Seit die Milizen des Islamischen Staates (IS) den Nahen und Mittleren Osten terrorisieren, scheint die Machtverteilung in der Region unaufhaltsam aus den Fugen zu geraten. Wie konnte es dazu kommen?

Für den Iran, heißt es, sei die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) eine strategische Bedrohung, für Saudi-Arabien eine existentielle Gefahr. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan stellt den IS auf eine Stufe mit seinen Erzfeinden, der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die auch außerhalb der Türkei als terroristische Vereinigung gilt.

Experten sind sich einig, dass der Kampf gegen den IS nur dann zu gewinnen ist, wenn sich die regionalen Mächte Saudi-Arabien, Iran und die Türkei zusammentun. Bislang funktioniert das jedoch nur in der Theorie. In der Praxis mangelt es den Bündnispartnern noch immer an Vertrauen. Derweil nistet sich der IS im entstehenden Machtvakuum ein und schafft handfeste Tatsachen.

Doch was genau hindert die Regionalmächte daran, miteinander zu kooperieren? Welche Interessen verfolgen sie und was sind die Gründe dafür?

Die Gründe der Türkei

  • Am 2. Oktober stimmte das Parlament einem Antrag zu, der die Regierung ermächtigt, mit anderen Staaten militärisch gegen "terroristische Gruppen" im Irak und Syrien vorzugehen. Allerdings weigert sich Erdogan, die irakischen und syrischen Kurden im Kampf gegen den IS und Baschar al-Assad zu bewaffnen, weil es sich dabei teilweise um den verlängerten Arm der PKK handelt.
  • Wenn es um die eigenen Wirtschaftsinteressen geht, drückt Ankara auch mal ein Auge zu. So wird das Öl, das aus nordirakischen und nordsyrischen Quellen und Raffinerien kommt, vom IS ohne Probleme in die südlichen Landesteile der Türkei geschmuggelt - und deutlich unter Marktwert verkauft. Öl ist in der Türkei so teuer, dass es am Ende des Tages offenbar egal ist, woher es stammt.
  • Den Kampf gegen den IS betrachtet Erdogan zugleich als Gelegenheit, gegen Teherans Streben um eine Vormachtstellung in der Region vorzugehen und das Assad-Regime zu stürzen, um damit den Weg frei zu machen für sunnitische Kräfte. Ob Ankara dabei den extremistischen IS vor Augen hat, ist jedoch unwahrscheinlich. Moderate Kräfte sind dagegen gern gesehen.

Die Gründe des Iran

  • Während Washington IS-Kämpfer aus der Luft bombardiert, versorgt Teheran schiitische Milizen im Irak nicht nur am Boden mit Waffen, sondern auch durch die Unterstützung der Irakischen Revolutionsgarde. Immerhin gefährden sunnitische Dschihadisten, die die nationalstaatliche Ordnung aufheben wollen, Teherans wachsenden Einfluss im Mittleren Osten. Andererseits muss sich auch der Iran mit dem IS arrangieren, solange der Konflikt andauert. Dem arabischen Sender "Al Jazeera" zufolge teilen sich beide – wenn auch unfreiwillig – die Ost-West-Straßen durch den Irak und Syrien. Teheran kann somit das alawitische Assad-System militärisch und finanziell versorgen, der IS sein Öl transportieren.
  • Inwieweit die sunnitische Minderheit im Iran eine Rolle in dieser Situation spielt, bleibt offen. Fest steht, dass sich Teheran immer noch eine Diskriminierung der eigenen Sunniten leistet. Zugleich aber eine "inklusive Regierung" im Irak fordert, dessen wichtigster Verbündeter Iran seit 2011 ist.
  • Gute Beziehungen möchte Irans Außenminister Mohammad Javad Zarif im Angesicht des IS-Terrors auch mit dem einstigen Rivalen Saudi-Arabien etablieren. Aber zu mehr als einigen diplomatischen Treffen hat die "gemeinsame Bedrohung" noch nicht geführt. Kein Wunder: Weder in Syrien noch im Libanon stehen beide auf derselben Seite. Während Teheran Assad stützt, versucht Riad ihn zu stürzen. In Beirut will Riad dem "Lager des 14. März" wieder an die Macht verhelfen, Teheran steht stattdessen dem anti-westlichen, pro-syrischen "Bündnis des 8. März" bei, das momentan regiert.

Die Gründe von Saudi-Arabien

  • In dem Öl-Staat ist die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sunnitisch. Ein Teil davon hat bereits vor zehn Jahren im Irak gegen Schiiten und Amerikaner gekämpft. Deshalb gilt es als so gut wie sicher, dass der radikal-sunnitische IS von saudischen Sunniten Zulauf bekommt und bald auch in Saudi-Arabien auftauchen könnte. Das ist eine Gefahr für die saudischen Herrscher, schließlich lehnt der IS das Prinzip der Nationalstaatlichkeit ab – und könnte versuchen, das Land zu destabilisieren. Also kämpft Riad aktiv an der Seite Washingtons gegen dieses Worst-Case-Szenario. Saudische Privatiers und andere Golf-Araber, beispielsweise aus Kuwait oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, lassen dem IS allerdings bewusst Geld zukommen. Sie sehen den IS als Bollwerk gegen die Schiiten und den Iran.
  • Die Königsfamilien könnten den Geldfluss an den IS, dessen Kalifat sie vehement ablehnen, theoretisch unterbinden. Doch das würde wahrscheinlich zu einer innenpolitischen Spaltung führen und wird deshalb nicht durchgesetzt. Solange die islamistischen Extremisten nicht im Land sind, soll der innere Frieden nicht gestört werden.

Die regionalen Mächte halten sich auch zurück, weil ihnen das Vorgehen der USA unverhältnismäßig erscheint. Berechnungen der Vereinten Nationen zufolge übersteigen mit über 191.000 registrierten Toten nicht nur die Zahl der syrischen Bürgerkriegsopfer die Opfer des IS um das Siebenfache. Auch die Flüchtlingsproblematik verschlimmert sich täglich. Doch gegen Assad wird nichts unternommen.

Der IS profitiert damit - aller Gefechte zum Trotz - noch immer von der "der-Feind-meines-Feindes-ist-mein-Freund"-Logik, die im Nahen und Mittleren Osten herrscht.