Mit einer Rumpftruppe geht der Deutsche Ski-Verband in die Alpine Ski-WM ins schwedische Are. Der Kreis der Medaillen-Kandidaten ist überschaubar. Und trotzdem hat der DSV ein paar Eisen im Feuer - wenn alles optimal läuft.

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Hätte der Deutsche Ski-Verband - in offenbar sehr weiser Voraussicht - nicht schon vor Wochen seine ansonsten eher rigiden Vorgaben gelockert, die Ski-Nation Deutschland hätte wohl mit nur acht Athleten die Reise ins schwedische Are angetreten.

Zur Alpinen Ski-WM hat der Verband nun doch immerhin 16 Teilnehmer entsandt, sieben Damen und neun Herren. Die Hälfte von ihnen hätte den Trip - streng genommen - gar nicht in Angriff nehmen dürfen.

Acht Fahrerinnen und Fahrer scheiterten an der internen Norm. Sie schrieb für die Qualifikation für die WM vor, im Weltcup ein Mal unter den ersten Acht oder zwei Mal unter den ersten 15 zu landen.

Aus "perspektivischen Gründen" wollte der DSV aber seine jungen Fahrerinnen und Fahrer Erfahrungen sammeln lassen und verzichtete auf die Erfüllung der Norm.

Angeleitet von den alten Hasen Viktoria Rebensburg und Felix Neureuther, sollen die Jungen jetzt lernen - und die Veteranen nach Möglichkeit die eine oder andere Medaille einfahren.

"Wir fahren mit einer kleinen, aber hoffnungsvollen Mannschaft zu den Weltmeisterschaften. Wir wollen mit unserer Mannschaft um Medaillen kämpfen und unsere Möglichkeiten bestmöglich nutzen, um Edelmetall gewinnen zu können", sagt DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier.

Besonders rosig sind die deutschen Aussichten allerdings nicht. Das Verletzungspech hat in der zweiten Saison in Folge unerbittlich zugeschlagen. Trotzdem gibt es Hoffnungsträger im DSV-Tross.

Die Speed-Disziplinen

DSV-Fahrer Josef Ferstl rast am 25. Januar 2019 in Kitzbühel zum überraschenden Sieg im Super-G.

Mit Thomas Dreßen und Andreas Sander fehlen zwei potenzielle Medaillen-Kandidaten in den Speed-Disziplinen. Beide haben sich bei Stürzen das Kreuzband im Knie gerissen. Ohne die beiden liegt der Fokus fast komplett auf Josef Ferstl.

Der hatte bis vor Kurzem selbst noch eine sehr durchwachsene Saison. Dann aber kam das Renn-Wochenende in Kitzbühel. Schon in der Abfahrt überraschte Ferstl mit Rang sieben. Im Super-G toppte der 30-Jährige dieses Resultat noch. Als erster Deutscher gewann Ferstl in dieser Disziplin auf der legendären Streif.

Ferstl hat sich damit zumindest in den engeren Kreis der Medaillen-Kandidaten gefahren. In der Abfahrt und im Super-G dürfte der Filius des zweimaligen Kitzbühel-Siegers Josef Ferstl senior Außenseiterchancen haben.

Die Konkurrenz mit den starken Italienern, Österreichern und Norwegern, und natürlich mit der Naturgewalt Beat Feuz aus der Schweiz, ist enorm.

Ferstls DSV-Kollegen Manuel Schmid und Dominik Schwaiger haben nur an einem Sahnetag die Chance auf eine Top-Platzierung bei der WM. Schwaiger raste quasi in Ferstls Windschatten in Kitzbühel immerhin auf die Positionen 17 (Abfahrt) und 12 (Super-G).

Etwas besser sieht die Lage bei den Damen aus. Kira Weidle hat mit ihrem dritten Platz beim Garmischer Super-G zuletzt nochmals aufhorchen lassen und ihre gute Form rechtzeitig vor der WM unterstrichen. Weidle dürfte wie Ferstl auch in beiden Speed-Disziplinen Chancen haben.

Dazu kommt mit Viktoria Rebensburg eine Wundertüte im Super-G. Dreht der Lauf etwas mehr und ist weniger direkt gesteckt, sollte auch für Rebensburg eine gute Platzierung drin sein. Michaela Wenig und Meike Pfister können in Are wichtige Erfahrungen sammeln.

Der Riesenslalom

Viktoria Rebensburg, hier am 24. Januar 2019 während er Weltcup-Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen, ist bei der Alpinen Ski-WM in Are in allen Disziplinen - außer dem Slalom - am Start und jeweils eine Medaillenkandidatin.

Natürlich geht Olympiasiegerin Rebensburg als eine der großen Favoritinnen ins Rennen, obwohl die Generalporobe in Maribor gründlich daneben ging. Rebensburg hat oft genug bewiesen, dass sie auf den Punkt auch mental da sein kann.

