Aus aktuellem Anlass haben wir uns entschlossen, es Ihnen noch einmal anzubieten.