Niemand möchte gerne der "Ich habe es euch ja gesagt!"-Mensch im Freundeskreis sein. Zumal in der BVB-Gemeinschaft rund um das Spiel beim FC Bayern seit langem wieder zartes Selbstbewusstsein zu verspüren war. Die Vorzeichen für das Duell der beiden besten deutschen Mannschaften standen schließlich schon deutlich schlechter.

Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Christopher Giogios dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Gute Vorzeichen vor dem Spitzenduell

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Keine Bundesliga-Niederlage im Kalenderjahr 2023, ein knapper Vorsprung in der Tabelle und natürlich das Trainer-Chaos bei den Bayern: die Dortmunder hatten eigentlich allen Grund dazu, mit breiter Brust nach München zu fahren. Sogar das BVB-Lazarett schien sich allmählich zu lichten. Mit Julian Brandt und Gregor Kobel in der Startelf und Karim Adeyemi, Jamie Bynoe-Gittens und Youssoufa Moukoko auf der Bank standen wichtige Leistungsträger wieder zur Verfügung. Gleichwohl schien es, als müssten sich die Fans fast ein wenig zur Euphorie zwingen. Zu häufig war man hoffnungsvoll nach München gereist und anschließend unter die Räder gekommen.

Nach der (in der Höhe eher schmeichelhaften) 2:4-Niederlage dürften sich die Pessimisten in all ihren Befürchtungen bestätigt fühlen. Dabei fing der BVB ganz passabel an. In den ersten zehn Minuten hatte man sogar weitgehend die Kontrolle über das Spiel und konnte sich in Gestalt von Kapitän Marco Reus früh im Münchener Strafraum blicken lassen. Der FC Bayern hingegen agierte im Pressing deutlich passiver, als man es bei vergangenen Aufeinandertreffen von ihm gewohnt war. Der neue Coach und alte BVB-Bekannte Thomas Tuchel schien aus einer stabilen Defensive heraus auf Fehler lauern zu wollen.

Nach dem Kobel-Fehler: BVB zieht sich selbst den Stecker

Dann kam die 13. Minute, in der dieser Plan mit tatkräftiger Dortmunder Mithilfe komplett aufging. Ein tiefes Zuspiel von Dayot Upamecano aus der Bayern-Abwehr veranlasste Torhüter Kobel dazu, völlig ohne Not den Strafraum zu verlassen, am Ball vorbeizutreten und damit die frühe Führung der Münchener zu besiegeln. Kritikwürdig ist jedoch weniger dieser Fauxpas, der von Oliver Kahn bis Gianluigi Buffon schon jedem guten Torhüter unterlaufen sein dürfte, sondern das anschließende Verhalten der Dortmunder Mannschaft.

Es war, als hätte man dem BVB den Stecker gezogen. Körpersprache, Passgenauigkeit, Laufwege, Zweikampfverhalten: Fehlanzeige. Stattdessen hängende Köpfe und genervtes Abwinken. Eine taktische Bewertung der folgenden 80 Minuten ist damit fast hinfällig. Der FCB witterte seine Chance und machte durch zwei Tore von Thomas Müller gegen passive Dortmunder bereits zur 23. Minute den Sack zu.

Kurz nach der Halbzeit fingen sich die Schwarzgelben schließlich das 4:0 durch Kingsley Coman. Die beiden späten Anschlusstreffer durch Emre Can und Donyell Malen durfte man lediglich unter Ergebniskosmetik verbuchen.

Die Meisterschaft ist weiter offen

Wie lautet also das Fazit nach solch einem Spiel? Aus Dortmunder Sicht muss die Frage gestellt werden, wie ein einzelnes Gegentor eine in diesem Jahr noch ungeschlagene Mannschaft derart aus dem Konzept bringen kann. Dass ein Rückstand in München durchaus im Bereich des Möglichen liegen könnte, dürfte allen Spielern klar gewesen sein. Im Hinspiel gelang es schließlich auch, ein 0:2 noch in ein Unentschieden zu retten.

Die gute Nachricht: die Meisterschaft ist damit natürlich nicht entschieden. Zwei Punkte Rückstand bei noch acht zu spielenden Partien zeigen, dass der Kampf um die Schale weiterhin völlig offen ist. Am kommenden Mittwoch haben die Schwarzgelben außerdem die Chance, gegen RB Leipzig in das Halbfinale des DFB-Pokals einzuziehen. Ein guter Anlass also, um das Debakel am Samstagabend schnell hinter sich zu lassen und wieder neuen Anlauf für den Saisonendspurt zu nehmen.

Über einen erneut enttäuschenden Auftritt in München tröstet das jedoch nur bedingt hinweg. Ich habe es euch ja gesagt.

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