Maybrit Illner geht mit ihren Gästen auf Fehlersuche in der Vergangenheit: Was lief in Deutschland falsch in der Corona-Pandemie? Der Blick nach vorne kommt dabei zu kurz.

Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch
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Maybrit Illner reist mit ihren Gästen am Donnerstagabend zurück an den Anfang dieses Jahres. Da bestimmte ein Streit zwischen zwei Lagern von Experten und Expertinnen die öffentliche Debatte. Die "Falken" sahen im harten Lockdown das einzige effektive Mittel gegen das Coronavirus. Die "Tauben" wollten vor allem Risikogruppen schützen und der Bevölkerungsmehrheit über Schnelltests Lockerungen ermöglichen.

In den vergangenen Wochen ist dieser Streit wieder in den Hintergrund gerückt. Illner aber will in ihrer Sendung auf Fehlersuche gehen und bringt die beiden Lager noch einmal in Stellung: Für die Falken tritt SPD-Gesundheitspapst Karl Lauterbach an, für die Tauben der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit.

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Das sind die Gäste bei "Maybrit Illner"

Karl Lauterbach: Hätte es früher mehr Schnelltests gegeben, wären weniger Menschen gestorben, räumt der SPD-Gesundheitsexperte ein. Unter dem Strich findet er aber, dass die Bundesregierung in der Pandemie vieles richtig gemacht habe - auch mit den Lockdowns: "Im Großen und Ganzen haben wir zu dieser Gesamtstrategie keine Alternative gehabt."

Jonas Schmidt-Chanasit: Die Jahreszeiten haben nach Einschätzung des Virologen am Bernhard-Nocht-Institut der Universität Hamburg großen Einfluss auf das Pandemiegeschehen: "Das ist ein Warnsignal, dass wir uns für den Herbst Gedanken machen müssen." Für ihn heißt das vor allem, dass der Staat mehr Daten erheben muss.

Helge Braun: Der Kanzleramtsminister (CDU) ärgert sich, dass die Leistung von Staat und Gesundheitssystem in der Pandemie schlechtgeredet werde: Deutschland habe sehr schnell die Maskenproduktion hochgefahren. Zudem sei hier der erste Impfstoff entwickelt worden. "Deutschland spielt jeweils eine enorme Rolle. Und zwar nicht nur für uns, sondern über unser eigenes Land hinaus."

Birgit Puhl: Von Normalität sei derzeit keine Spur, sagt die Hamburger Allgemeinmedizinerin. Sie und ihre Kollegen haben mit dem Impfen alle Hände voll zu tun und bekommen Fragen gestellt, die sie nicht beantworten können. Zum Beispiel, wie die Digitalisierung der Impfnachweise funktionieren soll. "Wenn hier irgendjemand weiß, wie es geht, soll er es mir bitte sagen", so Puhl.

Robin Alexander: Am Anfang sei das "Dichtmachen" richtig gewesen, findet der stellvertretende Chefredakteur der "Welt". Danach aber sei wenig passiert. "Unser Staat war sehr gut darin, die Leute zu ermahnen, zu Hause zu bleiben, und sehr gut darin, ihnen Geld zu versprechen. Aber anderes, was Staat leisten muss, hat nicht so gut funktioniert."

Das ist das Rededuell des Abends

Die Herren Lauterbach und Schmidt-Chanasit wissen, was von ihnen verlangt wird: Sie fechten ihre Experten-Kämpfe aus, bleiben dabei aber stets höflich. So ist es auch gleich zu Anfang bei der Frage, ob Eltern ihre Kinder gegen das Coronavirus impfen lassen sollten.

Virologe Schmidt-Chanasit sagt, er stehe "vollkommen" hinter der Entscheidung der Ständigen Impfkommission, die die Impfung vorerst nur für Kinder mit Vorerkrankungen empfohlen hat: "Man muss sehr, sehr sorgfältig umgehen mit dieser Entscheidung – gerade was mögliche Langzeitschäden betrifft."

Lauterbach sieht das ein bisschen anders. Der Epidemiologe würde sich eine Impfkampagne auch für Kinder und Jugendliche wünschen. Langzeitschäden nach einer Impfung sind nach seiner Einschätzung eher unwahrscheinlich. Zudem würden in Großbritannien auch ein Prozent der infizierten Kinder in ein Krankenhaus kommen. "Die Kinder profitieren auch von der Impfung", so Lauterbach.

Das ist der Moment des Abends

Politikerinnen und Politiker müssen immer damit rechnen, dass ihnen Äußerungen aus der Vergangenheit vorgehalten werden, die nicht mehr zur Gegenwart passen. Diese unangenehme Erfahrung verschafft Maybrit Illner aber auch dem Virologen Schmidt-Chanasit. Eingespielt wird ein Zitat aus einer Sendung im vergangenen Sommer, als der Experte sagte: "Ich denke, einen zweiten Lockdown kann es einfach nicht geben. In keiner Situation."

Es kam dann bekanntlich anders - und Schmidt-Chanasit muss sich fragen lassen, ob er diesen Satz besser nicht gesagt hätte. Das sei damals eine bestimmte Situation gewesen, verteidigt er sich. Ganz abrücken will er von seiner Position aber auch nicht: "Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass man mit Test- und Hygienekonzepten ganz viel offen lassen kann."

Schmidt-Chanasit ist sichtlich genervt von dieser Konfrontation mit den Aussagen aus der Vergangenheit. "Ich glaube, diese Diskussionen bringen uns nicht weiter." Zudem sei es allen Wissenschaftlern - ob Falken oder Tauben - immer um das gleiche Ziel gegangen: die Senkung der Infektionszahlen. Gestritten habe man lediglich über den Weg dorthin.

Das ist das Ergebnis

"Don’t look back in anger", haben schon Oasis gesungen: Blick nicht zurück im Zorn. Maybrit Illner hat sich aber genau das für diese Sendung vorgenommen. Es lässt sich ja auch vortrefflich darüber herziehen, was in Deutschland alles schiefgelaufen ist: Die Schnelltests kamen zu spät, die Impfstoffe sowieso – und die Bürokratie hat pragmatische Lösungen verhindert.

Die Frage ist aber: Was nützt es, so viel über die Vergangenheit zu sprechen? Jonas Schmidt-Chanasit hat vollkommen recht, wenn er sagt: "Ich glaube, wir sollten eher nach vorne schauen." Bis auf eine schnelle Fragerunde am Ende (Was muss in der nächsten Pandemie besser laufen?) kommt der Blick nach vorne aber zu kurz.

Gerne hätte man erfahren, wie die Bundesregierung diesen Sommer besser nutzen will als den vergangenen, um das Land auf ein mögliches Aufflackern der Pandemie im Herbst vorzubereiten. Aus Fehlern lernt man, heißt es bekanntlich. Was genau wir gelernt haben, bleibt aber ein Stück weit unklar.

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