Die Bayern legen den besten Start ihrer Champions-League-Geschichte hin und werden - schon jetzt - als Topfavorit auf den Titel gehandelt. Zu Recht?

Eine Analyse

Man muss natürlich schon noch vorsichtig sein: Es ist gerade erst Halbzeit in der Champions-League-Gruppenphase, und diese Vorrunde ist ja von der UEFA schon ziemlich verwässert worden durch den aufgeblähten Spielplan und die Tatsache, dass viele kleinen Klubs aus kleineren Verbänden auch Zutritt bekommen in den Zirkel der ganz Großen.

Für Europas Großmächte ist die Gruppenphase in der Regel ein notwendiges Übel. Dort kann man zwar auch gutes Geld verdienen, aber im Grunde ist das nur ein besseres Warmlaufen für die Favoriten. So richtig interessant wird es dann immer erst im Frühjahr.

Insofern sollte man die ersten drei Spiele einer neuen Saison in der Königsklasse vielleicht noch nicht überbewerten. Aber einige Tendenzen lassen sich daraus schon ableiten: Der FC Barcelona wird kämpfen müssen, um die K.o.-Runde überhaupt zu erreichen. Ajax Amsterdam spielt schon wieder betörend schönen Fußball. Der FC Bayern hat sich den Rang des absoluten Topfavoriten erspielt.

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Robert Pires: "Keine bessere Mannschaft in Europa als Bayern"

Die Münchener pflügen mal wieder nur so durch ihre Gruppe. Das war in den letzten Jahren nie anders, und doch übertreffen sich die Bayern in diesem Herbst selbst: Drei Spiele, neun Punkte, zwölf erzielte Tore, kein Gegentor. Die Zahlen sind beeindruckend, aber sie erzählen nicht im Ansatz die gesamte Geschichte der noch jungen Saison aus Bayern-Sicht.

Vor ein paar Wochen hat Robert Pires dem Kicker ein Interview gegeben und den Bayern die Rolle des größten Favoriten zugeschoben. "Ich sehe keine bessere Mannschaft in Europa als den FC Bayern", sagte Pires, eine mehrheitsfähige Meinung schien das damals aber nicht gewesen zu sein. Jedenfalls hielt sich das Echo in Grenzen. Mitfavorit, klar, das ist der FC Bayern ja immer. Aber gleich die beste Mannschaft Europas? Der Topfavorit? Und was ist mit Paris, Liverpool, ManCity, Chelsea?

Jede diese Mannschaften ist befähigt, sich im Mai den Henkelpott zu schnappen. Und wer weiß: Vielleicht stößt noch ein anderes Team dazu, das bisher eher eine Randerscheinung war? Aber das beste Gesamtpaket - und das auf allen Ebenen - bringen wohl die Bayern mit. Also muss, wer Champions-League-Sieger werden will, irgendwann an diesen Bayern vorbei.

Das Gros der Mannschaft setzt sich aus den Königsklassensiegern 2020 zusammen. 15 potenzielle Startspieler von damals sind noch da, ergänzt nur durch Marcel Sabitzer und Dayot Upamecano. Die Bayern sind eine organisch gewachsene Truppe und nicht so brachial zusammengekauft wie etwa Paris St.-Germain.

Nagelsmann und die Bayern passen bisher perfekt

Die Abgänge in der Innenverteidigung fallen bisher kaum ins Gewicht, weil sofort andere Spieler nachrückten und die vermeintlich große Lücke schnell schlossen. Es ist eines der Erfolgsgeheimnisse, dass es den Bayern seit Jahren immer wieder gelingt, offene Flanken mit Bordmitteln zu schließen - und nicht wahnsinnig teuer nachkaufen zu müssen.

Das große Geld gaben die Münchener stattdessen für ihren neuen Trainer aus. Nachdem die interne und äußerst preiswerte Lösung Hansi Flick sich von den Bossen erst emanzipieren und dann nur noch weg wollte, gaben die Bayern eine Weltrekordsumme für Julian Nagelsmann aus - wohl wissend, dass ihre Belegschaft als Team schon herausragend funktionierte, aber in der einen oder anderen taktischen Detailfrage noch ein wenig Luft nach oben hatte.

Bisher findet Nagelsmann offenbar genau den richtigen Weg zwischen Anspannung und Entspannung. Er lässt seiner Mannschaft freien Lauf und setzt auf viel Selbstbestimmung auf dem Platz, zieht dann aber rechtzeitig auch immer wieder die Zügel an und hat zum Beispiel das vermeintlich größte Problem der Flick-Phase eingedämmt: die vielen Gegentore nach eigenem Ballverlust. Und in der Offensive ist den Bayern aktuell von keiner Mannschaft der Welt beizukommen. Läuft die Maschine erst an, sind die Münchener vor dem gegnerischen Tor kaum zu stoppen.

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FC Bayern: Niemand ist größer als der Klub

Nun darf man Ähnliches auch Manchester City oder dem FC Liverpool attestieren. Chelsea dagegen spielt etwas gebremster, dafür besser balanciert. Aber die oft genug entscheidenden Ingredienzen bringen in Kombination nur die Bayern mit: den ewigen Hunger auf Erfolg und das Bewusstsein, dass der Klub immer größer bleiben muss als die Summe seiner Einzelteile. Und seien die noch so spektakulär oder extravagant.

Noch einmal Pires: "Ich bewundere diesen Verein, der eine klare Philosophie hat und immer wieder beweist, dass die Institution FC Bayern über jedem Spieler steht. Egal ob Manuel Neuer, Robert Lewandowski oder Joshua Kimmich, sie sind alle nicht wichtiger als der FC Bayern. Es ist in München immer die Rede vom Klub, das finde ich wunderbar und beeindruckend. In Paris ist es umgekehrt."

Natürlich bleiben das alles nur Indizien, oft entscheidet selbst auf diesem Niveau am Ende die Tagesform oder eine glückliche oder eben unglückliche Schiedsrichterentscheidung. Und ein bisschen Losglück hat auch noch keinem geschadet. Aber die Bayern haben ein nahezu perfektes Setup und können einen Lauf erzeugen, der sie trägt. Und sie wissen ganz genau, wie man Titel gewinnt.

Verwendete Quellen:

  • kicker.de: Pires: "Ich sehe keine bessere Mannschaft in Europa als den FC Bayern"

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