Nach der Ausstrahlung eines umstrittenen Dokumentarfilms über Antisemitismus in Europa debattierte Sandra Maischberger mit ihren Gästen über Israelhetze und Judenhass. Es war eine spannungsgeladene Auseinandersetzung.

Wenn gleich zu Beginn einer Talkshow ein Historiker den WDR-Fernsehdirektor der Falschaussage bezichtigt, ist wohl jedem Zuschauer klar: Es dürfte eine schwierige – und interessante – Debatte werden.

So geschehen am Mittwochabend bei "Sandra Maischberger", als der deutsch-israelische Geschichtswissenschaftler Michael Wolffsohn den Journalisten Jörn Schönenborn scharf für den Umgang mit dem zunächst vom WDR und Arte zurückgehaltenen Dokumentarfilm "Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa" kritisierte.

Vor der Sendung wurde die Doku nun doch gezeigt, im Anschluss folgte die Einordnung.

Islamischer Antisemitismus - ein Tabu?

Schönenborn bemängelte massive handwerklich-journalistische Mängel, die von den Autoren nicht beseitigt worden seien.

Wolffsohn lobte die Doku ausdrücklich und warf wiederum dem Sender vor, gar kein Interesse an der Beseitigung der Fehler gehabt zu haben. Stattdessen habe er die unbequemen Ergebnisse des Films lieber unter Verschluss gehalten.

Der Grund aus Wolffsohns Sicht: In Deutschland werde Antisemitismus "natürlich tabuisiert". Vor allem der islamische Antisemitismus – im Film eines der zentralen Themen – sei "ein riesiges Problem".

Der Historiker lobte ferner, dass die Doku den Antisemitismus der Linken zeigt und darlegt, wie der Nahostkonflikt – etwa auf Demonstrationen – auch in Europa ausgetragen wird.

In diesem Spannungsfeld bewegte sich Sandra Maischbergers Talk, der den Bogen von der Debatte um die Doku zur Diskussion über Israelhetze und Judenhass in Deutschland schlagen sollte.

Eine schwieriger Spagat, bei dem die Lager trotz vieler versöhnlicher Töne am Ende doch weitgehend auf ihren Positionen beharrten.

Da war der Psychologe Ahmad Mansour, der als arabischer Israeli noch als Jugendlicher – laut eigenen Aussagen durch elterliche Erziehung, Moschee und Medien beeinflusst – Juden mit Schweinen verglich und Anschläge auf Israelis feierte.

Bei Maischberger lobte er die umstrittene Doku, weil sie auch den "islamischen Antisemitismus anspricht". Ein Tabu, das erfreulicherweise gebrochen wurde, so Mansour.

Auf der anderen Seite stand der frühere Bundesminister Norbert Blüm. Er benannte zwar Verbrechen von Israelis und Palästinensern beiderseits als Problem. Eine Sympathie für die palästinensische Sache war ihm dennoch deutlich anzumerken, als er die Schikanen bei der Passkontrolle in den besetzten Gebieten durch israelische Soldaten schilderte.

Zugleich beschwerte sich Blüm, dass er die Politik Israels nicht kritisieren konnte, ohne dass Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland Antisemitismusvorwürfe gegen ihn erhoben hätten.

Die Journalistin Gemma Pörzgen ergänzte: "Ich habe den Eindruck, dass Israelkritik mit Antisemitismus vermischt wird, auch ganz gezielt."

Dagegen meinte Historiker Wolffsohn, Israelkritik sei doch "etwas völlig Selbstverständliches in Deutschland".

Schlingerkurs der ARD "eine meisterhafte PR-Leistung"

Einer der wenigen jüdischen Funktionäre, der offen Kritik an Israel äußert, ist Rolf Verleger, ehemaliges Mitglied des Zentralrats der Juden. Die Dokumentation nannte er "propagandistisch".

Der Grund: Der Film unterschlage die Verbrechen Israels in Palästina. Vom Zentralrat forderte er eine klare Benennung der Missstände.

Verleger wies zudem darauf hin, dass die Vorurteile gegenüber Muslimen in Deutschland viel höher als gegenüber Juden seien.

Auch Pörzgen kritisierte die aus ihrer Sicht "klare Agenda" des Dokumentarfilms. So sei die israelische Besatzung ausgeklammert worden, bemängelte die frühere Israel-Korrespondentin.

Sie forderte mehr Differenziertheit in den deutschen Schulbüchern: Es sollte nicht nur über den Holocaust, sondern ebenfalls über das Leid der Palästinenser aufgeklärt werden.

Dagegen mahnte Ahmad Mansour Konzepte an, um Muslime in Deutschland anzusprechen, die in ausländischen Medien seit Generationen durch Israelhass beeinflusst werden.

Damit zur Leitfrage der Sendung: Ist der Antisemitismus in Deutschland durch Hunderttausende arabische Zuwanderer seit 2015 wieder deutlich stärker geworden? Nein, sagte Michael Wolffsohn: "Seit Jahrzehnten habe ich antisemitische Liebesbriefe – Liebesbriefe in Anführungszeichen – von Linken, von Rechten und von Muslimen bekommen."

Das Hin und Her der ARD, die Dokumentation erst nicht und dann doch auszustrahlen, nannte der Historiker "eine meisterhafte PR-Leistung".

So umstritten das Ergebnis der Filmemacher auch ist: Sie haben dazu beigetragen, dass im deutschen TV leidenschaftlich über Antisemitismus und Israelhass debattiert wurde - eine spannungsgeladene Abwechslung zu den vielen austauschbarer Talks der vergangenen Monate.

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