Das atemberaubende Spitzenspiel in Dortmund hat einen famosen Schiedsrichter, der selbst schwierige Entscheidungen mit beeindruckender Ruhe trifft. Die Kölner dagegen sind enttäuscht, weil der Referee einen ihnen zugesprochenen Elfmeter wieder zurücknimmt. Doch das war vertretbar.

Alex Feuerherdt
Meine Meinung
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Die Partie zwischen Borussia Dortmund und RB Leipzig (2:3) am Samstagabend war vielleicht die bislang beste und aufregendste in dieser Saison.

Ganz sicher jedenfalls verdiente sie das Prädikat "Topspiel". Ein frühes Tor für die Hausherren, eiskalt zurückschlagende Gäste, Platzverweise, Strafstöße, ein Videobeweis - die Zuschauer kamen voll auf ihre Kosten.

Außerdem hatte diese turbulente und sehr intensive Begegnung einen herausragenden Schiedsrichter: Deniz Aytekin lag in seinem 200. Bundesligaspiel bei allen wichtigen Entscheidungen richtig und strahlte überdies große Souveränität aus.

So zum Beispiel kurz nach der Halbzeitpause, als der Leipziger Jean-Kevin Augustin seinem Gegenspieler Sokratis enteilte und der Dortmunder Verteidiger sich nicht anders zu helfen wusste, als den Franzosen mit einem kurzen Griff an die Schulter im eigenen Strafraum zu bremsen.

Aytekin entschied sofort auf Strafstoß und zeigte Sokratis zudem die Rote Karte.

Denn der Grieche hatte die "Notbremse" gezogen und sich dabei nicht um den Ball bemüht - sein Einsatz galt ausschließlich dem Gegner.

Nur wenn das anders gewesen wäre, hätte es lediglich eine Verwarnung gegeben.

Gelb-Rot und Elfmeter gegen RB Leipzig korrekt

Die Überzahl der Gäste währte jedoch nur rund zehn Minuten. Dann riss Stefan Ilsanker bei einem Konter Pierre-Emerick Aubameyang abseits des Balles um und sorgte so dafür, dass der schnelle Dortmunder Stürmer als Anspielstation nicht mehr infrage kam.

Da Ilsanker bereits verwarnt war, stellte ihn der Schiedsrichter mit der Gelb-Roten Karte vom Platz.

Wiederum eine völlig korrekte Entscheidung, auch wenn der Leipziger es nicht wahrhaben wollte und Aytekin aufforderte, vom Videobeweis Gebrauch zu machen. Der darf bei Gelb-Roten Karten allerdings gar nicht in Anspruch genommen werden.

Wenige Minuten später brauchte der Unparteiische jedoch tatsächlich die Unterstützung seines Video-Assistenten.

Aubameyang war im Laufduell mit Dayot Upamecano zu Fall gekommen, Aytekin hatte zunächst auf Abstoß entschieden.

Nach Rücksprache mit Günter Perl, der im Kölner Studio vor den Monitoren saß, warf der Schiedsrichter schließlich selbst einen Blick auf den Bildschirm am Spielfeldrand.

Dort sah er, dass der Leipziger den Dortmunder am Fuß getroffen hatte. Deshalb gab Aytekin schließlich einen Elfmeter für den BVB.

Deniz Aytekin als Ruhepol in der Hektik

All das tat er mit beeindruckender Ruhe und vollkommener Überzeugung. Einigen protestierenden Leipzigern erklärte der Referee noch kurz und prägnant, was vorgefallen war und deshalb zur Änderung seiner Entscheidung führen musste.

Ohnehin ist die Körpersprache eine der größten Stärken des 39-jährigen Unternehmers, dem es auffallend gut gelingt, auch schwierige und kritische Entscheidungen zu "verkaufen".

Mit seiner vermittelnden Art verschafft sich Aytekin eine bemerkenswerte Akzeptanz.

Der Unparteiische war in einer emotionalen und wechselvollen Partie der große Ruhepol, dem es auch in heiklen Situationen immer wieder gelang, die Gemüter abzukühlen.

So hatte das Spitzenspiel auch einen Spitzenschiedsrichter.

Genauigkeit vor Geschwindigkeit

Der 1. FC Köln haderte derweil in und nach der Begegnung beim VfB Stuttgart mit Referee Benjamin Cortus.

Denn dieser nahm kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit beim Stand von 1:1 einen Elfmeter für die Domstädter nach Ansicht der Videobilder wieder zurück.

