Das Kapitel Jürgen Klinsmann ist bei Hertha BSC schon wieder Geschichte. Die Posse legt die Vermutung nahe, dass der Hauptstadtklub überhaupt nicht vorbereitet war auf seinen Investor und die vielen Millionen - und nun die Zeche dafür gleich doppelt bezahlt.

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Am Montagabend war Jürgen Klinsmann bei einer Veranstaltung der Deutschen Presse-Agentur. Auf der sogenannten Chefredakteurskonferenz gab es zum Abschluss des Tages einen Talk mit dem Hertha-Trainer, das zeitnahe Versenden von Klinsmanns besten Aussagen war allerdings nicht erlaubt: Die Twitter-Ampel (quasi eine Mitteilungs-Verbots-Anzeige) stand auf Rot.

Keine 24 Stunden später hat Jürgen Klinsmann die Facebook-Ampel dafür eigenmächtig auf Grün gestellt. Mit einer über seinen Account verbreiteten Nachricht kündigte der 55-Jährige seinen Rücktritt als Trainer der Berliner an. Offenbar ohne Kenntnis der Geschäftsführung oder des Aufsichtsrats.

Also stand da das Facebook-Statement des ersten Angestellten und auf Herthas Homepage noch die Aufarbeitung des Wochenendes, samt Ausblick auf den kommenden Gegner. Verfasst von Jürgen Klinsmann, der sogar am Montagabend noch von der Großartigkeit des Projekts Hertha BSC sprach und dass sie damit auf einem guten Weg seien.

Irgendwo dazwischen, also zwischen Plauderrunde und Facebook-Post, muss sich bei Klinsmann der Drang nach Veränderung verfestigt haben. Dass er seine Überlegungen zwar nicht mit den Verantwortlichen der Hertha, sondern mit Investor Lars Windhorst teilte, mit dem sich Klinsmann am Montagabend austauschte, macht die ganze Angelegenheit nur noch pikanter.

Hertha BSC und Klinsmann auf großer Shoppingtour

Nach allem, was bisher aus den verschiedenen Lagern bekannt ist, ist in Berlin ein Schmierentheater vollführt worden. "Was wir gemacht haben, macht alles Sinn, hat Hand und Fuß und ist alles auf dem Boden, auch wenn es Summen sind, die größer als das sind, was wir bislang bewegt haben. Das ist alles vernünftig und durchgeplant", hatte Klinsmann erst neulich noch erzählt.

Da hatte sich die Hertha zum Powershopper der Winterpause aufgeschwungen - nicht in der Bundesliga, sondern im europäischen Vergleich. Kein anderer Klub gab so viel Geld aus.

76 Millionen Euro stehen auf der Ausgabenseite für vier Spieler, drei davon sind mit sofortiger Wirkung gewechselt. Der Franzosen Lucas Tousart, mit 25 Millionen Euro Ablöse der teuerste Transfer der Klubgeschichte, wird im Sommer erwartet.

In einem am Montag veröffentlichten Dokument wies die "CIES Football Observatory" die Transferbilanzen europäischer Klubs in den letzten beiden Transferperioden aus - Hertha BSC hat es dabei unter die Top Ten der Klubs mit der größten negativen Transferbilanz geschafft. Bei nur 25 Millionen Euro Einnahmen gaben die Berliner in diesem Zeitraum schon 117 Millionen Euro aus. Der Saldo von 92 Millionen Euro ist selbstredend Rekord in der langen Geschichte des Klubs.

Möglich macht die Shoppingtouren das Engagement von Lars Windhorst und dessen Unternehmergruppe. Die Hertha ist damit in der selten privilegierten Lage, Gelder auszugeben, die sie nicht selbst erwirtschaftet hat. "Berlin ist die Zukunft" ist eine dieser Markenbotschaften, Klinsmann sprach einst vom "spannendsten Projekt Europas". Da war er nur Teil des Aufsichtsrats, die Hertha aber angeblich längst auf dem Weg zum "Big City Club".

Über 220 Millionen Euro hat Windhorst in den Klub gepumpt, sich dafür 49,9 Prozent an der ausgelagerten Hertha KGaA gesichert. Und dazu vier von neun Plätzen im Aufsichtsrat. In welchen Klinsmann nach seinem Rücktritt als Trainer nun wieder zurück will. So jedenfalls hat er es in seinem Facebook-Eintrag angekündigt.

Hierarchien sind zerstört

Der Projektmanager Klinsmann ist angetreten, wie er in den letzten 15 Jahren jeden Job in Angriff genommen hat: Mit großen Worten und großen Maßnahmen. Nicht jeder versteht das, gerade im in einigen Bereichen immer noch sehr rückständigen Profifußball.

Früher waren es mal Klinsmanns Fitnesstrainer aus den USA, die für Argwohn sorgten, in Berlin dann die Installation eines sogenannten "Performance Managers", den Klinsmanns ehemaliger (National-)Spieler Arne Friedrich geben darf. Oder das neu eingeführte Benchmark-System. Oder die Unterwasser-Workouts.

