• Vor einer Woche hat ein Rekordhochwasser große Teile des Ahrtals im Norden von Rheinland-Pfalz zerstört.
  • Helfer aus nah und fern arbeiten sich seitdem durch Schlamm- und Schuttberge und räumen auf.
  • Doch unter den vorgeblichen Unterstützern befinden sich etliche Personen, die ihre eigene Agenda verfolgen.

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Die Wassermassen haben im Ahrtal eine Schneise der Zerstörung hinterlassen. Ein Video aus Ahrweiler im Norden von Rheinland-Pfalz zeigt verdreckte Möbelstücke aufgetürmt vor einem Wohnhaus, aufgerissene Gehwegplatten, überall Schlamm. Mitten hindurch fährt ein Lautsprecherwagen und macht auf Hilfsangebote für die Bewohner der besonders von der Flutkatastrophe betroffenen Stadt aufmerksam.

Doch der VW-Transporter sieht nur auf den ersten Blick aus wie ein Einsatzfahrzeug, statt Polizei steht "Peace" (Frieden) am Heck. Das Fahrzeug gehört zu einer Gruppe von sogenannten Querdenkern und Rechtsextremisten, die in das Krisengebiet gefahren ist, um dort zu helfen.

Aber dabei bleibt es nicht: Die Gruppe verbreitet weiter ihre kruden Theorien zur Corona-Pandemie und zu Impfungen gegen das Virus, geriert sich im Internet als einzig wahrer Unterstützer der Menschen vor Ort und verbreitet Falschnachrichten über das Technische Hilfswerk (THW), die Feuerwehr und die Polizei.

Querdenker gerieren sich als einzige Helfer vor Ort

Auf Telegram-Kanälen von zentralen Personen der Querdenker wird unter anderem behauptet, dass ohne die private Hilfe vor Ort, "dort kein einziger Helfer mehr wäre". "Ohne uns würde es keine weiteren Aufräumarbeiten in der Region geben", erklärte etwa Bodo Schiffmann, eine der Führungsfiguren der Bewegung, am Montag in einer Videonachricht auf seinem Telegram-Kanal.

Es seien "keine Feuerwehren und kein THW im Hochwassergebiet zu sehen", heißt es dort in einer weiteren Nachricht. Dass das nicht stimmt, zeigen sowohl Fotos von Presseagenturen, Nachrichtenbeiträge im Fernsehen als auch Dutzende Bilder, die Nutzer in den sozialen Netzwerken selbst veröffentlicht haben. Darüber hinaus wird die Behauptung auch von Aufnahmen widerlegt, die Kritiker selbst auf Telegram veröffentlicht haben.

Einsatzkräfte von THW und Feuerwehr in Bad Neuenahr-Ahrweiler am 17. Juli.

Fakt ist: Allein im besonders betroffenen Kreis Ahrweiler sind derzeit 3.500 Kräfte des Katastrophenschutzes, 1.050 Polizisten und 853 Soldaten sowie bis zu 36 Hubschrauber im Einsatz, wie der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) am Donnerstag in einer Sondersitzung von drei Fachausschüssen des Landtags in Mainz sagte.

Große bundesweite Unterstützung gibt es aber auch in den anderen vom Hochwasser betroffenen Gebieten. Laut Angaben des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sind derzeit insgesamt rund 3.500 Helfer des DRK in Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen im Einsatz. Sie helfen bei der Versorgung mit Trinkwasser, Strom, Hygieneartikeln und mit der Bereitstellung von mobilen Arztpraxen.

Dazu kommen rund 8000 Helfer von THW, Bundespolizei und Bundeswehr, die der Bund laut Innenminister Horst Seehofer (CSU) aus ganz Deutschland in die Region entsendet hat – zusätzlich zu den lokalen Kräften von Feuerwehr und THW.

Polizei warnt vor Falschmeldungen

Das Gebaren der Querdenker im Katastrophengebiet ging so weit, dass sich die Polizei einschaltete: Demnach sei etwa über Lautsprecherfahrzeuge "wahrheitswidrig" verbreitet worden, dass die Zahl der Einsatzkräfte verringert werde. "Das ist eine Falschmeldung", betonte die Polizei am Dienstag in einer Mitteilung. "Die Polizei reduziert die Anzahl der Einsatzkräfte nicht und befindet sich weiterhin ohne Unterbrechung im Katastrophengebiet."

