Von Einheit ist wenig zu spüren: Frank Plasberg und seine überraschenden Gäste kommen bei der konfrontativen wie eigenwilligen Nachbesprechung der Thüringen-Wahl nicht auf einen Nenner. Und auch nicht auf die Antwort, warum so viele Menschen Björn Höcke wählen.

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23,4 Prozent der Stimmen, zweitstärkste Kraft im Land, die meisten Stimmen in allen Altersgruppen außer den über 60-Jährigen: Das sind die Kennzahlen des Wahlerfolgs der AfD bei den Landtagswahlen in Thüringen.

Ein Ergebnis, das man kommen sehen konnte – und trotzdem, das bewiesen 75 kurzweilige bis irritierende Minuten bei "Hart aber fair" am Montagabend, herrscht noch immer viel Diskussionsbedarf darüber, wie es sich der Wahlerfolg der AfD erklären lässt und wie er verhindert hätte werden können.

Das war das Thema bei "Hart aber fair"

Als das Motto der Sendung am Montag die Runde in den Sozialen Medien machte, setzte es gleich mal geharnischte Kritik. Der launige Titel "Der Osten hat gewählt, der Westen schaut gequält" signalisierte nicht gerade große Bereitschaft zur Differenzierung.

Moderator Frank Plasberg versah ihn mit einer Art Entschuldigung, die er umständlich als "Gedankenexperiment" formulierte - wenn er diese Sendung auf der Couch in Erfurt verfolgen würde, sagte Plasberg zu Beginn, er wäre wohl auch erst einmal verärgert. Kleiner Tipp: Mit einer vernünftigen Überschrift fällt auch der Einstieg leichter.

Mit diesen Gästen diskutierte Frank Plasberg

Leicht unorthodox war auch die Zusammenstellung der Runde: Spitzenpolitiker fehlten gänzlich. Dafür ließ Plasberg unbekannte Gesichter zu Wort kommen.

Die einzige Thüringerin in der Runde war Clara Ehrenwerth, Autorin und Theater-Künstlerin. Aufgewachsen in Erfurt, erzählte sie von einem Land, "durchtränkt mit rechtem Gedankengut".

Die ehemalige Grüne Antje Hermenau (Freie Wähler Sachsen) versuchte mit Rückgriffen auf die Wende zu erklären, warum sich viele Ostdeutsche übergangen und vergessen fühlen. Konsequenterweise führte sie einen Teil des AfD-Erfolges auf das Bedürfnis der Wähler zurück, mal "in Berlin Bescheid zu stoßen".

Auftritt Hajo Schumacher, der seine Überzeugung an diesem Abend mehrmals wiederholte: "Aber deswegen muss man doch nicht Höcke wählen."

Der Journalist wandte sich gegen Alarmismus – schließlich sei der große Wunsch der Rechtsradikalen, Thüringen zu Kärnten und Höcke zu Haider zu machen, letztlich nicht aufgegangen. Nun sei es Zeit, sich auf die demokratischen Kräfte zu konzentrieren.

Also auf Menschen wie Dirk Neubauer, SPD-Bürgermeister aus der 4.500-Einwohner-Stadt Augustusburg in Sachsen. Er identifiziert das zentrale Problem des Ostens im fehlenden Bürgersinn: "Wir haben den Leuten gesagt: Bewahren Sie Ruhe, wir holen Hilfe."

Der Politik-Professor a.D. Herfried Münkler konstatierte nicht nur eine Spaltung in Ost und West, sondern auch innerhalb der alten Bundesländer.

Gerade weil die Menschen einer egalitären Gesellschaft entstammen, sei die Wut der Abgehängten auf diejenigen groß, die im vereinigten Deutschland Erfolg hatten – so wie Ex-Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel.

Wenig Lust, die ostdeutsche Seele zu streicheln, verspürte der Journalist Joerg Helge Wagner vom "Weser-Kurier". Er betonte, dass in den Jahren seit der Wende rund 1,6 Billionen Euro aus dem Westen in den Osten überwiesen worden seien.

Die Opferrolle sei völlig ungerechtfertigt. "Ich glaube nicht, dass jemand Björn Höcke wählt, weil der Sportplatz in der Gemeinde nicht fertig wird."

Das war das Rededuell des Abends

Wer eine Ost-West-Diskussion zum eskalieren bringen möchte, kann auf ein breites Angebot an Trigger-Punkten zurückgreifen. Joerg Helge Wagner wählte die "Aufbauhilfe Ost", von der ja wirklich genug geflossen sei, und provozierte ein empörtes "Boah" von Bürgermeister Dirk Neubauer. "Sie mögen das nicht hören", ätzte Wagner, "aber die Leute im Westen vielleicht schon."

Hajo Schumacher wollte es nicht hören - Geld sei nicht das alleinige Kriterium, entgegnete er seinem Kollegen: "Es hätte auch ein wenig mehr Herz fließen können."

