Man muss schon ziemlich ignorant sein, um die Dürren der vergangenen Jahre nicht wahrzunehmen. Frank Plasberg hat sie wahrgenommen und fragt am Montagabend bei "Hart aber fair", ob die aktuelle Dürre ein Blick in unsere Zukunft ist. Die Antwort: Nein – das ist leider bereits die Gegenwart. Ein guter Abend mit vielen Erkenntnissen.

Christian Vock.
Eine Kritik
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Mit der voranschreitenden Klimakrise werden Extremwetterereignisse wie Überflutungen oder Dürren immer häufiger – mit dramatischen Folgen. Dementsprechend fragt Frank Plasberg am Montagabend bei "Hart aber fair": "Die Jahrhundert-Dürre: Erleben wir gerade unsere Zukunft?"

Mit diesen Gästen diskutiert Frank Plasberg:

  • Mona Neubaur (Grüne), NRW-Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie
  • Sven Plöger, Meteorologe und ARD-Wetterexperte
  • Carla Reemtsma, Sprecherin und Mitorganisatorin der Bewegung "Fridays for Future"
  • Werner Marnette, langjähriger Industriemanager und ehemaliger CDU-Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein
  • Alexander Held, Forstwissenschaftler, Feuerökologe und Waldbrandexperte
  • Rolf Schmiel, Diplom-Psychologe

Darüber diskutiert Frank Plasberg mit seinen Gästen:

Frank Plasberg beginnt den Abend mit einer "Vermessung der Katastrophe", wie er es nennt und fragt Meteorologe Plöger, ob die "Jahrhundertdürre" wirklich nur alle hundert Jahre passiere. Plöger verneint und erklärt, dass der Mensch eben nach Begriffen suche. Die Realität und vor allem die Zukunft würden aber anders aussehen: "Das ist genau das, was die Modelle für die Zukunft zeigen. Wenn wir in Sachen Klimaschutz nicht vorankommen, dann landen wir irgendwann am Ende des Jahrhunderts möglicherweise bei Dürren in der Mitte Europas, die zehn Jahre währen."

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Was die Wasserstände der Flüsse, beispielsweise des Rheins, anbelangt, hat Plöger ebenfalls keine guten Nachrichten: "2018 ging das los mit der Dürre. Da fehlten über die gesamte Fläche von Deutschland 25 Prozent der Niederschläge", erklärt Plöger und weist darauf hin, dass man in die Alpen gucken müsse: "60 Prozent des Wassers, das der Rhein im Sommer führt, kommt aus den Alpen. (…) Die Gletscher sind nicht stabil, sie ziehen sich zurück, bei zwei Grad Erwärmung sind sie irgendwann Ende des Jahrhunderts mehr oder weniger weg in den Alpen, dann liefern sie kein Wasser mehr im Sommer und dann werden wir viel instabilere Pegel haben."

Es sei zwar nicht immer alles der Klimakrise geschuldet, so Plöger, "aber der Klimawandel steckt fast immer überall mit drin. Wir sind Opfer unserer eigenen Taten, das müssen wir uns wirklich bewusst machen." Zur aktuellen Dürre sagt Plöger: "Das ist ein ganz klares Zeichen für Klimawandel."

Ähnliche Hiobsbotschaften kommen von Waldbrandexperte Alexander Held. Die Waldbrände, wie man sie momentan in Deutschland erlebt, seien die neue Normalität. Früher seien Waldbrände in Deutschland lediglich in gewissen Regionen vorgekommen, etwa in Brandenburg oder Niedersachsen: "Auf einmal sorgt das Wetter dafür, dass das ganze Land brennbar wird", sagt Held, wobei Monokulturen wie Kiefernwälder anfälliger seien als naturnahe Mischwälder.

Die Schwere und die Häufigkeit der Wetterextreme, die man gerade weltweit erlebe, sagt Carla Reemtsma, hätten die schlimmsten Erwartungen noch übertroffen: "Was wir hier gerade erleben, ist nicht, wie alle sagen: Wir erleben gerade unsere Zukunft. Nein, wir erleben unsere Realität und wir erleben unsere Gegenwart, auf die wir jetzt Antworten finden müssen. Und davon sind wir halt meilenweit entfernt."

Und damit biegt der Abend in Richtung Lösungen ein, denn, so Reemtsma: "Wir können die Klimakrise nicht aufschieben, deswegen können wir auch den Kampf gegen die Klimakrise nicht aufschieben." Reemtsmas Vorwurf in der Energiekrise: Die Politik versage an beiden Seiten. Die Regierung müsse für Entlastungen sorgen und gleichzeitig den Klimaschutz stärken. Stattdessen lasse sie aber das Neun-Euro-Ticket auslaufen und verteile mit der Gas-Umlage Milliarden an Gas-Konzerne um. "Das ist eine Politik, die macht beide Krisen schlimmer und ist maximal verantwortungslos."

Den Vorwurf, die Politik versage, will Ministerin Mona Neubauer nicht stehen lassen. Es brauche zwar den Druck aus der Zivilgesellschaft, man habe aber auch ein Erbe der Vorgängerregierungen übernommen. Dennoch arbeite man in der Krise an Entlastungen, an der Versorgungssicherheit mit Gas und gleichzeitig am Ausbau der erneuerbaren Energien: "Weil es nur eine Zukunft gibt, übrigens auch für unsere Wirtschaft, wenn wir klimaneutral produzieren."