Zugleich kündigte die Polizei an, "mit aller Entschiedenheit gegen Menschen" einzuschreiten, "die unter dem Anschein von Hilfe die Lage für politische Zwecke missbrauchen.".

Querdenker haben Grundschule "beschlagnahmt"

Auch Ralf Breuer sind die Querdenker bereits aufgefallen. Er hat die eingangs geschilderte Szene in Ahrweiler gefilmt und auf Twitter veröffentlicht. Der Lehrer kritisiert im Gespräch mit der Redaktion insbesondere die Aktionen, die von rechte "Veteranenlager" ausgehen. So nennt sich eine Anlaufstelle für Betroffene und Helfer, die Querdenker und Rechtsextremisten in einer Grundschule in Ahrweiler eingerichtet haben.

Oder wie einer der Organisatoren selbst sagt: "Wir haben die Schule beschlagnahmt." Die Stadt hat laut der Nachrichtenseite "T-Online" zu dieser Nutzung aber kein Einverständnis gegeben.

Dazu kommt: Ein Verein, der den Querdenkern nahesteht, suggerierte auf Telegram, er habe in der Schule eine offizielle Anlaufstelle für die Betreuung von Kindern von Flutopfern eingerichtet. Der Landkreis Ahrweiler intervenierte und stellte klar: "Weder der Verein 'Eltern stehen auf e.V.' noch andere Vereine haben eine offizielle Beauftragung zur Betreuung von Kindern erhalten."

Am Mittwoch teilte das Landesjugendamt schließlich mit, dass das selbsternannte Familienzentrum in der Schule geschlossen worden sei. "Bei aller Not, die vor Ort herrscht, müssen Kinder von qualifiziertem Personal betreut werden", sagte Detlef Placzek, Präsident des Landesjugendamts laut dem SWR.

Grundschule wird zur "maskenbefreiten Zone" erklärt

Wie die Querdenker vor Ort agieren, wird in ihren Videos und Streams aus der Katastrophenregion deutlich: Teil der Gruppe ist laut eigener Aussage ein ehemaliger Bundeswehr-Oberst in Flecktarn, "der de facto nicht mehr in Uniform sein dürfte", wie der Mann selbst sagt.

Er gibt zu, dass er seine alte Uniform auch deshalb trage, weil damit die Akzeptanz bei Betroffenen wesentlich höher sei. "Wenn ich da in Jeans oder Monteuranzug daherkomme, muss ich erst einmal lange erklären wer ich bin."

Wie weit das Anmaßen geht, zeigen Videoszenen vor und in der Ahrweiler Grundschule, die auf dem Kanal eines rechtsextremen Schweizer Youtubers veröffentlicht wurden. Darin wird das Gebäude kurzerhand zu einer "maskenbefreiten Zone" erklärt. Gut eine Minute später begrüßt der Filmer den rechtsextremen und antisemitischen Videoblogger Nikolai Nerling freundlich per Handschlag. Man kennt sich, auch Nehrling sei zum Helfen gekommen.

Ungebetene Helfer

Ralf Breuer würde auf solche Unterstützung lieber verzichten. "Wir sind aber in einer Dilemmasituation, eigentlich wird jede Hand gebraucht." Das "Veteranenlager" sei teilweise "besser organisiert" als viele lokale Helfer, gesteht Breuer, der selbst Freunde aus der Eifel für Aufräumarbeiten mobilisiert hat.

Er selbst habe seit Donnerstag "rund um die Uhr mitgeholfen", sagt Breuer. Die Flutwelle hat die Schule, in der er unterrichtet, schwer getroffen: "Alles steht unter Wasser, auf dem Schulhof liegen Autos, der Schlamm ist verseucht", erklärt Breuer. Heizöl sei in den Kellerräumen ausgetreten, neben der Schule befindet sich eine Lackfabrik, auch dort seien vermutlich Schadstoffe ausgetreten. (Der Schulgemeinschaft kann hier gespendet werden.)

