Diese Woche steht Ihr Lieblings-Wochenrückblick mal wieder knietief im Klischeesumpf. Mehr Stereotypen als in den News der vergangenen sieben Tagen gibt es höchstens noch in Komödien-Drehbüchern, die Elyas M´Barek auf den Leib geschrieben werden. Was zum Beispiel ist ein "alter, weißer Mann", jetzt mal abgesehen vom Lieblingsfeindbild aller hyperaufgeklärten Komplettrichtigmacher, die überzeugt sind, ein Fehler beim Gendern wäre schlimmer als ein umfangreicher Spendenbetrug?

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Die genaue Definition muss jeder für sich selbst finden. Vor allem in einer Zeit, in der Feelgood-Podcasts, Facebook-Lifecoaches und Botox-Privatärzte unserer zur ewigen Jugend verdammten Erfolgsgesellschaft suggerieren, 60 wäre das neue 40. Denn: 60 ist nicht das neue 40. Sonst könnte man auch sagen, Schalke 04 ist das neue Manchester City. Klar, die schalker Trümmerfußballer können sich hellblaue City-Trikots anziehen, den Hals volltätowieren wie Ederson und die Haare wie Jack Grealish schneidern. Ihr bester Stürmer bleibt aber trotzdem Simon Terodde, den Pep Guardiola maximal für den Eisverkäufer im Ethiad Stadion halten würde.

Das ist nicht despektierlich gemeint. Wenn ich beispielsweise über die Gala zur Grimmepreisverleihung stolzieren würde, als wäre ich die neue Carrie Bradshaw, würde die deutsche Autorinnen-Elite ebenfalls mit "hast Du dich verlaufen?" reagieren. Aber ich bin vom Thema abgekommen: Alte weiße Männer – was ist das? Eine kurze Twitter-Recherche zeigt: Vermutlich alle Männer über 60, die bei ihrer Hautfarbe höchstens fünf Prozent Abweichung zu der von Florian Silbereisen aufweisen. Und etwas antiquiert denken.

Reh-Spekt für Kai Diekmann

Zumindest nach dieser Definition absolut kein Prototyp des alten, weißen Mannes: Kai Diekmann. Der Mann, dessen Rückzug vom Chefposten bei "BILD" wir im Prinzip Julian Reichelt zu verdanken haben, stand diese Woche mit einem rührseligen Bambi-Remake im Fokus einer tierverliebten Öffentlichkeit, die kleine Rehkitze herzerwärmend süß findet, sich den Rücken ihrer Eltern aber dennoch jederzeit genussvoll in den Ofen schiebt. Diekmann, der inzwischen jeden Morgen wahlweise gefühlte 50 Kilometer joggt oder in eiskaltem Wasser Kraulweltrekorde aufstellt (und also eigentlich nicht als "alter weißer Mann" sondern als "agiler weißer Mann" kategorisiert werden müsste), hatte diese Woche bei einem gemütlichen Waldspaziergang eine beinahe romantische Begegnung mit Hirschhintergrund.

In seiner via Twitter recht lückenlos dokumentierten privaten Tier-Doku verfolgte ihn stundenlang ein Rehkitz, das ihn offenbar für seinen neuen Adoptivvater hielt. Auch hier liegt Christian Lindner also falsch – der Markt reh-gelt das nicht. Kai Diekmann, der seine lange Karriere als Reh-Porter begonnen hatte, kehrt damit zu seinen Wurzeln zurück. Hatte er doch in den vergangenen Jahrzehnten mit Bambis nur zu tun, wenn die Verleihung einer der gleichnamigen goldenen Trophäen aufgrund der verlagsseitigen Konkurrenzsituation mal wieder zu Unrecht an ihm vorbei gegangen war. Was wichtige Auszeichnungen aus dem Hause Burda angeht, ist Diekmann quasi der Leonardo DiCaprio der Top-Journalisten. Wobei Leo in seiner aktuellen Verfassung beim frühmorgendlichen Schwimm-Aufgalopp maximal drei Meter mit Kai Diekmann mithalten könnte, und sich dann ganz traditionell in Titanic-Manier verabschieden würde.

