• Die Wahl des neuen Bundestrainers kommt nicht mehr überraschend.
  • Hansi Flicks Arbeit beim Deutschen Fußball-Bund könnte aber trotz der mutmaßlichen Traumhochzeit doch auch turbulent werden.
Eine Analyse
von Stefan Rommel

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Vielleicht muss das alles sein: Die vielen neuen Spezialisten, die Trainerteams, die mittlerweile so groß sind wie eine halbe Fußballmannschaft, die Verwissenschaftlichung des Fußballs. Vielleicht ist das einfachste Spiel der Welt aber immer noch: das einfachste Spiel der Welt. Und der Job des Trainers in erster Linie der eines ordentlichen Pädagogen mit einer gesunden Portion Menschenkenntnis und Empathie.

Hansi Flick ist so ein Menschenfreund. Und er wird bald Bundestrainer sein. Die Wahl des Deutschen Fußball-Bunds für Flick war keine große Überraschung mehr. Tatsächlich musste man sich aber in einem zerrütteten Verband schon Sorgen darum machen, ob sich überhaupt noch der eine oder andere Funktionär finden könnte, der so eine Entscheidung auch durchwinkt. Für den DFB unterzeichneten die beiden 1. DFB-Vizepräsidenten Peter Peters und Rainer Koch, sowie Schatzmeister Stephan Osnabrügge, die drei lame ducks.

Bierhoff als Verbündeter

Schon bei der Vertragsunterzeichnung in Frankfurt bekam der Bald-Bundestrainer Flick einen Eindruck davon, was ihn demnächst erwarten könnte. Der DFB liegt in Trümmern und es wird eine ganze Weile brauchen, die vakanten Posten zu besetzen. Im besten Fall mit den richtigen Leuten. In Oliver Bierhoff hat Flick einen engen Verbündeten als Vorgesetzten, das ist ein Vorteil - für beide.

"Er stand von Anfang an ganz oben auf meiner Wunschliste. Die menschlichen und fachlichen Qualitäten von Hansi Flick kenne und schätze ich seit unseren vielen gemeinsamen erfolgreichen Jahren bei der Nationalmannschaft", wird DFB-Direktor Bierhoff in einer DFB-Mitteilung zitiert. "Ich freue mich, meine Vorstellungen und Ideen über die Nationalmannschaft hinaus in der Akademie und den weiteren Nationalmannschaften einzubringen", sagte Flick.

Flick wird aktiver und präsenter sein als Löw

Flick wird einen anderen Rhythmus anschlagen als sein Vorgänger Joachim Löw. Der hielt das Tempo eher gemütlich, ging vor allen Dingen zuletzt oft den Weg des geringen Widerstands, machte sich teilweise wochenlang unsichtbar. Flick wird ziemlich sicher deutlich aktiver sein. Er wird den Kontakt zu den Klubs von sich aus suchen, wird Präsenz zeigen und auch die Richtung der deutschen Trainerschaft bestimmen.

Im DFB sind rund 5.000 Trainer mit einer A-Lizenz oder dem Fußballlehrer versammelt, der Bundestrainer füllt das höchste Amt dieser Gruppe aus. Ihm fällt also automatisch eine Vorbildfunktion zu - und die will und soll Flick so gut es eben geht auch sichtbar ausfüllen.

Das wird nicht immer einfach sein, auch im Austausch mit den Klubs. Deshalb benötigt Flick zumindest Bierhoff und dessen Team als Rückendeckung. Bierhoff drückt derzeit den DFB-Campus durch, bald schon soll das sündteure Prestigeprojekt fertig sein und den DFB mit seinen Mannschaften, der Nachwuchs- und Trainerausbildung in eine neue Zeit führen.

Das "Kompetenzzentrum des deutschen Fußballs" dürfte mit Flick als Bundestrainer nochmal einen Schub bekommen. Weil der frischen Wind verspricht im Vergleich zum eher amtsmüden Löw, dessen Image in der öffentlichen Wahrnehmung in den letzten Jahren doch sehr gelitten hatte. Und weil der die DFB-Nachwuchs- und Trainerreform "Projekt Zukunft" auch nach innen begleiten und außen transportieren soll.

Jede Menge Respekt verschafft

Der ehemalige Co-Trainer Flick hat sich durch sein energisches Auftreten beim großen FC Bayern eine Menge Respekt verschafft. Er hat sich von den Großkopferten in München nichts vorschreiben lassen. Hat seinen Job überragend erledigt und sich dann mit aller Macht durchgesetzt. Flick hat den erfolgreichsten Klub des Landes ein paar Wochen vor sich hergetrieben und dabei immer auch die Kommunikationshoheit behalten.

Und selbst wenn es am Ende so gewesen sein sollte, dass die Bayern-Bosse Flick ohnehin den Neuaufbau einer Mannschaft nicht zutrauten und gar nicht so sehr an einer Weiterbeschäftigung interessiert waren: Der ruhige, fleißige Herr Flick ging aus dem Machtkampf mit den tobenden Bayern als Sieger hervor. Und als derjenige, der am Ende seine Ziele vollumfänglich erreichte.