Dass der Staat die Menschen in der Krisenregion im Norden von Rheinland-Pfalz allein lassen würde, kann Breuer nicht bestätigen. "Hilfe ist da, nicht nur bei uns." Die Bundeswehr würde den Schlamm aus den Städten fahren, Polizisten und Soldaten in alte Keller gehen. "Das ist nicht ganz ungefährlich, aber sie sind sich für nichts zu schade und packen an." Das einzige, was Breuer kritisiert ist die mangelhafte Informationspolitik. Er fragt sich, warum die Polizei nicht selbst mit Lautsprecherwagen durch die Straßen fährt.

Basislager von THW, Feuerwehr und Bundeswehr am Nürburgring

Eine Woche nach der Flut wird vieles privat organisiert, sagt Breuer: Hilfsbörsen, die Material und Unterstützung vermitteln, Shuttlebusse, die die Helfer an die richtigen Orten bringen und jede Menge Freiwillige wie er, die die Arbeit online und vor Ort koordinieren.

Doch neben den unzähligen aus der Not geborenen Privatinitiativen sind die Behörden keineswegs tatenlos. Eine weitere, vielfach verbreitete Falschnachricht betrifft das Basislager von THW, Feuerwehr, Rettungsdiensten und Bundeswehr: Auf Telegram-Kanälen von Querdenkern und Rechtsextremisten wird der Politik vorgeworfen, dass die Einsatzkräfte gar nicht ausrücken und mit Absicht zurückgehalten würden.

Das Lager für das Hochwasserkatstrophengebiet im Ahrtal entstand auf dem Fuhrpark des nahen Nürburgrings. Einsatzleiter Heinz Wolschendorf rechnete am Mittwochabend mit 4.500 bis 4.700 Helfern. Das THW hatte bereits am Samstag erklärt, dass sich auf dem Nürburgring-Gelände nur die Einsatzkräfte und Fahrzeuge sammeln, "dann geht es an die zugeteilte Einsatzstelle".

Es ist "ein Ort für Übergaben, Reparaturen, Nahrung und Schlaf", betont das Hilfswerk in einer weiteren Nachricht. Dass sich dort also zeitweise Tausende Helfer aufhalten, ist völlig normal. Dass sie tagsüber mit anpacken, bestätigen lokale Helfer wie Breuer.

Entsetzen über Querdenker-Hilfsaktion

Die Aktivitäten der Helfer aus der Querdenker- und rechtsextremen Szene sorgen auch in der Politik für scharfe Kritik. So zeigte sich der rheinland-pfälzische CDU-Fraktionsvorsitzende Christian Baldauf entsetzt über die von Querdenkern initiierte Hilfsaktion für die Flutopfer im Landkreis Ahrweiler. Die Ausnutzung der Situation sei "schändlich", und die betreffenden Menschen seien "nicht bei Trost", sagte Baldauf am Mittwoch dem Deutschlandfunk. Momentan gehe es darum, Menschen zu helfen.

Der Vize-Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek, bezeichnete im SWR das Ausnutzen des Leids für die Verbreitung von Falschmeldungen als "zutiefst asozial".

Womöglich folgen bald noch weitere ungebetene Helfer. Ein rechter Youtuber rief am Dienstagabend auf seiner Facebook-Seite Rockerbanden und Hooligans dazu auf, in das Katastrophengebiet zu kommen: "Hier ist noch eine Menge zu tun. Auch noch die nächsten Wochen und Monate."

Verwendete Quellen:

  • Recherchen in Telegram-Gruppen aus der Querdenker- und rechtsextremen Szene
  • Telefonat mit Ralf Breuer
  • Meldungen der Deutschen Presseagentur und AFP
  • T-Online: "Wie 'Querdenker' die Not der Flutopfer ausnutzen"
  • SWR: "Jugendamt stoppt 'Familienzentrum' in Bad Neuenahr" & "Warum Rechtsextreme im Hochwasser-Katastrophengebiet Falschmeldungen verbreiten"

Grünenpolitiker: "Schamloses" Auftreten von "Querdenkern" im Hochwassergebiet

Nach der Hochwasserkatastrophe laufen im Westen Deutschlands die Aufräumarbeiten. Neben zahlreichen Helfern sind auch "Querdenker" in die betroffenen Regionen gereist. Dort verbreiten einige von ihnen Falschnachrichten. Grünen-Politker Konstantin von Notz bezeichnet dieses Verhalten als "schamlos". (Teaserbild: IMAGO / Reichwein)