In Berlin gibt es eine regeltechnisch höchst komplexe Strafraumsituation, in der sich die Frage stellt: Abseits oder Strafstoß? Der Schiedsrichter löst den kniffligen Fall korrekt – in Echtzeit.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Eine Kolumne

Wer sich schon im vergangenen Jahrhundert für Fußball interessiert hat, wird sich womöglich noch an ein taktisches Mittel erinnern, das so manche offensiv ausgerichtete und eigentlich überlegene Mannschaft an den Rande des Wahnsinns trieb: die Abseitsfalle.

Dabei ging es darum, bei einem Angriff des Gegners die Stürmer durch ein rechtzeitiges geschlossenes Vorrücken der Verteidiger ins Abseits zu stellen. Der Zeitpunkt dieses Vorrückens orientierte sich dabei am Moment des erwarteten gegnerischen Passes auf einen Angreifer.

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Sofern das Timing der Defensive stimmte, befanden sich anschließend oft mehrere Stürmer gleichzeitig im Abseits, was zu einem Pfiff des Schiedsrichters führte.

Heute ist die Abseitsfalle so gut wie ausgestorben. Sie war ein so einfaches wie hässliches Mittel, um das Offensivspiel des Gegners zu zerstören und Tore zu verhindern.

Deshalb gab es in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mehrere Modifikationen der Abseitsregel, die allesamt zugunsten der Offensive ausfielen.

Warum die Abseitsfalle ausgestorben ist

Zur Hochzeit der Abseitsfalle führte, etwas verkürzt gesagt, bereits die bloße Abseitsstellung eines Angreifers im Moment der Ballabgabe durch seinen Mitspieler zu einem Pfiff, auch wenn dieser Angreifer weder den Ball spielte noch einen Gegner beeinflusste.

Das hat sich dank der obersten Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) grundlegend geändert. Längst ist eine Abseitsstellung an sich kein Grund mehr für eine Spielunterbrechung, nur noch das aktive Einwirken auf das Spiel aus dem Abseits heraus wird bestraft.

Das Ifab definierte vor allem den Tatbestand der Beeinflussung eines Gegners mehrmals neu und schuf dabei die Grundlage für eine Regelauslegung, die im Abseits befindlichen Stürmern relativ viel Handlungs- und Bewegungsspielraum lässt. Eine Abseitsfalle wäre deshalb ein gänzlich unkalkulierbares Risiko.

Im Sommer 2013 kam eine weitere Änderung hinzu: Seitdem liegt kein strafbares Abseits mehr vor, wenn ein im Abseits befindlicher Spieler "den Ball von einem gegnerischen Spieler erhält, der den Ball absichtlich spielt". Mit "absichtlich" ist dabei nicht "kontrolliert" gemeint, sondern das bewusste Zum-Ball-Gehen, das auch in einem Fehlpass oder einem Ballverlust münden kann.

Abseits statt Strafstoß?

Diese Veränderungen haben den Offensivfußball begünstigt, die Abseitsregel in der Praxis aber auch komplexer und komplizierter werden lassen. Ein Beleg dafür ist eine Szene aus der 38. Minute des Spiels zwischen Hertha BSC und der TSG 1899 Hoffenheim (1:1), die für viele Kontroversen sorgte.

Bei einem Angriff der Hoffenheimer brachte Serge Gnabry den Ball von der rechten Seite in den Strafraum, in der Mitte verpasste Adam Szalai die Kugel, derer sich daraufhin der Berliner Verteidiger Niklas Stark bemächtigte.

Er verlor sie jedoch gleich wieder an Nico Schulz, den er in seinem Rücken übersehen hatte. Beim Versuch der Wiedereroberung brachte er den Hoffenheimer zu Fall, Schiedsrichter Deniz Aytekin entschied deshalb sofort auf Strafstoß.

Dass Stark ein Foulspiel begangen hatte, war unstrittig. Die Berliner protestierten aus einem anderen Grund: Bei Gnabrys Pass befand sich Schulz knapp außerhalb des Feldes und war damit in dem Moment, als er den Platz wieder betrat, im Abseits.

Hertha argumentierte, dass er aus dieser Abseitsposition heraus Stark angegriffen und den Ball erobert hatte. Nach ihrer Ansicht hätte es deshalb keine Elfmeter für die Gäste geben dürfen. Auch der frühere Fifa-Schiedsrichter Markus Merk vertrat bei Sky diese Position.

Doch Aytekin hatte richtig entschieden, wie die Schiedsrichter-Kommission des DFB umgehend bestätigte.

Schulz‘ Abseitsstellung war nicht relevant

"Der Berliner Spieler Niklas Stark geht in der betreffenden Szene klar zum Ball und nimmt diesen an. Damit ist die vorherige Abseitsstellung des Hoffenheimer Spielers Nico Schulz regeltechnisch nicht mehr relevant", hieß es in einer Erklärung.

Die Regelauslegung durch das Schiedsrichterteam sei somit "absolut korrekt", weshalb auch "kein Anlass für einen Eingriff des Video-Assistenten" bestanden habe.

Tatsächlich konnte der Herthaner die Kugel unbedrängt annehmen – auch das gilt als "absichtliches Spielen" des Balles –, Schulz‘ Abseitsstellung war deshalb in diesem Moment nicht strafbar.

Anders hätte sich die Sachlage dargestellt, wenn Stark bereits bei der Ballannahme vom Hoffenheimer angegriffen worden wäre. So aber entstand eine neue Spielsituation, und die vorherige Abseitsposition von Schulz war nicht mehr von Belang.

Man mag es seltsam finden, dass es für die Hertha besser gewesen wäre, wenn Stark gar nicht erst zum Ball gegangen wäre oder diesen verfehlt hätte – dann nämlich wäre Schulz‘ Abseitsstellung im Moment der Ballberührung strafbar gewesen.

Doch über Sinn und Unsinn einer Regel oder von deren Auslegung haben die Unparteiischen nicht zu befinden. Sie müssen sie lediglich korrekt anwenden. Das tat Deniz Aytekin im Verbund mit seinem Assistenten – und das in Echtzeit.