Andreas Köpke, im Hauptberuf seit einer gefühlten Ewigkeit Bundestorwarttrainer, war für ein paar Wochen da. Klinsmann verabschiedete dafür den Berliner Torwarttrainer Zsolt Petry. Hinter vorgehaltener Hand wurde damals schon getuschelt, dass das auch eine Retourkutsche für Petry sei, der Klinsmanns Sohn Jonathan in dessen Bewertung als Torhüter bei der Hertha nicht besonders gut hatte wegkommen lassen. Jedenfalls folgte auf Köpke Ilja Hofstädt und nach wenigen Tagen dann Max Steinborn aus der U23.

Die Stammkeeper Rune Jarstein und Thomas Kraft indes holen sich aus alter Verbundenheit immer noch Ratschläge bei Petry ein, für den es in Berlin kein Zurück gibt - oder bis Dienstagmorgen gab. Die Torhütertrainer-Posse mit vier Übungsleitern in zehn Wochen zeigt im Kleinen, was nun auf die Hertha zukommen könnte. Im Zuge der Umstrukturierungen wurden neue Stellen geschaffen und mit neuem Personal besetzt, andere Mitarbeiter mussten gehen. Der Klub hat sich entzweit, Hierarchien sind zerdeppert und neue noch lange nicht gewachsen.

Für Hertha-Manager Preetz wird es sehr eng

Nach nur 76 Tagen unter dem Trainer Klinsmann, die Winterpause eingerechnet, steht Berlin vor einem mächtigen Scherbenhaufen. Klinsmann durfte die Spieler holen, die er haben wollte. Er saß mit Windhorst am Verhandlungstisch mit dem Polen Krzysztof Piatek, um ihn von einem Wechsel in die deutsche Hauptstadt zu überzeugen. Geschäftsführer Michael Preetz, qua Jobprofil eigentlich dafür zuständig, war offenbar nicht dabei.

Für Preetz, der seit fast elf Jahren in verantwortlicher Position fungiert und dabei zwei Abstiege moderieren musste und diese Krisen sportlich überlebte, wird es jetzt wohl mal wieder sehr eng. Ähnliches dürfte auch für Präsident Werner Gegenbauer gelten, der mit Preetz zusammen sozusagen die "alte" Hertha verkörpert - während auf der anderen Seite Klinsmann und Windhorst die Zeichen auf Veränderung gestellt haben. Und die förmlich im Alleingang von Anfang an alles umkrempeln wollten, und das in Windeseile. Nur: So funktioniert der Profifußball in den seltensten Fällen.

Klinsmann durfte als Trainer einkaufen und forderte nach seinem vereinbarten Rückzug im Sommer von der Trainerbank als Aufsichtsrat größere Kompetenzen, manche Medien berichten von der Forderung einer Verlängerung als Trainer und mehr Gehalt.

Klinsmann bestätigte dies im Interview mit der "Bild"-Zeitung: "Nach meinem Verständnis sollte ein Trainer – nach dem englischen Modell – die gesamte sportliche Verantwortung tragen. Also auch über Transfers. Das gibt der Position wesentlich mehr Power."

Preetz dagegen wollte erstmal abwarten, womöglich auch den Ausgang der Saison. Immerhin steckt die Mannschaft mitten im Abstiegskampf und wie schnell das mit dem Absturz eine Etage tiefer gehen kann, könnte niemand besser wissen Preetz selbst.

Klinsmann aber redete in der "Bild" seine Bilanz (drei Siege, drei Unentschieden und vier Niederlagen in Bundesliga und DFB-Pokal) schön. Immerhin habe er ein "Himmelfahrtskommando" übernommen: "Ich habe nur in einem Spiel schlechter abgeschnitten als gehofft."

Jede Menge Chaos in Berlin

Nun stehen einige dringliche Fragen im Raum. Kann Preetz bleiben oder am Ende sogar vom Aufsichtsrat Klinsmann mit entlassen werden? Gibt es für Klinsmann überhaupt einen Weg zurück ins Gremium? Wie plant Geldgeber Windhorst? Und überhaupt: Wie soll das alles denn nun weitergehen?

Hertha BSC stellt sich in diesen Tagen wie ein tiefes, schwarzes Loch dar, in dem unaufhörlich Geld verschwindet und niemand weiß, ob dafür jemals auch nur annähernd der gewünschte Ertrag generiert wird. Über den Windhorst-Einstieg mögen sich einige im und um den Klub herum wohl noch gefreut haben, darauf vorbereitet war die Hertha zu keinem Zeitpunkt.

Es gibt offenbar kein schlüssiges wie nachhaltiges Konzept, das von Personen unabhängig klar definiert, wie und wofür Geld verwendet wird. Stattdessen wurde bisher mit der Schrotflinte wahllos durch die Gegend gefeuert in der vagen Hoffnung, einmal einen Treffer zu landen.

Die Klinsmann-Episode hat jede Menge Chaos verursacht und verbrannte Erde. Und am Ende könnte sie dieses eine Mal auch dem eigenbrötlerischen Klinsmann selbst über die Maßen schaden: Es wird einiges hängenbleiben - und die Aussicht auf andere spannende Aufgaben irgendwann einmal deutlich verschlechtern.

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Teaserbild: © imago images/Bernd K�nig