Ein Republikaner gibt eine Donald-Trump-Masterclass, und ein amerikanischer Journalist attestiert den Deutschen ein verqueres USA-Bild – es ist eine aufschlussreiche "Hart aber fair"-Sendung zu den US-Wahlen. "Tagesthemen"-Mann Ingo Zamperoni hält Trump für chancenreicher, als vermutet.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

Biden, Biden, Biden, Biden, Trump: Wenn es nach Frank Plasbergs Runde am Montagabend geht, erleben die USA am Dienstag einen Machtwechsel, vier von fünf Gästen tippen auf den Herausforderer. Warum die politischen Spannungen nicht automatisch enden, wenn Joe Biden ins Weiße Haus einzieht, wird in der Diskussion überdeutlich – dank Ingo Zamperonis schrecklich netter Familie und einem Trump-Anhänger auf Kriegspfad.

Das ist das Thema bei "Hart aber fair"

Der Kalte Krieg hat ein Telegramm geschickt, er will seine Kampfbegriffe zurück: "Die freie Welt vor einer Jahrhundertwahl!", so lautet der merkwürdig angestaubte Sendungstitel. Nur zur Sicherheit: Nein, es geht nicht etwa um JFK vs. Nixon 1960, sondern um Trump vs. Biden im Jahr 2020.

Das sind die Gäste

Seinen großen Auftritt hat "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni schon vor der Sendung: In der Dokumentation "Trump, meine amerikanische Familie und ich" sucht er in seiner angeheirateten Familie nach den Gründen für das, was er die "Zerrissenheit" im Land nennt – und kommt zum Schluss: "Es gibt Gründe, Trump zu wählen. Dafür muss man kein Verständnis haben, aber versuchen, es zu verstehen."

Begriffen hätten das erst wenige Deutsche: "Trumps Chancen auf eine Wiederwahl sind größer, als wir es uns vorstellen können."

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Nicht von Zerrissenheit, sondern von "Hass" spricht CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag: Es gebe kein Miteinander mehr, nur noch Polarisierung. "Das war schon vor Trump, es hat unter Obama Einzug gehalten – und auch heute haben wir ein bisschen davon erlebt."

Eine Anspielung, gemünzt wohl vor allem auf George Weinberg von den "Republicans Overseas" - der einzige in der Runde, der auf einen Sieg von Donald Trump tippt: "Wenn man die Bilder sieht von der immensen Spontanität bei den Rallyes, 30.000 Leute kommen trotz Kälte und Regen – Biden hat gar keinen Wahlkampf gemacht, nur im Keller gesessen."

Weinbergs Gegenpart übernimmt Candice Kerestan von den "Democrats Abroad Germany", die keine Angst hat, dass es für ihre Partei so läuft wie 2016: "Ich weiß, wie viele hinter Biden stehen und sich engagieren."

Die Politologin Christiane Lemke spekuliert, Trump könne im Falle einer Niederlage versuchen, sich der Verfahren gegen ihn zu entledigen: "Er könnte zurücktreten und Mike Pence als Präsident könnte ihn dann begnadigen."

Matthew Karnitschnig ("Politico"), ein Amerikaner mit österreichischem Vater und Dialekt, wundert sich über die Haltung der Deutschen – zum Beispiel ihre klare Parteinahme für Joe Biden: "Die Deutschen haben keine Ahnung, was er für Politik machen möchte."

Gut erklärbar ist ihm die Beliebtheit von Trump bei seinen Wählern: "Er hat viele Versprechen gehalten."

Der Moment des Abends

Mit George Weinberg hat sich Frank Plasberg nicht nur das weißeste Lächeln des Jahres ins Studio geladen, sondern auch einen Garanten für Aufreger. Als "sozialistisch", gar "marxistisch" bezeichnet der Immobilienunternehmer das Programm der Demokraten – und kitzelt CDU-Mann Norbert Röttgen, der immer wieder Joe Biden als besseren Präsidenten bezeichnet hat: "Wählen Sie also in Deutschland Grüne oder die Linke?"

