• Boris Johnson plant den stufenweisen Ausstieg aus allen Corona-Maßnahmen und damit die Rückkehr Großbritanniens zur Normalität.
  • Sogar die geplanten Spiele der Fußball-EM sollen auf der Insel vor Live-Publikum stattfinden.
  • Der Premier sitzt derzeit fest im Sattel. Wenn er eine dritte Corona-Welle vermeiden kann, wäre er vorerst alle innenpolitischen Probleme los.
Eine Analyse
von Frank Heindl

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Als der "Guardian" von Boris Johnsons Corona-Exit-Strategie berichtete, konnte man gefühlt ganz Großbritannien aufatmen hören. Schließlich ist das Land seit Anfang Januar in einem harten Shutdown. Doch die Lockerungspläne sind nicht einfach zu erfüllen, Johnson hat sie an präzise Vorgaben geknüpft. Ob diese eintreten, ist schwer einzuschätzen.

Musikveranstalter auf der Insel zeigten sich jedenfalls hoch erfreut: Per Twitter verkündeten etwa die Veranstalter der Festivals in Reding und Leeds, man könne es kaum erwarten, im Sommer die Tore wieder zu öffnen.

Auch die Fußballfans jubeln: Johnsons Pläne sehen vor, dass ab Mitte Mai in den Stadien bis zu 10.000 Menschen zusammenkommen dürfen.

Große Fortschritte bei der Corona-Bekämpfung

In der Tat hat Großbritannien große Fortschritte bei der Co­ro­na-Bekämpfung vorzuweisen: Die Infektionsrate fällt, die Zahl der Geimpften dagegen steigt und nähert sich bereits der 20-Millionen-Grenze. Trotzdem sollten sich die Briten nicht zu früh freuen – denn ob sich alle Kriterien für John­sons schrittweisen "Weg in die Freiheit" erfüllen lassen, ist alles andere als sicher.

Dabei soll vor jedem der Schritte bis zur vollständigen Normalität, die sich bis Ende Juni 2021 hinziehen werden, geprüft werden, ob die Impfkampagne weiterhin erfolgreich verläuft, wie sie wirkt, ob die Infektionsraten niedrig bleiben und ob keine neuen Mutanten auftauchen.

Johnson geht also ein hohes Risiko ein: Wenn nur eines seiner Kriterien nicht eingehalten wird, muss er die Öffnung zumindest zeitlich strecken – und die Bevölkerung enttäuschen. Doch das kann sich der britische Premierminister leisten: Er sitzt, wie ein Experte bestätigt, derzeit sicher im Sattel.

Boris Johnsons größtes Plus: Er hat den Brexit vollzogen und ein Großteil seiner europaskeptischen Wählerschaft ist mit der Abwicklung zufrieden. "Dass es beim Grenzverkehr noch stottert", sei zu erwarten gewesen, urteilt der Politikwissenschaftler Philipp Adorf im Gespräch mit unserer Redaktion.

Der "Deal" – also das Ergebnis der Verhandlungen über den britischen Austritt aus der EU – werde vom Großteil der eigenen Partei und den Brexit-Befürwortern als "gar nicht so schlecht" wahrgenommen.

Während die vier konservativen Vorgänger von Johnson – Margaret Thatcher, John Major, David Cameron und zuletzt Theresa May – über das Thema Europa gestürzt waren, könnte Johnson der erste konservative Premier seit mehr als 30 Jahren sein, für den dieses Problem keines mehr ist.

Umfragen sehen die Tories deutlich vorn

Im Gegensatz zu seinem Ruf auf dem Kontinent, wo er vielfach als "Politclown" wahrgenommen und in die Nähe des gescheiterten Donald Trump gerückt wird, gilt Johnson im eigenen Lager als Sieger im harten Kampf um den britischen Rückzug aus der EU. Kein Wunder, dass die Konservativen in Umfragen derzeit mit fünf Prozent vorne liegen.

