• Nicholas Latifi hatte beim Formel-1-Finale in Abu Dhabi das entscheidende Safety Car ausgelöst und damit die dramatische Wende eingeleitet.
  • Max Verstappen fing Lewis Hamilton noch ab und wurde am Ende Weltmeister - und Latifi ist für viele Fans der Sündenbock.
  • In einem emotionalen Statement schreibt der Kanadier über Hasskommentare bis hin zu Morddrohungen, die er erhielt und setzt sich für den Kampf gegen Online-Mobbing ein.

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Max Verstappen hat es gewusst. Er hatte Nicholas Latifi noch gewarnt und ihm geraten, sein Handy auszumachen. Der Kanadier tat es nicht, obwohl auch ihm bereits bei der Zieldurchfahrt klar war, was kommt. Vielleicht war es die Hoffnung, dass es doch nicht ganz so schlimm werden würde.

Doch was nach dem WM-Finale der Formel 1 passierte, übertraf seine schlimmsten Befürchtungen: Er war für viele Menschen der Sündenbock dafür, dass Lewis Hamilton den Titel noch an Max Verstappen verlor. Und viele der enttäuschten Fans schlugen verbal komplett über die Stränge. "Was mich schockierte, war der extreme Ton des Hasses, der Beschimpfungen und sogar der Morddrohungen, die ich erhielt", schrieb Latifi in einem emotionalen Statement in den sozialen Medien.

Morddrohungen. Unfassbar, schließlich geht es nur um Sport, um Entertainment, um Nebensächliches. In der heutigen Zeit ist diese Art des Umgangs aber tatsächlich keine Überraschung mehr. Auch nicht für Latifi, "da dies nur die krasse Realität der Welt ist, in der wir gerade leben", schrieb er.

Denn oft wird die Anonymität des Internets genutzt, um den Frust abzuladen, und viele pfeifen dabei auf ein Mindestmaß an Anstand. "Wie wir in allen Sportarten immer wieder gesehen haben, genügt ein einziger Vorfall zur falschen Zeit, um die Dinge völlig aus dem Ruder laufen zu lassen und das Schlimmste in den Menschen, den sogenannten 'Fans' des Sports, hervorzurufen", schrieb Latifi.

Die Grenze deutlich überschritten

Viele der Kommentare hätten die Grenze zu etwas viel Extremerem überschritten, schilderte Latifi: "Hass, Beschimpfungen und Gewaltandrohungen zu schüren, nicht nur mir gegenüber, sondern auch gegenüber denjenigen, die mir am nächsten stehen, zeigt mir, dass diese Leute keine echten Fans des Sports sind."

Der 26-Jährige hatte beim Rennen in Abu Dhabi nach einem Zweikampf mit Mick Schumacher in der 53. von 58 Runden die Kontrolle über seinen Williams verloren, war in die Streckenbegrenzung gerauscht und hatte dadurch das Safety Car, welches das Rennen und damit das Titelduell zwischen Verstappen und Hamilton noch einmal auf den Kopf stellte, ausgelöst. Kritik für den Fahrfehler selbst ist sicherlich berechtigt, doch sie obliegt vor allem seinem Team. Denn: "Alles andere, was danach kam, lag nicht in meiner Hand", schrieb er.

Hinzu kommt: Zwischenfälle wie diese gehören zum Motorsport dazu. Und wenn man Latifi dafür kritisiert, dass er sein Auto in die Wand gesetzt hat, sollte so etwas in einer zivilisierten Form passieren.

Latifi hatte sich bereits nach dem Rennen in Interviews dafür entschuldigt, unabsichtlich in den Titelkampf eingegriffen zu haben, auch wenn er für die Geschehnisse danach nicht mehr verantwortlich war. Red-Bull-Teamchef Christian Horner versprach ihm unmittelbar nach dem Rennen mit einem Augenzwinkern Red Bull bis ans Lebensende – zum Lachen ist Latifi aber nicht zumute. Er kann den Crash und die Folgen noch nicht abhaken, weil es Menschen da draußen gibt, die in ihrer Wut jegliche Contenance verlieren.

Latifis Kampf gegen Online-Mobbing

Latifi denkt aber über den Tellerrand hinaus, sieht das große Ganze und nicht nur sich selbst. Deshalb veröffentlichte er das Statement. Er mache sich Sorgen, "wie jemand anderes reagieren könnte, wenn er oder sie auf diese Weise beschimpft würde. Niemand sollte sich von den Aktivitäten einer lautstarken Minderheit vorschreiben lassen, wer er ist", meinte der 26-Jährige.

Die Ereignisse hätten ihm gezeigt, wie wichtig es sei, "zusammenzuarbeiten, um solche Dinge zu verhindern und diejenigen zu unterstützen, die davon betroffen sind". Es sei richtig, "diese Art von Verhalten anzuprangern und nicht zu schweigen, in der Hoffnung, dass dies eine weitere Diskussion über Online-Mobbing und die drastischen Folgen, die es für Menschen haben kann, auslösen wird".

Mercedes antwortet, Hamilton schweigt

Mercedes stellte sich demonstrativ vor Latifi und schrieb auf Twitter: "Bleib stark, Nicholas Latifi. Wir stehen hinter dir im Kampf gegen Online-Hass und Schmähung".

Hamilton selbst schweigt seit dem verlorenen Finale - auch zu diesem wichtigen Thema hat der Brite (noch) nichts zu sagen.

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