Widerspruch und Schnappatmung von allen Seiten, Ingo Zamperoni wird zum Spontanreferat über die amerikanische Definition von "Sozialismus" gebeten ("Es ist nur eine Dog Whistle, ein Schlagwort."), und Weinbergs Zähne werden mit jeder Sekunde noch blendend weißer, in der sich die Runde um sein Stöckchen prügelt.

Nur Matthew Karnitschnig lässt sich nicht foppen: "Es ist bezeichnend für die Reaktionen in Deutschland auf den Wahlkampf, das man kein Verständnis hat für das politische Theater. (…) Parolen wie die von Weinberg gehören zur Normalität in der Debatte." There's no business like political showbusiness.

Das ist das Rede-Duell des Abends

Einmal in Fahrt legt George Weinberg gleich noch die nächste Lektion der Donald Trump Masterclass nach: Journalisten angreifen. "Herr Plasberg, in allen Ehren", so beginnt Weinberg seine Tiraden gegen den Gastgeber, in denen er sich beschwert, dass Plasberg die kreuzgefährliche "Eskorte" des Wahlkampfbusses von Joe Biden durch Trump-Fans zeigt, nicht aber Bilder der Ausschreitungen in Kenosha. Oder von Trumps juristischen Problemen ablenkt, indem er die angeblichen Affären von Joe Bidens Sohn ins Spiel bringt.

"Kein Amerikaner beschäftigt sich mit dieser Frage", platzt es da aus Candice Kerestan heraus: "Es geht darum, ob sie noch einen Job haben, oder die Miete zahlen können." Und zack, beide kassieren einen Ordnungsruf von Plasberg: "Sparen Sie sich bitte ihre Wahlkampfscharmützel."

So hat sich Frank Plasberg geschlagen

Vielleicht ist es ehrliche Neugier, vielleicht aber auch die unwissende Überheblichkeit der Deutschen, die US-Journalist Matthew Karnitschig so sauer aufstößt - Frank Plasberg staunt sich durch weite Teile der Sendung wie einer, der zum ersten Mal "American Gladiators" schaut: Verrückt, diese Amis.

Evangelikale Christen, die einen Lügner und Sittenstrolch verehren. Ein "merkwürdiges" Wahlsystem, in dem auch verlieren kann, wer die meisten Stimmen gewinnt. Und dann erst dieser Donald J. Trump. Aber immerhin merkt Plasberg offenbar noch, was er tut: "Machen wir einen Fehler, wenn wir das belächeln?"

Das ist das Ergebnis

Man würde einen Fehler machen, ja, aber Plasbergs Gäste vermeiden das weitestgehend. Im Gegenteil kann man eine Menge lernen, etwa über die "One-Issue-Voter", die wie die Evangelikalen in Sachen Abtreibung ihre Wahlentscheidung quasi nur von einem einzigen Thema abhängig machen.

Neben Professor Zamperoni sticht besonders Austro-Amerikaner Karnitschnig hervor, nicht nur wegen seines Kaffeehaus-Looks: Immer wieder unterstellt er den Deutschen einen, gelinde gesagt, unterkomplexen Blick auf die USA.

Die Karnitschnigschen Korrekturen in Kurzform: Nein, es drohe kein Bürgerkrieg, wenn Trump verliert. Nein, Trump werde sich nicht selbst begnadigen. Nein, das Land bestehe nicht nur aus radikalen Christen und Waffennarren.

Und wenn die Deutschen laut einer Umfrage nur zu einem Viertel glaubten, die USA seien der wichtigste Bündnispartner, dann sei das "faktisch falsch": "Ohne den Schutzschirm der USA wäre Deutschland in einer tiefen Krise."

Professor Zamperoni legt übrigens einen vorzeitigen Abgang hin, also muss er sich nicht in der berühmt-berüchtigten Schlussrunde auf einen Kandidaten festlegen. Ob Biden oder Trump, die Gräben in den USA würden ohnehin bleiben.

"Die Gründe für die Spaltung liegen nicht in der Präsidentschaft des einen oder anderen." Das dürfte Frank Plasberg gern hören: Auch ohne Trump bleibt ihm genug Diskussionsstoff bis 2024.

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