Eine Analyse
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Der historische WM-Triumph der deutschen U17-Nationalmannschaft könnte ein Startpunkt für eine neue Generation an A-Nationalspielern sein. Dafür müssten sich die deutschen Profi-Klubs aber auch ein Stück bewegen – und wieder mutiger werden.

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"Geht‘s raus und spielt‘s Fußball", hat ein Mitarbeiter der deutschen U17-Nationalmannschaft vor dem Finale gegen Frankreich mit auf den Weg gegeben. Die deutschen Spieler dürften vom ikonischen Rat, dem Bonmot des großen Franz Beckenbauer, nichts mehr mitbekommen haben. Sie standen zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Rasen, bereit für den größten Erfolg ihrer noch jungen Karrieren.

Deutschland ist U17-Weltmeister. Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Wettbewerbs, erstmals hat es ein amtierender Europameister zum Titel beim Weltturnier geschafft. Erst im Sommer hatte diese Mannschaft bei der EM triumphiert – in einem Finale gegen Frankreich, nach Elfmeterschießen.

Das Endspiel nun im Manahan Stadium in Surakarta legte noch ein letztes Mal das gesamte Spektrum dieser Mannschaft offen: Leidenschaft, Kampf, Willensstärke, Widerstandskraft und eine gute Portion spielerische Klasse. Im letzten Spiel dieses Jahrgangs war es der spektakulärste Abgang in die nächste Altersstufe.

Wück: "Ein unglaubliches Glücksgefühl"

Die deutsche Delegation hatte im Vorfeld der Partie gehörigen Respekt vor der Athletik und der Robustheit der Franzosen – und schlug den Gegner dann unter anderem mit ihrer Athletik und Robustheit. Die deutschen Spieler waren aggressiv und hellwach, immer einen Tick schneller als ihre Gegenspieler und zeigten sich in den Zweikämpfen unerschrocken und widerstandsfähig.

Und sie hatten offenbar nicht so sehr mit den Nerven zu kämpfen wie die Franzosen, die in der ersten Halbzeit wie gehemmt wirkten. Sie gingen einfach raus und spielten Fußball. Und mussten dann nach einem 2:0-Vorsprung doch wieder erfahren, dass zum Weg zu großen Titeln auch eine große Leidensfähigkeit gehört.

Der schnelle Anschlusstreffer der Franzosen und ein Platzverweis für die deutsche Mannschaft läuteten eine regelrechte Abwehrschlacht der Mannschaft bei mörderischen äußeren Bedingungen ein. Der späte Ausgleich der Franzosen war verdient, im Elfmeterschießen schien die Equipe Tricolor dann nach dem Fehlschuss des deutschen Außenverteidigers Eric da Silva Moreira schon auf der Siegerstraße.

Aber wie schon im Halbfinale gegen Argentinien schwang sich Torhüter Konstantin Heide zum Helden auf. Der 17-Jährige von der Spielvereinigung Unterhaching parierte zwei Versuche der Franzosen, Almugera Kabar vom HSV verwandelte dann den sechsten Elfmeter der deutschen Mannschaft zum Sieg.

"Wenn einer den Charakter der Mannschaft kennengelernt hat, dann heute in diesem Spiel. Ich kann kaum in Worte fassen, wie stolz ich auf diese Mannschaft bin", sagte Trainer Christian Wück bei RTL. "Mir fehlen die Worte, das ist ein unglaubliches Glücksgefühl. Ich bin so dankbar, diese Mannschaft betreuen zu dürfen!"

Endlich positive Schlagzeilen für den DFB

Nacheinander die USA, Spanien, Argentinien und nun auch Frankreich hat das deutsche Team auf dem Weg zum historischen Double aus dem Weg geräumt. Über die Geschichte und das große Kämpferherz der Mannschaft war in den letzten Tagen genug zu lesen und zu hören. Aber erst der Titelgewinn wird den Ruf der Mannschaft auch für längere Zeit zementieren.

Und vielleicht auch ein bisschen Anschub leisten für dieses andere große Turnier, das im kommenden Sommer in Deutschland stattfindet. Der schwer gebeutelte Deutsche Fußball-Bund jedenfalls benötigt Geschichten wie diese seiner U17-Nationalmannschaft. Und auch ein paar Typen wie den Spieler des Turniers, Paris Brunner. Der hat auch im Finale gegen die Franzosen getroffen, es war Brunners 20. Tor im 25. Spiel für die deutsche U17 und sein fünftes Turniertor.

Vor ein paar Wochen war Brunner bei seinem Klub Borussia Dortmund in Ungnade gefallen, selbst ein Rauswurf stand im Raum und auch seine Teilnahme an der WM. Nun ist Brunner eines der Gesichter des Triumphs und derjenigen, denen eine rosige Zukunft im Profibereich prophezeit wird.

Umdenken bei den deutschen Klubs

Dafür wäre aber ein Umdenken bei den Klubs der ersten und zweiten Liga notwendig. Deutsche Talente aus dem eigenen Stall bekommen und bekamen in den letzten Jahren immer weniger Spielzeit. Mehr als vereinzelte Berufungen in die Kader oder ein paar Minuten am Ende einer Partie durfte das Gros nicht sammeln.

Ohne Spielpraxis fehlt der Anschluss und in letzter Konsequenz auch die Weiterbeschäftigung auf höchstem Niveau. Die Vereine bis hinunter zur 3. Liga brachten immer weniger Mut auf, diesen jungen Spielern nachhaltig Einsatzzeiten zu geben. Sollen aus dem besonders talentierten 2006er Jahrgang in den kommenden Jahren auch ein paar Spieler in der Bundesliga auftauchen und sich dort behaupten, müssen die Klubs die entsprechende Grundlage dafür schaffen.

Ansonsten bleiben die beiden Titel der U17 eine Randnotiz und nicht der Ausgangspunkt einer neuen Generation deutscher A-Nationalspieler. Und das muss letztlich ja das Ziel sein. Nicht für die Heim-EM im kommenden Jahr. Aber für die Turniere danach.


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Teaserbild: © dpa / Achmad Ibrahim/AP