• Hassen al-Thawadi ist der Chef des lokalen Organisationskomitees der WM 2022 in Katar
  • Seine Funktion geht allerdings weit über das Fußball-Turnier hinaus. Er soll das Land Katar insgesamt wettbewerbsfähiger machen
  • Der Spagat zwischen dem konservativen Katar und dem weltoffenen Westen ist sein größtes Hindernis auf dem Wege dorthin

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Hassen al-Thawadi befindet sich auf einer schwierigen Mission. Er soll Katar, den Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2022, als ein weltoffenes Land präsentieren. "Gastfreundschaft und die Aufnahme von Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt in unserem Land ist Teil unserer Kultur", sagt er in einem aktuellen Interview mit "BBC".

Die Vorwürfe der Menschenrechtsverletzungen stehen dieser Aussage im Wege. Hassan Abdullah al-Thawadi, so sein vollständiger Name, ist der Chef des lokalen Organisationskomitees der WM 2022. Er hat also praktisch eine ähnliche Funktion wie Franz Beckenbauer bei der WM 2006 in Deutschland.

Entsprungen ist er allerdings nicht dem Fußball, sondern dem katarischen System. Al-Thawadi gilt als ein enger Vertrauter von Tamim bin Hamad Al Thani, dem Staatsoberhaupt von Katar. Der Alleinherrscher hat al-Thawadi persönlich zum WM-Boss ernannt.

Qatar National Vision 2030

Die Weltmeisterschaft 2022 mag im öffentlichen Fokus stehen. Für Katar allerdings ist das Turnier lediglich ein Puzzlestück von etwas Größerem. Die "Qatar National Vision 2030“, die im Jahre 2008 entwickelt wurde, soll das Land mit lediglich 2,67 Millionen Einwohnern und nur etwa 300.000 Einheimischen nach vorne bringen.

Das Ziel: mehr Bildung, mehr Gesundheit, mehr Investitionen in internationale Firmen, mehr Umweltschutz. Die Weltmeisterschaft wurde genutzt, um die Infrastruktur zu erschaffen. Nicht nur die modernen Stadien, sondern auch Hotels und öffentliche Verkehrsmittel schossen aus dem Boden. Laut Schätzung von al-Thawadi wurden mehr als 200 Milliarden Dollar investiert.

"Wir sollten uns nicht für unsere Ambitionen entschuldigen, diese WM ausrichten zu wollen", sagt er. "Wir sind ebenso fußballverrückt wie der Rest der Welt. Es ist nur legitim, dass wir dies der Welt zeigen, damit sich die Wahrnehmung unseres Landes ändert."

Der Umgang mit der Homosexualität

Hassan al-Thawadi muss einen Balanceakt vollführen. Einerseits soll er Katar als weltoffenes Land präsentieren, andererseits darf er im Land nicht die überwiegend konservative Bevölkerung verprellen. Das beste Beispiel dafür ist der Umgang mit der Homosexualität.

In Katar ist gleichgeschlechtliche Liebe kriminalisiert und tabuisiert, in der westlichen Welt hingegen ein Bestandteil von Freiheit. "Alle sind willkommen", sagt er immer wieder, um sich als guter Gastgeber zu erweisen, stellt aber klar: "Es gehört nicht zu unserer Kultur, öffentlich Zuneigung zu zeigen, unabhängig von der sexuellen Orientierung."

In einem Porträt in der "Neuen Züricher Zeitung" wird der studierte Rechtswissenschaftler passend beschrieben: "Der Anwalt ist alles, was das kleine Emirat sein will. Modern, aber nicht zu modern; westlich, aber nicht verwestlicht; religiös, aber nicht fundamentalistisch."

Er selbst hat das Gefühl, dass seine Region vielfach nicht verstanden wird: "Für Dekaden ist der Nahe Osten diskriminiert worden. Und zwar vor allem von Leuten, die uns nicht kennen. Und die uns zum Teil auch gar nicht kennenlernen wollten."

Seine Hoffnung ist, dass sich dies durch den Fußball ein wenig verändert. "Die WM ist eine gute Gelegenheit für einen kulturellen Austausch und eine Gelegenheit, die unterschiedliche Herkunft und verschiedenen Werte, die uns ausmachen, in respektvoller Weise schätzen zu lernen", sagte er einmal gegenüber dem "kicker".

Gleichwohl nimmt er die eigenen Landsleute in die Pflicht. "Wir müssen auch unsere eigenen Vorstellungen ändern. Die Leute wollen uns nicht kolonisieren, wir müssen wegkommen von diesen Verschwörungstheorien."

Der Aufstieg von al-Thawadi gleicht einem Märchen

Man könnte durchaus sagen, al-Thawadi ist der Vermittler zwischen zwei völlig unterschiedlichen Weltbildern. Sein Werdegang prädestiniert ihn dazu und gleicht einem Märchen. Er hatte keinerlei familiäre Verbindung zum Herrscher-Clan der Al Thanis, sondern entsprang einer bürgerlichen katarischen Familie.

Sein Vater hat als Botschafter in Spanien gearbeitet. Er selber ging nach England und schloss an der University of Sheffield ein Jura-Studium ab. "Hier lernte ich, eine offene Gesellschaft zu verstehen", sagt er. Zudem wurde sein Interesse für Fußball weiter entfacht: "In England ist Liverpool mein Klub."

Hassan al-Thawadi spricht vier Sprachen fließend. Nicht nur Arabisch und Englisch, sondern auch noch Französisch und Spanisch. Über sein Privatleben ist wenig bekannt. Der 44-Jährige soll ein verheirateter Familienvater sein, der in seiner Freizeit gerne Kickboxen betreibt, arabische Musik hört und sich an den Ramadan hält. Viel mehr Informationen sind über ihn als Mensch nicht im Umlauf.

Nach seinem Studium arbeitete er für das staatliche Unternehmen Qatar Energy, welches Erdöl und Erdgas fördert. 2006, im Alter von 28 Jahren, wurde er zum Generalberater von Qatar Investment Authority und Qatar Holding ernannt. Er war mit dafür zuständig, die wirtschaftlichen Aktivitäten des Landes zu koordinieren.

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Ex-Fifa-Präsident Blatter lobt al-Thawadi

Etwa in dieser Zeit dürfte auch sein Kontakt zum Staatsoberhaupt von Katar intensiviert worden sein. Hassan al-Thawadi wurde zum Geschäftsführer von Katars-Bewerbung für die Weltmeisterschaft 2022 ernannt. Als diese erfolgreich war – Katar setzte sich gegen die USA, Südkorea, Japan und Australien durch – wandte er sich der Organisation zu.

Seitdem hat er sich viel Respekt in der Fußballbranche erarbeitet. Selbst der ehemalige Fifa-Präsident Sepp Blatter, der ein bekennender Gegner der WM in Katar ist, lobt ihn: "Wenn ich noch bei der Fifa wäre, würde ich Hassan sofort engagieren. Er hat eine menschliche Ausstrahlung und ist ein Gewinn für diese Weltmeisterschaft."

Ob das stimmt, wird sich nun zeigen.

Verwendete Quellen:

  • Nzz.com: Hassan Al Thawadi ist viel mehr als der Chef der Fussball-WM. Im Auftrag des Emirs baut er das Land um – mit viel Geld und gegen noch mehr Widerstand
  • kicker.de: "Die faulen Äpfel früh aussortieren": Katars OK-Chef im Interview
  • bbc.com: Qatar World Cup 2022: Criticism 'ill-informed', says tournament chief Hassan Al-Thawadi
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