Die Westdeutschen hätten sich die Bilder vom Mauerfall auf der Couch angeschaut und ihre Witze über die Ossis gemacht, sonst sei nicht viel passiert. Auch im Kino habe man entweder nur die "juxigen Sachen" à la "Sonnenallee" oder die Stasi-Geschichten gesehen.

"Aber dass es Millionen Menschen gegeben hat, die hart gekämpft haben in der DDR und dann nochmal nach der Wende, das haben wir nicht immer angemessen respektiert."

Das war der Moment des Abends

Wie leicht die Dinge doch durcheinander geraten können. Die Ostdeutschen jammern nicht, insistierte Antje Hermenau zu Beginn eines energischen Einwurfs, der die Stimmung in der Runde nachhaltig veränderte.

"Sie möchten ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen." Medien, Museen, Staatskanzleien, all diese Schaltstellen seien noch von Westlern besetzt, die Hermenau mit Dankeschön und goldenem Handschlag wieder zurückschicken will, damit sich die Ostdeutschen "Freiheiten herausnehmen" können.

Die Freiheit, die sie meint, lauerte im nächsten Satz: "Es gibt eine Mehrheit in den ostdeutschen Bundesländern, die nicht einverstanden ist, wie Integration und Migration gehandhabt werden. Wenn die das im Westen drollig finden, schlage ich vor, die Länder machen das alles selbst."

Auf den zaghaften Einwand Plasbergs, dass die alten Bundesländer eventuell andere Erfahrungen hätten, baute Hermenau in Windeseile die Mauer wieder auf: "Sie können das gerne so machen wie Sie das für richtig halten, wir würden es auch gern so machen, wie wir es für richtig halten."

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es Hermenau offenbar - so genau wussten das auch die Mitdiskutanten anscheinend nicht - auch um mehr Mitsprache bei Migrationsfragen auf kommunaler Ebene ging. Entlarvend allerdings, wie schnell sie dafür bei "Wir" und "Ihr" landete.

So hat sich Frank Plasberg geschlagen

Plasberg verhielt sich wie ein Moderator auf Bewährung. Er entschuldigte sich fast dafür, dass er spontan beim Thema Integration bleiben wollte, statt den Einwurf von Hermenau einfach zu übergehen.

Zu viel ist mittlerweile passiert, zu viel ist diskutiert worden, als dass Plasberg noch einfach so moderieren kann, ohne die Fußnoten, mit denen er seine Aussagen und Eingriffe versieht.

Also sagt er: "Ich habe das Thema nicht aufgebracht", wohl wissend, dass Kritiker ihm immer wieder vorwerfen, die Felder Migration und Integration überzustrapazieren.

Zu Beginn der Sendung machte er Dirk Neubauer frotzelnd darauf aufmerksam, dass Ironie einfach nicht funktioniere - eher ein Hinweis in eigener Sache. Die Fallstricke der Ironie waren ein Teil des Interviews in der "Süddeutschen" vom Wochenende, in der er sich über die "zu heftigen" Reaktionen auf die Sendung nach dem Amoklauf von Halle beschwerte.

Dort hatte Plasberg einen antisemitischen Post einer Zuschauerin unkommentiert gelassen und war dafür stark kritisiert worden. Er selbst meinte in der "SZ", die Redaktion habe extra einen Post mit Widerspruch hinterhergeschoben, weil sie das für wirkungsvoller gehalten habe als die "amtliche Intervention des Moderators."

So lautet das Fazit

Das Experiment mit den "No Names" endet mit einem zwiespältigen Eindruck: Anders als bei üblichen Verdächtigen von Christian Lindner bis Robin Alexander hatte man an diesem Abend nie den Eindruck, schon X-mal gehörte Analysen mit sorgfältig eingeübten Punchlines, um die Ohren gepfeffert zu bekommen.

Besonders Clara Ehrenwert, Antje Hermenau und Dirk Neubauer lieferten Perspektiven auf den Osten, die den Horizont einiger Zuschauer erweitert haben dürften.

Neubauer hatte sogar eine Idee, wie man aus der Schockstarre nach dem Ergebnis in Thüringen herausfindet: Weniger über die AfD reden, mehr darüber nachdenken, wie man ihre Wähler zurückholt. "Natürlich ist Höcke ein Faschist", sagte der SPD-Mann. "Aber reden wir darüber, was die bessere Idee ist."

Während inhaltlich keine Leerstelle blieb, mutete es trotzdem befremdlich an, angesichts der brodelnden Stimmung in der CDU keinen Unionspolitiker in der Runde zu haben. Zumal er oder sie die spannende Frage hätte beantworten können, ob die Partei wirklich eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei in Thüringen ausschließen kann, will und sollte.

"Die Geschichte, dass Bodo Ramelow einer von den Rändern sein soll, halte ich für absurd", sagte Hajo Schumacher, der den Ministerpräsidenten von der Linkspartei für den "besten Sozialdemokraten des Landes" hält – und es deswegen auch eine Koalition von Linken und CDU für denkbar hält.

Schließlich, so das Schlusswort von Dirk Neubauer, muss ein Kompromiss keine Niederlage sein, im Gegenteil: "Das ist der Klebstoff der Demokratie."

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