Bitte Stöhr Christian Drosten nicht

Stichwort verabschieden: Dr. Christian Drosten zog sich kürzlich aus dem Gremium zur Beurteilung der Corona-Maßnahmen zurück, das die Bundesregierung zusammengestellt hatte. Die Union, bei der eine Wette zu laufen scheint, wem aus der Fraktion es gelingt, die schlechteste Oppositionsarbeit zu leisten, hat diese Woche entschieden, wen sie gerne als Ersatz nominieren würde: ausgerechnet Klaus Stöhr. Unter den Top-Virologen und -Virologinnen, die ich kenne, genießt der geplante Drosten-Einwechselspieler einen, sagen wir mal freundlich, ambivalenten Ruf.

Stellen Sie sich zur Veranschaulichung einfach vor, Borussia Dortmund hat Erling Haaland im Kader, der den Verein aber plötzlich auf eigenen Wunsch verlässt - und sie verpflichten als Ersatz Xavier Naidoo. Können beide im Sturm spielen, es dürften sich allerdings wenige Fußballexperten finden, die darauf wetten, dass Naidoo auch nur annähernd so oft ins Tor treffen wird. Andererseits hat Stöhr es aber auch nicht leicht. Der Eindruck lässt sich nicht abschütteln, er wäre von der Union nicht in erster Linie aufgrund seiner überbordenden Qualifikation vorgeschlagen worden, sondern eher, weil er als jemand, der gebetsmühlenartig Karl Lauterbach und alle Regierungsentscheidungen zu Corona kritisiert hatte, perfekt in die Querulanten-Philosophie der neuen Friedrich-Merz-Union und ihrer Oppositionstaktik passt.

Unser täglich Kubicki gib uns heute

Wobei man über Stöhr eigentlich glücklich sein sollte. Er ist immerhin Virologe. Viele Beobachter des Berliner Politikzirkus hatten es in Anbetracht der jüngsten CDU-Historie nicht ausgeschlossen, dass aus den Reihen der Union jemand von Nestlé für die Kommission vorgeschlagen wird. Ja, die alten weißen Männer. Als Paradekandidat für den AWMA (Alter Weißer Mann Award) gilt dieses Jahr zweifelsfrei auch Wolfgang Kubicki. Das ist der Mann, der dem Null-Prozent-Quote-Sender "BILD TV" verriet, in seiner Stammkneipe würde man Karl Lauterbach "Spacken" nennen. Eine Stammkneipe, von der er mit Querdenker-Stolz berichtete, er sei dort trotz Corona-Verbots regelmäßig eingekehrt. Kubicki ist auch der Mann, der den Vizepräsidenten der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, mit Saddam Hussein verglich.

Dieser Mann jedenfalls ist zur großen Überraschung der überwältigenden Mehrheit unseres Landes nach wie vor Bundestagsvize und warf seiner grünen Amtskollegin Göring-Eckardt diese Woche vor, "unwürdig" zu agieren. Das ist ein bisschen so, als würde sich Mats Hummels darüber beschweren, Profifußballer hätten zu viele Affären mit jungen Instagram-Sternchen. Lustiger wird es nächste Woche sicher nicht. Nicht mal dann, wenn sich weiterhin selbsternannte Mobilitätsexperten echauffieren, wie man ein Neun-Euro-Ticket etablieren kann, wo man doch weiß, dass zu Stoßzeiten die Kapazitäten in den Zügen nicht ausreichen werden. Ganz im Gegenteil beispielsweise zur zukunftsträchtigen Fortbewegungsvariante PKW. Wie jeder weiß, sind unsere Autobahnen zu Stoßzeiten stets frei und garantieren verzögerungs- und staufreies Fahren.