Zudem hat sie mit dem Riesenslalom im Rahmen von Weltmeisterschaften noch die eine oder andere Rechnung offen.

Die 29-Jährige ist zum siebten Mal bei einer Alpinen Ski-WM am Start. Da ihre Premiere 2007 auch in Are stattfand, schließt sich für sie ein Kreis. Damals wurde die erst 17-jährige Rebensburg Achte. Ihre einzige Medaille im Riesenslalom, eine silberne, holte die Allrounderin 2015 in Vail/Beaver Creek.

Lena Dürr als wohl zweite deutsche Fahrerin hat allenfalls minimale Außenseiterchancen. In sechs von elf Weltcuprennen in der laufenden Saison brachte Dürr kein Resultat ins Ziel. Andererseits landete sie zwei Mal unter den besten Zehn und zwei Mal in den Top 15.

Bei den Männern ist im wahrsten Sinne des Wortes Alles und Nichts möglich. Stefan Luitz wäre Großes zuzutrauen gewesen. Dann kam die Sauerstoff-Affäre, das CAS-Urteil, der aberkannte Sieg im Riesenslalom von Beaver Creek.

Der zweite Tiefschlag binnen weniger Tage war die ausgekugelte Schulter beim Riesenslalom in Adelboden. Luitz war seinerzeit auf Bestzeit-Kurs unterwegs. Nicht einmal er selbst wird sein echtes Leistungsvermögen einschätzen können.

Ähnlich dürfte es bei Neureuther sein, der den Riesenslalom gerne als Aufgalopp für den Slalom nutzt. Dominik Stehle und Alexander Schmid sind im Normalfall ohne Chancen.

Der Slalom

Christina Geiger, die routinierteste deutsche Slalom-Fahrerin, zeigte sich im Vorfeld der Alpinen Ski-Wm in Are in guter Form. In Flachau (im Bild) fuhr Geiger am 8. Januar 2019 auf Rang sechs.

Luitz, Neureuther, Stehle, Alex Schmid: Auf dem Papier ist der DSV bei den Männern ganz ordentlich aufgestellt - und das ohne Vizeweltmeister Fritz Dopfer.

Mit Neureuther gibt es immerhin so etwas wie ein Dark Horse, von dem auch die Konkurrenz nicht so recht weiß, wie gut er wirklich schon wieder ist.

Bei den Damen dürfte Slalom-Spezialistin Christina Geiger auf alle Fälle für einen Platz unter den ersten Sechs gut sein. Geiger fährt eine tolle Saison.

Seit dem Jahreswechsel ist bei Geiger ein Knoten geplatzt: Platz sieben an Neujahr beim City-Slalom in Oslo, Rang fünf in Zagreb, dann Sechste in Flachau. Rang zehn zuletzt in Maribor ist in dieser Reihe bereits das schlechteste Resultat Geigers, die während der WM - am 6. Februar - ihren 29. Geburtstag feiert.

Bei Großevents (WM und Olympia) aber hatte Geiger bis dato wenig Glück. Fünf Mal fiel sie aus. Nur 2010 bei den Winterspielen im kanadischen Vancouver brachte sie mit Rang 14 den Slalom zu Ende. Um es in Are aufs Treppchen zu schaffen, bräuchte es angesichts der brutalen Konkurrenz bei den Damen fast schon ein kleines Wunder.

Dürr hat noch geringere Chancen aufs Podest als Geiger. Für Marlene Schmotz ist die Teilnahme an der WM schon ein Erfolg. Die 24-Jährige fuhr in der laufenden Saison nur zwei Mal in die Weltcup-Punkte, je ein Mal im Slalom (25. in Zagreb) und im Riesenslalom (23. in Maribor).

Kombination und Teamwettbewerb

Felix Neureuther, hier am 29. Januar 2019 während des Weltcup-Slaloms in Schladming, bestreitet in Are bereits seine neunte Alpine Ski-WM.

Dürr und Weidle sind für die Damen-Kombination vorgesehen und dürfen sich im besten Fall Außenseiterchancen ausrechnen.

Den Teamwettbewerb bestreiten voraussichtlich Dürr und Rebensburg, dazu kommen die männlichen Kollegen Neureuther, Luitz, Linus Straßer oder Anton Tremmel.

Auch hier erscheint die Konkurrenz übermächtig, aber mit dem ausgewiesenen Parallelslalom-Experten Straßer wäre ein Überraschungscoup vielleicht möglich.

So wie bei der WM-Premiere des Teamwettbewerbs 2005 in Bormio. Damals sicherte sich die DSV-Equipe Gold vor Österreich und Frankreich. Neureuther ist aus dem deutschen Aufgebot noch immer dabei. Der 34-Jährige bestreitet seine neunte und - voraussichtlich - letzte Alpine Ski-WM.

Für die Kombination der Männer sind Ferstl und Straßer vorgesehen - beide aber wohl ohne Chancen.