Der Tiefpunkt ist erreicht: Der Hamburger SV ist Tabellenletzter und droht erstmals in seiner Klub-Geschichte aus der Bundesliga abzusteigen. Grund zur Hoffnung gibt es wenig, der gesamte Verein präsentiert sich in einem desolaten Zustand. Insbesondere HSV-Boss Dietmar Beiersdorfer und Interimstrainer Peter Knäbel wirken in ihrem Krisenmanagement amateurhaft.

Pierre-Michel Lasogga schießt den Hamburger SV in der Relegation zum Klassenerhalt, eine Woche später stimmen die Klub-Mitglieder für die Initiative "HSV Plus". Die Fans träumen dank neuer finanzieller Möglichkeiten davon, bald an alte glorreiche Zeiten anzuknüpfen. Das war im Mai 2014. Von der damaligen Euphorie ist nichts mehr übrig geblieben.

Wie so oft in den vergangenen Jahren präsentiert sich der Bundesliga-Dino als Chaos-Klub der Liga - sowohl in sportlicher Hinsicht als auch in der Außenwirkung. Nach Mirko Slomka und Joe Zinnbauer versucht sich nun der vormalige Sportdirektor Peter Knäbel daran, den HSV vor dem Absturz in die 2. Liga zu retten. Es schien kaum möglich, doch die peinlichen Vorstellungen in Leverkusen (0:4) und gegen Wolfsburg (0:2) haben gezeigt: Beim HSV geht es immer noch schlimmer. Und selbst wenn mit dem Absturz auf den letzten Tabellenplatz der Tiefpunkt sprichwörtlich erreicht wurde, wird man das Gefühl nicht los, dass beim HSV ein noch "tieferer Tiefpunkt" immer möglich ist.

Dilettantisches Auftreten der Vereinsführung

Dabei ist die mangelnde Qualität des Kaders nur eines von vielen Problemen. Vor allem die Vereinsführung wirkt - wieder einmal - dilettantisch. HSV-Boss Dietmar Beiersdorfer, bei seiner Verpflichtung als Heilsbringer gepriesen, sowie der damals noch als Sportdirektor fungierende Knäbel haben es nicht geschafft, das Team zu verstärken. Trotz der geschätzt mehr als 30 Millionen Euro, die sie im Sommer für neue Spieler in die Hand genommen haben.

Auch der zweite Trainerwechsel, von Zinnbauer hin zu Knäbel, hat bislang keine Wende bringen können. Im Gegenteil. Nie in dieser Saison wirkte der HSV so leblos wie bei der 0:2-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg am Samstagabend. Und gäbe die eigene sportliche Leistung nicht schon genügend Grund zur Sorge, gibt es jetzt auch noch Querelen innerhalb des Teams. Valon Behrami und Johan Djourou sollen Medienberichten zufolge in der Kabine aufeinander losgegangen sein, sogar von einer Prügelei ist die Rede. Es passt ins Bild, das der HSV momentan abgibt.

Peter Knäbel stellt Spieler an den Pranger

Doch auch Knäbel leistete sich nach der Niederlage gegen Wolfsburg einen verheerenden Auftritt. Auf den Platzverweis von Djourou angesprochen, sagte er bei der Pressekonferenz: "Allerdings ist der Bärendienst von Cléber in dem Moment, wo er das Tor ermöglicht, noch viel, viel schlimmer. Wir sind nicht in der Lage, dass wir uns anmaßen können, dass wir mit Wolfsburg von hinten Fußball spielen. Wenn man den Ball so dämlich und so überflüssig verliert, dann ist das das Schlimmste, was es gibt."

Nicht nur Ottmar Hitzfeld hat kein Verständnis für diese öffentliche Schelte: "Als Trainer schützt man normalerweise die Spieler in der Öffentlichkeit. Für Kritik ist die Mannschaftssitzung da. Ich kann mir vorstellen, dass Peter Knäbel aus seinen Aussagen lernt. Trotzdem darf man Cléber nicht in aller Öffentlichkeit kritisieren", sagte der Schweizer Ex-Nationaltrainer in der Sendung "Sky 90". Ohnehin ist Knäbel, der seine Mannschaft bereits nach der Niederlage in Leverkusen an den Pranger stellte, für Hitzfeld als Trainer nicht der geeignete Kandidat: "Vielleicht hätte man mit Zinnbauer noch etwas weitermachen müssen, bevor sich ein neuer Trainer die Finger verbrennt. Peter Knäbel ist eigentlich einer für das Strategische."

Dietmar Beiersdorfer hält an Peter Knäbel fest

Trotz aller Kritik und dem drohenden Scheitern Knäbels hält Beiersdorfer an dieser Lösung fest. "Einen weiteren Trainer-Wechsel schließe ich aus", sagte der HSV-Boss im Interview mit der "Bild"-Zeitung.

Dabei kursiert rund um Hamburg seit längerer Zeit der Name Thomas Tuchel. Der 41-Jährige steht allerdings noch bis Mitte dieses Jahres beim FSV Mainz 05 unter Vertrag, auch wenn er dort längst nicht mehr aktiv als Trainer tätig ist. Hamburg müsste dementsprechend eine Ablöse an die Rheinhessen zahlen. Zudem scheint sich nun auch Felix Magath, der im September 2014 beim englischen Zweitligisten FC Fulham entlassen worden war, in Stellung zu bringen. Im "Sportclub" des NDR sagte Magath, dass er "grundsätzlich immer bereit" sei, dem HSV zu helfen.

Ob ein neuer Trainer den HSV wirklich vor dem ersten Abstieg der Klubgeschichte bewahren könnte, ist allerdings mehr als fraglich. Zu desolat präsentiert sich der Verein - und zwar in allen Bereichen. Zudem zeigen der SC Paderborn und vor allem der VfB Stuttgart aufsteigende Form, Hamburg spielt hingegen schlicht wie ein Absteiger.

Abstieg als Chance auf einen Neuanfang?

Muss der HSV tatsächlich in die 2. Liga, besteht immerhin die Chance, dass sich der Klub einem "Selbstreinigungsprozess" unterzieht. Der Verein könnte sich von Grund auf neu aufstellen.

Andererseits haben schon einige andere Traditionsklubs einen Abstieg nicht verkraftet, dümpeln wie der 1 FC Nürnberg, 1860 München oder Hansa Rostock immer noch in der 2. oder 3. Liga herum.

Es klingt unvorstellbar, doch es könnte bald Realität sein: Hamburg droht, auf lange Zeit im Nirgendwo des deutschen Fußballs zu versinken.