Bitte nicht, Frau Guérot

Was war noch? Ach ja, bei Markus Lanz erklärte Ulrike Guérot der erstaunten Nation: "Ich bin die Verhandlungslösung!" Leider meinte sie dabei nicht die Verhandlungen zwischen dem FC Bayern und Robert Lewandowski, ob der sich freundlicherweise vorstellen könnte, seinen gültigen Vertrag zu erfüllen, sondern den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Wie oft sie bereits diplomatisch mit Wladimir Putin zusammengesessen und Vorschläge zum Abzug seiner Truppen aus dem völkerrechtlich zu Unrecht angegriffenen ukrainischen Territorium erörtert hat, verrät sie nicht.

Die diese Woche von der "FAZ" veröffentlichte Liste großflächiger Plagiate in ihrem offensichtlich nur sehr partiell selbst geschriebenen Buch, gepaart mit ihrer zuweilen recht kuriosen Meinung zu Coronamaßnahmen und Waffenlieferungen, zeichnen ein recht bedenkliches Bild einer Frau, die sich offensichtlich in der Rolle als Ikone eines wissenschaftsfeindlichen Randpublikums gefällt. Nun gibt es nach den verheerenden letzten Jahren mit Pandemie, fortschreitendem Klimawandel, einer sensibleren Gesellschaft, die von Rechtsaußen gerne pauschal als "woke" abqualifiziert wird und dem Krieg in der Ukraine inzwischen eine recht stabile Menge an Diskursteilnehmern, die Karl Lauterbach gerne vor ein Gericht stellen würden und davon überzeugt sind, dass Journalisten, TV-Sender und natürlich auch Kolumnistinnen von einer Art Bundeslügenpresseamt zu bestimmten Sichtweisen zwangsgebrieft werden. Etwa 15 Prozent schätze ich. Das klingt erstmal nach überschaubarer Größenordnung. Aber diese 15 Prozent schleißen "Welt"-Abos ab, kaufen Bücher von Frau Guérot und können in bestimmten Szenarien sogar Wahlen entscheiden.

Stichwort "Welt": Diese Woche erschien ein, naja, Text in der ehemaligen Akademiker-Zeitung, der zunächst mit "Wie ARD und ZDF unsere Kinder sexualisieren und umerziehen" überschrieben wurde. Nach kolossalem Empörungssturm und Kritik aus beinahe jeder Richtung (minus der oben beschriebenen 15 Prozent nebst den steigbügelhaltenden Begleitpublizisten) änderte sich die Überschrift wie von Geisterhand in "Wie ARD und ZDF unsere Kinder indoktrinieren". Aus "sexualisieren" wird "indoktrinieren", das Wort "umerziehen" entfällt. Selbst Verlags-Chef Mathias Döpfner sah sich genötigt, diesen bemerkenswert unterkomplex und eindimensional vorgetragenen, angeblich wissenschaftlich unterfütterten Angriff auf alles, was nicht heterosexuell wirkt, als "unterirdisch" zu titulieren.

Ein erneuter Meilenstein für die Geschichtsbücher fehlgeleiteter Bubble-Kommunikation. Alles in allem ein durchaus aufschlussreicher Vorgang, der ein weiteres Mal dokumentiert, dass es auch in der heutigen Zeit noch eine stattliche Anzahl ewig Gestriger gibt, die sich von einem Kinderprogramm wie "Die Sendung mit der Maus" bedrohter fühlen als von Klimawandel, Corona und der AfD zusammen. Ich bin sehr gespannt, wie sich dieser Kommentarspalten-Battle zwischen Vernunft und Brandbeschleuniger in der nächsten Woche entwickelt. Und ich werde natürlich berichten. Bis dann!

Lena Gercke zeigt eindeutige Fotos auf Instagram - die Reaktionen folgen prompt

Schon länger kursierten Schwangerschaftsgerüchte durch die Medien, nun ist es offiziell. Lena Gercke erwartet ihr zweites Kind.