Ihre Reaktion war lang erwartet. Nach den Gewalttaten in Deutschland in Würzburg, München und Ansbach hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstagmittag in Berlin der Presse gestellt. Wir haben mit Körpersprache-Experte Stefan Verra über ihren Auftritt gesprochen.

Herr Verra, wie haben Sie die Kanzlerin erlebt?

Stefan Verra: Frau Merkel war wie gewohnt sehr ruhig. Sie beginnt, ihr Statement zu lesen und bleibt dabei nahezu unbewegt. Damit vermittelt sie Stabilität. Andererseits macht sie diese Unbeweglichkeit zu jemandem, dem man auf einem Schulhof oder auf der Straße keine große Aufmerksamkeit schenken würde. Selbst ihre Augenbrauen bewegen sich kaum.

Gab es Momente, in denen ihre Körpersprache stärker wurde?

Die gab es. Zum Beispiel bei der Frage eines Journalisten, der der Kanzlerin vorwarf, nicht genug auf die Ängste im Volk eingegangen zu sein: Seine Formulierung war praktisch ein direkter Angriff: "Sie stehen der Republik ja ewig lange vor" – gemeint hat er wohl im Wege ... Merkel musste sich dabei ein Lächeln verkneifen, blieb aber beherrscht, wie ein Fels in der Brandung.

Das zeigte sich auch bei anderen kritischen Fragen zur Flüchtlingskrise oder dem Amoklauf in München. Sie bleibt in ihrer Körpersprache praktisch unbewegt. Man muss schon sehr genau hinschauen, um Veränderungen zu erkennen. Damit ist sie aber auch einer der wenigen verbleibenden Stabilitätsanker in Europa.

Im Gegensatz zu ...?

Denken Sie an Menschen wie Boris Johnson (den neuen britischen Außenminister, Ex-Bürgermeister von London und wortgewaltigen Repräsentanten der Brexit-Kampagne, Anm. d. Red.) oder an Beppe Grillo (den italienischen Satiriker und Chef der europakritischen Fünf-Sterne-Bewegung, Anm. d. Red.). Diese Leute haben eine viel "lautere" Körpersprache.

Ist Merkels Körpersprache vielleicht nicht mehr zeitgemäß?

Die Frage ist tatsächlich, ob es noch zeitgemäß ist, sein Statement einfach vorzulesen. Denn Politiker wie der US-Präsident Barack Obama reden frei. Seine Ansprache vorzulesen, war vielleicht in den 60er Jahren noch üblich. Aber ich glaube, dass es nicht mehr das ist, was wir heute in den Medien gewöhnt sind. Vor allem deshalb, weil man sich durch das Vorlesen als Zuhörer nicht so stark angesprochen fühlt. Da kann die Botschaft in der Ansprache noch so stark sein.

Liegt das vielleicht auch an Merkels eher "unaufgeregter" Sprechweise?

In Merkels Rede hebt sich der nächste Satz nicht vom vorhergehenden ab. Wenn man einem Kind drei Dinge aufträgt, die es unbedingt beachten soll, während man außer Haus ist, wird spätestens der dritte Punkt besonders betont: "Erstens machst du bitte dies, zweitens das, und GANZ wichtig ist, dass du nicht vergisst ..." Dabei wird man auch körpersprachlich die Hand heben, die Augen aufreißen, und seinen Körper aufrichten. All diese Variabilität fehlt Merkel. Dadurch heben sich wichtige Botschaften, aber auch sie als Person insgesamt nicht ab. Auch nicht von Populisten.

Aber kann sich Merkel eine "aufgeregtere" Haltung überhaupt leisten?

Sicherlich kann die Kanzlerin gerade in Fragen zur Flüchtlingspolitik schon alleine, weil sie Deutschland vertritt – Stichwort Geschichte –, nicht auf den Tisch hauen. Merkel ist mit ihrer sparsamen Körpersprache über ein Jahrzehnt lang gut gefahren – gerade weil sie eben nicht so lautstark ist wie manch anderer. Die Frage ist nur, ob Europa nicht gerade im Hinblick auf die Populisten jemanden braucht, der denen etwas entgegenstellen kann.

In Deutschland hat sie dennoch einen festen Stand ...

Ja, aber in Deutschland gibt es derzeit auch keinen Populisten, der Charisma hat. Wenn jemand wie Geert Wilders (Vorsitzender der Freiheitspartei in den Niederlanden, Anm. d. Red.) in der Bundesrepublik eine Partei wie die AfD anführen würde, könnte er leicht auf 25 Prozent kommen. Diese Gefahr sehe ich schon.

Aber kommt es nicht auf die Inhalte an?

Inhaltlich mag Merkel noch so stark sein. Sie ist und bleibt jemand, der Verbindlichkeit darstellt. Aber spüren das die Menschen auch? Da stellt sich schon die Frage, ob sie mit ihrer Körpersprache nicht an ihre Grenzen gekommen ist. Denn die Körpersprache ist der Zugang zu den Bürgern: Warum glauben Sie, steht der US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump in den Umfragen vor Hillary Clinton? Doch nicht wegen seiner Inhalte – aber wegen seines Auftretens.

Merkel müsste also lauter werden?

Merkel ist die ideale Diplomatin. Aber Massen, die sich mit Themen nur oberflächlich beschäftigen, wird sie damit auf lange Sicht nicht bewegen können. Populisten haben da einen entscheidenden Vorteil. Sie sind meistens Quereinsteiger in die Politik, ihre Körpersprache ist offener, größer - sie mussten sich ja nie einem Parteiapparat anpassen. Bei traditionellen Parteien würde so jemand viel zu sehr anecken. Wer es bis nach oben schafft, hat sich bereits stark reduziert in seinem körpersprachlichen Ausdruck.

Wie also lautet das Rezept?

Über mehr als ein Jahrzehnt hat Merkel mit ihrer unbewegten Körpersprache genau die Stabilität verkörpert, die ein prosperierendes Deutschland brauchte. Aber mit der heutigen Instabilität ist ein Gegenpol gefragt, der den extrem linken und rechten Populisten, die mit expressiver und überbordender Körpersprache Menschen auf ihre Seite holen, etwas entgegensetzen kann.

Stefan Verra ist Körpersprache-Experte. Als Buchautor hält er weltweit Vorträge zum Thema und ist Dozent an mehreren Universitäten.