Noch vor wenigen Wochen schien normaler Unterricht mit vollen Klassen deutschlandweit undenkbar. Doch etlichen Bundesländern kann es jetzt in den Schulen nicht schnell genug gehen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes lehnt hingegen eine schnelle Rückkehr zum Präsenzunterricht für alle Schüler ab.

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Die Frage spaltet gegenwärtig das Land: Sollten Deutschlands Schulen wieder vollständig wiedereröffnet werden?

Auf der einen Seite stehen mehrere Bundesländer. So planen Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt eine baldige Normalisierung des Schulbetriebs – oder haben wie Sachsen sogar schon damit begonnen.

Sie bekommen dabei unter anderem Unterstützung durch das Deutsche Kinderhilfswerk, das die Gefahr einer "verlorenen Generation" durch anhaltende Kita- und Schulschließungen sieht.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, lehnt hingegen eine schnelle Rückkehr zum Präsenzunterricht für alle Schüler ab. "Ich warne davor, nun schnell zum Komplettunterricht überzugehen", sagte Meidinger im Gespräch mit unserer Redaktion.

Aus Sicht des Schulleiters des Deggendorfer Robert-Koch-Gymnasiums sollte erst einmal abgewartet werden, welche Auswirkungen die bereits seit einigen Wochen im Schichtbetrieb laufenden Schulen auf das Infektionsgeschehen haben.

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Lehrerpräsident: Schulöffnungen seien Experiment

"Das, was wir jetzt machen, ist trotz aller Studien und Expertenmeinungen ein Experiment", betont Meidinger. So sei etwa nach wie vor nicht ausreichend geklärt, welche Gefahr von Aerosolen ausgehe – gerade in vollen Klassenzimmern. Anders als von Experten empfohlen, könnten viele Räume gar nicht durchlüftet werden. "Aus Sicherheitsgründen können in den meisten Schulen die Fenster ab dem zweiten Stock nur gekippt oder gar nicht geöffnet werden", berichtet Meidinger.

Ihm zufolge sei das Hauptproblem aber ein anderes: "In den Pausen reichen der Hof und die Gänge selbst für die jetzt halbierte Schülerzahl nicht aus. Deswegen haben fast alle Schulen versetzte Pausenzeiten eingeführt."

Dazu kommt die Regelung mit Risikopersonen, die für Schüler und Lehrer gleichermaßen gilt. Bei Vorerkrankungen reicht ein Attest des Hausarztes, alle Über-60-Jährigen sind von der Präsenzpflicht befreit. Deutschlandweit würden etwa 20 bis 30 Prozent der Lehrer unter die Regelung fallen, schätzt Meidinger. "Aber nur etwa die Hälfte davon nimmt sie auch in Anspruch: Viele unterrichten weiterhin, gerade die Schüler in den Abschlussklassen wollen sie nun nicht im Stich lassen."

Aus Sicht des Lehrerverbands haben Lehrkräfte ein deutlich höheres Ansteckungsrisiko als die Schüler selbst. "Sie treffen während einer Woche mit bis zu zehn Lerngruppen zusammen – das sind schnell über Hundert Schüler", erläutert Meidinger.

Regelunterricht ohne Abstandsregeln

Als erstes Bundesland hatte Sachsen schon ab dem 18. Mai Grundschulen im eingeschränkten Regelbetrieb wieder geöffnet – auf freiwilliger Basis. Mit 95 Prozent aller Grundschüler sitzt jedoch die große Mehrheit wieder in den Klassenzimmern.

Weit fortgeschritten ist auch die Strategie in Schleswig-Holstein. Bildungsministerin Karin Prien sagte im NDR, die Bildungseinrichtungen in dem norddeutschen Bundesland befänden sich bereits in der vorletzten Stufe eines vierphasigen Öffnungsplans. In den dortigen Grundschulen soll ab 8. Juni der Regelunterricht starten – und zwar ohne Abstandsregeln. In den weiterführenden Schulen sollen ab 22. Juni – der letzten Woche vor den Sommerferien – alle Schüler zusammenkommen.

Ab Mitte Juni peilt auch Sachsen-Anhalt für Grundschüler wieder einen Betrieb in gesamter Klassenstärke an. In Baden-Württemberg ist das ab Ende Juni geplant. Vertreter anderer Bundesländer hatten zuletzt nicht mehr ausgeschlossen, dass zumindest nach den Sommerferien an den Schulen wieder ein Regelbetrieb stattfinden kann.

Davon geht etwa Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke aus. "Bis zu den Sommerferien wird es keinen normalen Regelbetrieb an den Schulen geben können", sagte er dem RBB-Inforadio. Man werde aber alles dafür tun, dass alle Kinder mit dem neuen Schuljahr ab Anfang August wieder regelmäßig in die Schule gehen können.

Lehrerpräsident Meidinger hält das zumindest für ambitioniert. Der jetzige Schichtbetrieb müsse aus seiner Sicht so lange weiterlaufen, bis es einen Impfstoff gibt. "Die Abstands- und Hygieneregeln werden wohl noch das gesamte restliche Schuljahr gelten – wenn nicht sogar noch das nächste. Da wird mir ganz mulmig, wenn ich daran denke", sagt Meidinger.

Corona-Tests bei Schülern

Auch der Bundeselternrat sieht mittelfristig keine Möglichkeit für eine Rückkehr von allen Schülern in voller Klassenstärke. Der Bundeselternrat ist der Dachverband der Landeselternvertretungen in Deutschland.

"Unterricht in voller Klassenstärke wird in den Schulen aufgrund der Platzverhältnisse in den Schulen nicht möglich sein und ist realitätsfremd", sagte der Bundesvorsitzende Stephan Wassmuth am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Man erwarte aber, dass alle Schulen nach den Sommerferien möglichst Präsenzunterricht anbieten. "Wo dies nicht umsetzbar ist, ist qualifizierter Fernunterricht ein wichtiges Instrument zur Unterstützung."

Wassmuth sprach sich gegen regelmäßige Tests von Schülern aus, wie es der Deutsche Philologenverband gefordert hatte. Diese böten nur eine Scheinsicherheit, griffen zu stark in die Persönlichkeitsrechte der Schülerinnen und Schüler ein und mache diese "erneut zu Versuchskaninchen". Höchste Priorität müssten weiterhin die Hygienepläne an den Schulen haben.

"Gesellschaftliche Zerreißprobe"

Schwerwiegende Folgen durch die langen Kita- und Schulschließungen befürchtet hingegen das Deutsche Kinderhilfswerk.

Bildungsforscher wiesen darauf hin, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf "schon jetzt überproportional abgehängt werden", sowohl in Bezug auf die schulischen Leistungen als auch beim sozialen Miteinander, sagte Verbandspräsident Thomas Krüger der "Welt". "Das ist gravierend, denn das holt man nach Corona gar nicht mehr auf."

Für Lehrerpräsident Meidinger ist es letztendlich "eine gesellschaftliche Zerreißprobe, wie die Bildungsqualität dauerhaft aufrechterhalten werden kann". Das sei am Ende "eine Güterabwägung". Meidinger betont: Das zuerst von Sachsen gestartete Modell könne erfolgreich sein, "aber auch mit schweren Konsequenzen scheitern".

Mit Material von dpa und AFP.

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