Flick wird auch im Umgang mit der Nationalmannschaft einen anderen Weg beschreiten als Löw. Der hat nach dem WM-Desaster von 2018 den Um- und Stilbruch befohlen und auch die dafür notwendigen Personalentscheidungen getroffen. Löw hat seitdem sehr viel experimentiert.

Auf der Suche nach dem einen oder anderen tragfähigen Konzept war das sicherlich notwendig. Aber dem Noch-Bundestrainer fehlten die nötigen Ergebnisse, um seine Laborstudien auch mit einem gesunden Fundament auszustatten. Von Flick ist eine straffere Herangehensweise zu erwarten, die wohl auch konservativer sein wird.

Mit Spielern, die er bereits kennt und denen er bedingungslos vertraut. Dazu gehören auch die Weltmeister Thomas Müller und Mats Hummels, die nun für die EM zurückgeholt wurden - und mit Flick als Bundestrainer beste Chancen haben, auch über das Endturnier hinaus ihren Platz in der Mannschaft zu behalten. Die entsprechenden sportlichen Leistungen natürlich vorausgesetzt.

Keine Lust auf Politik

Je nachdem, wer demnächst die ganzen Posten in der Führungsetage bekleiden wird, dürfte von dort auch immer ein gewisser Drang zur Erneuerung kommen. Von eher unqualifizierter Seite, so mit Blick auf die letzten Jahre jedenfalls, ist zu vermuten. Auch deshalb war es wichtig, dass Bierhoff quasi auf Augenhöhe mit Flick bleibt und kommuniziert und die beiden ein Bollwerk bilden können gegen die Angriffe, die definitiv kommen werden.

Flick hat in seinen Jahren beim DFB gelernt, sich von den falschen Leuten fernzuhalten und seine Linie zu fahren. Da ist es von Vorteil, einen Sozius zu haben. Er wisse "aus bester Erfahrung, dass ich mit Oliver Bierhoff einen starken, vertrauensvollen Partner an meiner Seite habe", sagte Flick. Damit werden sie beim DFB in Zukunft umgehen müssen, aber immerhin bleibt auch die Gewissheit: Mit Flick als wichtigstem Angestellten im Verband bleibt die totale Revolution aus.

Nach 15 Jahren mit Löw und eingeschliffenen Abläufen hätte mit einer anderen, radikaleren Lösung auch vieles neu überdacht werden müssen. Von Flick ist die ganz harte Umkehr nicht zu erwarten. Und so richtig zeitgemäß wäre sie auch nicht mehr: Längst wird der moderne Fußball nicht mehr in den Verbänden konzipiert, sondern in den großen und manchmal auch den kleineren Klubs des Kontinents. Aber darum gehrt es beim DFB und der Nationalmannschaft ja auch nicht. Insofern erscheint Flick - bei dem man genau weiß, was man bekommt - als die beste aller möglichen Lösungen.

Allerdings sind die Aufgaben für den Neuen durchaus heikel. Flick muss eine Mannschaft aufbauen, die nicht nur die umstrittene Weltmeisterschaft im kommenden Jahr einigermaßen erfolgreich absolvieren, sondern auch im Hinblick auf die Heim-EM 2024 um den Titel mitspielen kann. Die WM in Katar wird begleitet werden durch allerlei Getose drumherum und es wird an Flick liegen, das zu moderieren.

Er wird nicht nur da mit jeder Menge (Sport-)Politik in Verbindung kommen - etwas, das der puristisch veranlagte Flick zwar ablehnt, letztlich aber unvermeidbar sein wird. Denn auch wenn er grundsätzlich keine Lust auf Ränkespiele und Staatsführung hat: Er wird sich damit arrangieren müssen.

Wie wird die Fallhöhe sein?

Und einiges wird auch mit dem Abschneiden der deutschen Mannschaft, Löws Mannschaft, bei der anstehenden EM zusammenhängen. Die Fallhöhe zum Beispiel, mit der Flick seinen Job antreten wird. Muss er dann einen möglichen Erfolg konservieren und vielleicht punktuell arbeiten?

Oder soll er als eine Art Wunderheiler nach zwei verkorksten Turnieren in Folge für eine Wende sorgen? Hansi Flick hat seinen Traumjob bekommen, der DFB seine absolute Wunschlösung. Aber von einer störungsfreien Ehe sollte deshalb niemand gleich ausgehen.

Verwendete Quellen:

  • dfb.de: Hansi Flick wird neuer Bundestrainer

Hansi Flick wird neuer Fußball-Bundestrainer

Hansi Flick wird neuer Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft. Der bisherige Bayern-Erfolgscoach folgt nach der Europameisterschaft in diesem Sommer auf Joachim Löw und erhält einen Vertrag bis ins Jahr 2024, wie der Deutsche Fußball-Bund am Dienstag bestätigte.