Statt die große Möglichkeit zum Führungstor zu bekommen, kassierten die Kölner in der Nachspielzeit sogar noch den Treffer zum 1:2-Endstand.

Der Referee hatte in der 88. Minute nach einem Zweikampf des Stuttgarters Dennis Aogo mit Sehrou Guirassy im Strafraum der Gastgeber ursprünglich auf Foulspiel von Aogo erkannt.

Er nahm jedoch sofort Kontakt mit dem Video-Assistenten auf und begab sich schließlich in die "Review Area", um die Szene selbst noch einmal anzusehen.

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Leicht fiel Cortus die endgültige Entscheidung nicht, es dauerte insgesamt mehr als dreieinhalb Minuten, bis sie feststand.

Angesichts ihres spielentscheidenden Charakters und der nicht ganz eindeutigen Bilder ist das allerdings nachvollziehbar. Genauigkeit muss vor Geschwindigkeit gehen.

Kein Foul von Dennis Aogo

Tatsächlich war kein Foul von Aogo auszumachen, eher schon von Guirassy.

Der Unparteiische entschied sich allerdings für einen Schiedsrichter-Ball, den es gibt, wenn ein Pfiff irrtümlich erfolgt, ohne dass ein Vergehen vorliegt.

"Skurril" fand das der Kölner Manager Jörg Schmadtke, der argumentierte, dass der Elfmeterpfiff zumindest kein klarer Fehler gewesen sei und deshalb nicht widerrufen hätte werden dürfen.

Die Richtlinien des International Football Association Board (Ifab) lassen sich allerdings auch so interpretieren, dass der Schiedsrichter nach dem Gang in die Review Area mehr Entscheidungsspielraum hat, als wenn er ausschließlich seinen Video-Assistenten die Bilder begutachten lässt.

Es wäre auch schwer zu verstehen, warum der Referee eine von ihm selbst getroffene Entscheidung nicht ändern dürfen soll, wenn er höchstpersönlich zu dem Schluss kommt, dass eine Änderung geboten ist.

Mehr Spielraum durch die "Review Area"?

Die Schiedsrichter in der Bundesliga suchen seit dem sechsten Spieltag jedenfalls deutlich häufiger die Review Area auf als zu Saisonbeginn.

Es fällt auf, dass sie sich dort nicht unbedingt strikt am Kriterium "klare Fehlentscheidung" orientieren.

Vielmehr sind sie vor allem bestrebt, das Videomaterial zur bestmöglichen Entscheidung zu nutzen.

Das ist letztlich einfacher zu vermitteln als das Aufrechterhalten einer spielrelevanten Entscheidung, die vielleicht nicht für jeden Beobachter glasklar falsch ist, aber doch für die weitaus meisten.

Deshalb war es angemessen, dass Benjamin Cortus den Strafstoß für den 1. FC Köln widerrief.

Schließlich hatte Aogo nichts Verbotenes getan, auch wenn man sich seinen Zweikampf mit Guirassy schon mehrmals ansehen musste, um das zu erkennen.

Allmähliche Gewöhnung an den Videobeweis

Auch die Rücknahme des Elfmeters für den FC Bayern München in der 62. Minute des Spiels gegen den SC Freiburg geht unter diesem Blickwinkel in Ordnung.

Der Freiburger Caglar Söyüncü hatte den Ball mit der Hand ins Toraus befördert und Schiedsrichter Frank Willenborg diese Abwehraktion zunächst als strafbar eingestuft.

Nach dem Betrachten der Videobilder änderte er seine Einschätzung jedoch und gab einen Eckstoß.

Das war mit Sicherheit die bessere Entscheidung, aber nicht unbedingt die Korrektur eines eindeutigen Fehlers.

Insgesamt ist bei der gravierenden Neuerung namens Videobeweis eine allmähliche Gewöhnung zu beobachten.

Die Schiedsrichter wirken im Umgang mit ihm vertrauter und sicherer, die Nutzung der "Review Area" sorgt für mehr Transparenz und Akzeptanz.

Dennoch möchte man dem DFB dringend raten, sich gegenüber der Öffentlichkeit stärker zu öffnen.

Gerade wenn sich in der Praxis Änderungen ergeben, die sich nicht von alleine erklären, täte eine bessere Vermittlung unbedingt Not.

Fußball ist doch noch geil, Jupp Heynckes nervt schon jetzt und Hertha BSC hätte mal besser nicht so weit die Klappe aufgerissen: Die (wie immer nicht ganz ernst gemeinten) Lehren des 8. Bundesliga-Spieltags.