Hilfreich dabei ist auch die anhaltende Schwäche der Labour Party, die sich mit internen Streitereien selbst lahmlegt und es "nicht schafft, sich in der Opposition zu profilieren", wie Philipp Adorf feststellt.

Das wird es auch in Johnsons Partei so gesehen – über interne Widerstände muss sich Johnson vorerst keine Gedanken machen. Die Tories rechnen es ihrem Parteivorsit­zen­den hoch an, dass er einen historischen Wahlsieg eingefahren hat. Mehr als die 2019 erreichten 43,6 Prozent der Wäh­ler­stimmen hatte zuletzt 40 Jahren zuvor Margaret Thatcher erreicht – sie kam 1979 auf 43,9 Prozent.

Kritik an Boris Johnson, so scheint es, gibt es derzeit nur noch in Nordirland und Schottland. Die Nordiren sind enttäuscht, weil Johnsons Brexit-Vertrag mit Extra-Regelungen für die britische Provinz auf der irischen Nachbarinsel nicht verhindern konnte, dass sie in den Geschäften immer wieder vor leeren Regalen stehen – mit den Einfuhren klappt es alles andere als reibungslos.

Noch unzufriedener mit dem Brexit sind die schottischen Nationalisten, sie fordern ein zweites Unabhängigkeitsreferendum. 2014 hatten sie im Kampf um die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich mit 44 gegen 55 Prozent der Stimmen verloren – nun schöpfen sie neue Hoffnung.

Fußball-EM als Rettung vor neuem Unabhängigkeitsreferendum

Johnson hatte die Abstimmung von 2014 als "once in a generation" qualifiziert – als eine Diskussion, die jede Generation nur einmal führen könne und solle. "Er sieht das als Thema ausgestanden an", urteilt Politikwissenschaftler Adorf.

Er rechnet aber damit , dass es für den Premier schwer werden könnte, diese Position auf Dauer durchzuhalten. Man denke in der Regierung sehr wohl darüber nach, "wie man auch ein zweites Referendum gewinnen kann".

Große Hoffnungen ruhen dabei auf der Fußball-EM. Wenn Johnsons Pläne aufgehen und die Insel bis zum Sommer den Weg aus dem Lockdown gehen kann, dann werde der Premier das Thema "perfekt einbauen können in seine Brexit-Strategie", sagt Adorf.

Johnson könnte dann argumentieren, dass London dank des EU-Ausstiegs die Pandemie besser bewältigt habe als Festland-Europa: Großbritannien habe sich schneller Impfstoffe sichern und diese verimpfen können, weil es die lahmende EU-Bürokratie hinter sich gelassen habe. Der Lohn: Großbritannien zieht problemlos und vor Live-Publikum in den Stadien seinen Teil der Fußball-EM durch, während die Fans auf dem Kontinent nur an den Fernsehschirmen dabei sein können.

"Während die ökonomischen Folgen des Brexit schwer zu klären und zu erklären sind, könnte das Thema Fußball plastisch Johnsons Erfolg illustrieren", argumentiert Adorf. Und der Premier könnte damit nebenbei die kritischen Stimmen in Norirland und Schottland wenigstens vorübergehend zum Schweigen bringen.

Wenn eine dritte Corona-Well ausbleibt, so Johnsons Hoffnung, müsste er sich vor einem neuen Unabhängigkeitsreferendum weniger fürchten. Und auch nicht davor, dass ihm das leidige Europa-Thema doch noch die Amtszeit verleiden könnte.

Über den Experten: Der Politologe Dr. Philipp Adorf lehrt und forscht an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Verwendete Quellen:

  • Umfrage-Ergebnisse Großbritannien: Polls of Polls
  • The Guardian: Covid: Boris Johnson unveils lockdown exit plan: schools and social contact first

Coronavirus: Großbritannien erhöht Tempo beim Impfen

Großbritannien drückt im Kampf gegen das Coronavirus auf die Tube. Bis Ende Juni will Premierminister Boris Johnson jedem Erwachsenen ein Impfangebot machen. (Teaserbild:dpa)