Packt der FC Bayern das nächste ganz große Ding? Taktik, Einstellung, Teamgeist: Der Rekordmeister wirkt bereit wie lange nicht. Wie es um Bayerns Triple-Chancen steht und was die Heynckes-Elf vor den Real-Partien so stark macht, erfahren Sie in unserer Bayern-Kolumne.

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Weltmeister. Champions League-Sieger. Siebenfacher Deutscher Meister. Vierfacher DFB-Pokalsieger. Thomas Müller hat alles erreicht in seiner Karriere. Und doch wirkt es in der 78. Minute des DFB-Pokalhalbfinales so, als gäbe es keinen wichtigeren Moment als diesen. Müller hatte kurz zuvor aus der Drehung zum 6:2 gegen Leverkusen getroffen und schreit jubelnd mit weit aufgerissenem Mund Assistgeber Thiago an, als sei er von Sinnen.

Es ist ein kleiner, im Prinzip unbedeutender Moment am vergangenen Dienstagabend, der doch so viel über diese Bayern-Mannschaft aussagt. Das Team wirkt gierig wie seit Jahren nicht mehr.

Etwas mehr als sechs Monate zuvor war davon nichts zu spüren. Uninspiriert, beinahe desinteressiert taumelten die Münchner damals unter Trainer Ancelotti durch die Saison. Mit einer 0:3-Vorführung gegen Paris St. Germain als negativem Höhepunkt.

Heynckes verbessert alles

Und heute? Die Münchner strotzen vor Selbstvertrauen. "Jupp Heynckes hat es geschafft, dass alle in der Mannschaft gierig sind. Die gesamte Mannschaft. Das zeichnet uns aus", sagte ein immer noch aufgekratzter Müller nach der Partie gegen Leverkusen am Sky-Mikro.

Es ist in der Tat erstaunlich, was Heynckes in den vergangenen Monaten aus dieser Mannschaft gemacht hat. Die Spieler schwärmen von ihrem Coach, der die komplizierten Charaktere und Beziehungen im Kader von Beginn an perfekt moderiert hat. Auch der seit Wochen überragende Sven Ulreich schwärmte nach dem Spiel gegen Leverkusen vom Teamgeist und absoluten Vertrauen unter den Spielern. Ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Heynckes hat eine Einheit geformt und gleichzeitig taktisch beinahe alles im Münchner Spiel verbessert. Gegenpressing, Angriffspressing, Dreiecksbildungen am Strafraum, Flügelspiel, Zentrumsverteidigung, Positionsspiel. Überall sind die Münchner nun besser als zu Beginn der Hinrunde. Das Offensivspiel wirkt in den letzten Wochen noch variabler und ausgereifter als in der Triple-Saison. James und Thiago, die sich mit ihren kreativen Geistesblitzen abzuwechseln scheinen, sei Dank.

Keine Unruhe durch Vidal-Aus

Die Meisterschaft perfekt. Das Pokalfinale erreicht. Und in der Champions League, trotz eines überragenden Gegners, mit realistischen Chancen aufs Finale. Wer hätte das vor wenigen Monaten gedacht?

Wenn etwas Sorgen bereitet, dann ist es die Konterabsicherung. Die war gegen Leverkusen und zuletzt auch in wenigen Szenen gegen Sevilla nicht immer schnell und konsequent. Natürlich kann sich so etwas gegen Real Madrid viel schneller rächen als gegen blutjunge Leverkusener.

Trotzdem sind die Bayern insgesamt gefestigt. Nicht einmal das Saisonaus von Arturo Vidal versetzt irgendwen im Umfeld des Clubs in Alarmbereitschaft. Zu stabil agiert das Münchner Mittelfeld um Triple-Held Martínez. Und zu groß ist trotz der Verletzungen von Coman, Neuer und Vidal die Auswahl.

Müller erneut der Schlüssel?

Hummels, Boateng, Müller, Robben, Ribéry, Lewandowski - sie alle wissen, auf was es in den großen Momenten ankommt und wie sehr Kleinigkeiten auf diesem Niveau entscheiden. So wird es auch gegen Madrid in der kommenden Woche sein.

Heynckes wird mit seinem Trainerteam wie immer einen Plan entwickeln. Gut möglich, dass es dabei für Nationalspieler Kroos eine ähnliche Sonderbewachung gibt wie 2013 gegen Barcas Schlüsselspieler Busquets.

Einer, der dafür in Frage kommt, ist Thomas Müller, der in der Triple-Saison sowohl gegen Busquets als auch Juventus-Spielmacher Pirlo glänzte. Damals zeigte er, dass er gegen den Ball genauso gierig agieren kann, wie mit dem Ball vor dem Tor.

Der FC Bayern hat sich wieder einmal in eine Position gebracht, in der alles möglich ist. Es werden elektrisierende Schlusswochen der Saison 2017/2018. Der FC Bayern wirkt bereit für das nächste ganz große Ding.

Real Madrid spielt im Halbfinale der Champions League gegen den FC Bayern. Bei den "Königlichen" spricht man derzeit aber nicht nur über den Gegner, sondern vor allem über den "Antimadridismus".