Auch Werner Marnette sieht massive und systematische Fehler in der Vergangenheit, auch bei seiner Partei: "Wir sollten alle in Sack und Asche gehen." Man habe gegen drei eminente Säulen verstoßen: Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz. "Das muss gleichrangig behandelt werden", so Marnette.

Doch auch mit Kritik an Wirtschaftsminister Habeck spart er nicht. Habeck kaufe Erdgas zu Höchstpreisen, das dann zur Stromerzeugung verfeuert wird, obwohl man andere Kraftwerke hochfahren könne. Damit nehme man anderen Ländern das Erdgas weg und verteuere es. "Da ist überhaupt keine Logik mehr drin", kritisiert Marnette.

Der Schlagabtausch des Abends:

Warum er Habecks Gas-Pläne kritisiert und welche anderen Kraftwerke er meint, erklärt Marnette später: Atomkraft. Kernenergie habe eine Menge CO2 vermieden, außerdem habe man sich bei den erneuerbaren Energien in der Vergangenheit nicht um ausreichend Speichermöglichkeiten gekümmert. Die brauche man aber – oder eben massenhafte Backup-Energien wie Atomkraftwerke, denn Wind und Sonne seien unstet und limitiert in Deutschland.

Doch mit seinem Wunsch nach Rückkehr zur Atomkraft erntet Marnette Gegenwind vom gesamten Rest der Runde. Reemtsma kritisiert Marnettes "Schauermärchen vom Blackout", das gar nicht stimme: "Es gibt wieder und wieder Studien, die genau aufzeigen, dass wir für alle unsere Energiebereiche, sei es für den Strombereich, sei es für den Wärmebereich, sei es aber auch für die Industrie komplett auf erneuerbare Energien umsteigen können."

Sven Plöger findet in der aktuellen Energiekrise den Wunsch nach einer Rückkehr zur Atomkraft zwar nachvollziehbar, sie sei aber nicht die Lösung: "Kernspaltung führt dazu, dass sie gefährlich ist, das haben wir an verschiedenen Stellen gesehen. Würden wir die Kosten richtig ansetzen, also die Versicherung so hoch machen, wie wenn ein katastrophaler Fall eintreten würde, dann kämen wir auf einen Strompreis, der ist absurd hoch." Außerdem seien die Pegel der Flüsse inzwischen zu niedrig und die Flüsse selbst zu warm, um Atomkraftwerke zu kühlen. Dieses Problem habe man aktuell in Frankreich.

Mona Neubaur findet es absurd, über den Ausstieg aus dem Atomausstieg zu diskutieren. "Wonach gefragt wird, gerade von Vertretern der Wirtschaft in ganz Nordrhein-Westfalen, ist eine kostengünstige, zukunftsfähige Energieversorgung und das ist eine Versorgung mit Erneuerbaren, gespeichert zum Beispiel in grünem Wasserstoff."

Die verbale Ohrfeige des Abends:

Carla Reemtsma kritisiert, dass die Bundesregierung die eigenen, ohnehin schon zu niedrig gesteckten Klimaziele nicht erreiche und nun Sofortprogramme veranlasse.

Dabei macht Reemtsma vor allem FDP-Verkehrsminister Volker Wissing als Bremser aus: "Er schafft es, 14 Millionen Tonnen CO2 einzusparen bis 2030, er müsste über 260 Millionen Tonnen einsparen. Der regierungseigene Expertenrat hat nach Schritt eins der Prüfung abgebrochen, weil sie gesagt haben: Das ist nicht mal im Ansatz ausreichend, was hier gerade gemacht wird."

Das Fazit:

Es war eine gute Diskussion, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen, weil es diese Diskussion überhaupt gab. Denn nach wie vor findet die Klimakrise in Polittalkshows viel zu selten statt - angesichts des Handlungsdrucks, den diese Krise eigentlich erfordert, ein bemerkenswertes Versäumnis. Zum anderen, weil es Wissen und Aufklärung braucht, um die richtigen Schritte zu gehen und sich der Dringlichkeit der Lage bewusst zu sein. Hier konnte man einige Erkenntnisse aus der Diskussion ziehen:

  • Klimakrise ist jetzt. Überall. Und sie wird schlimmer.
  • Die Klimakatastrophe muss so schnell wie möglich verlangsamt werden, in allen Bereichen und von jedem.
  • Für ausreichenden Klimaschutz braucht es politischen Willen und den Willen der Gesellschaft.
  • Anpassungen an die Klimakrise brauchen oft lange, deshalb müssen sie jetzt beginnen, egal, ob beim Waldumbau oder in der Verwaltung.
  • Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind keine Spinnereien von Chaoten oder Ökos, wie es noch oft genug dargestellt wird. Klimaschutz ist Menschenschutz.

Psychologe Rolf Schmiel erklärt am Ende des Abends, warum der Mensch angesichts der Klimakrise nicht oder nicht ausreichend handelt: "Leider lernt der Mensch über den Schmerz, aber das will keiner hören." Das Problem bei der Klimakrise: Wenn der Mensch auch hier erst über den Schmerz lernt, dann ist es zu spät.

Rhein, Wasserstand, Niederlande
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