Merz, Söder oder Wüst? Die Union diskutiert die K-Frage - doch die wahren Machtverhältnisse sind plötzlich anders als gedacht. Wer hält im Rennen um die Kanzlerkandidatur welche Trümpfe in der Hand?

Dr. Wolfram Weimer
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Wolfram Weimer dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Nach Wochen des Ärgers bekommt Friedrich Merz plötzlich doppelten Aufwind. Erst zeigt eine Umfrage für den CDU-Vorsitzenden sprunghaft steigende Zustimmungswerte, die ihn im August-Politikerranking vor Kanzler Olaf Scholz und Vize-Kanzler Robert Habeck katapultiert. Und dann verkündet ausgerechnet Karl-Josef Laumann, Chef des linken CDU-Flügels CDA (Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft, Anm. d. Red.), dass er Friedrich Merz für den richtigen, ja "geborenen" Kanzlerkandidaten halte.

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In der CDU sorgen beide Nachrichten für einiges Aufsehen. Denn seit Mitte Juni war die Partei in Aufruhr, weil sich der NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst in zwei Zeitungen selbst als Kanzlerkandidat ins Gespräch gebracht hatte. Auf allen CDU-Sommerpartys von Kiel bis Konstanz wurde seither diskutiert, ob Merz, Wüst oder doch Markus Söder der beste Kanzlerkandidat für die kommende Bundestagswahl sei.

Wird Wüst als jüngerer Kronprinz der CDU positioniert?

Während Wüst mit seinem Vorstoß in den Medien allerlei Komplimente erhielt, weil die nun süffigen Stoff für ein dankbares Sommertheater hatten, kam der Vorstoß innerhalb der CDU gar nicht gut an. Dass ein Ministerpräsident, der sein Amt zu nicht geringen Teilen Merz verdankt, seinem Parteivorsitzenden offen in den Rücken fällt, gefällt vielen CDU-Mitgliedern, bei denen Loyalität einiges gilt, überhaupt nicht. Wüst habe unmittelbar vor dem kleinen CDU-Parteitag in Berlin "das Messer ausgepackt", so etwas schade der Geschlossenheit der Partei mitten in wichtigen Wahlkämpfen. Insbesondere in Hessen, wo in wenigen Wochen Wahlen anstehen, hört man von hochrangigen Christdemokraten: "Da verwüstet einer unseren Wahlkampf."

Aus dem Umfeld von Wüst wird daher seit einigen Tagen verteidigend verbreitet, man habe Merz nicht infrage stellen wollen. Die Absicht sei gewesen, Wüst als jüngeren Kronprinz der CDU langfristig in Position zu bringen. Nach der massiven innerparteilichen Kritik ist aus der Staatskanzlei in Düsseldorf nun sogar zu hören, dass Wüst "in Wahrheit gar keine Absicht" habe, bereits 2025 Kanzlerkandidat zu werden. Die Aura des Kandidatenkandidats sei zwar "nützlich für sein politisches Ansehen" - zugleich aber wolle Wüst keinesfalls "Laschet 2" werden. Er wisse, dass ein Ministerpräsident, der in seiner ersten Legislatur zum Absprung ansetze, verloren sei.

Tatsächlich ist Wüst erst seit gut einem Jahr überhaupt Ministerpräsident. In seiner Karriere hat er bislang keinerlei bundespolitische Ambition oder außenpolitische Kompetenz erarbeiten können. Die Kanzlerkandidatur würde negative Laschet-Assoziationen auslösen. Mit erst 47 Jahren kann Wüst hingegen noch auf seine Chance in Ruhe warten.

Die Positionierung von Laumann für Merz als Kanzlerkandidat gilt daher innerhalb der CDU als ein offizielles Signal, dass Wüst zurückzieht. Denn Laumann ist nicht nur seit 2005 Vorsitzender der christdemokratischen Arbeitnehmerschaft und damit eine zentrale Machtfigur in der Union, er ist zugleich NRW-Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales und damit im Kabinett Wüst. Dass sein prominentestes Kabinettsmitglied Wüst in der K-Frage maßregelt und erklärt, die stehe dem Parteivorsitzenden zu, gilt in der NRW-CDU als Donnerschlag.

Landtagswahlergebnis in Bayern wird für Markus Söder entscheidend

Auch in München ist die überraschende Wende im CDU-Machtkampf genau registriert worden. "Es ist gut, dass Hendrik Wüst Ruhe gibt", heißt aus dem CSU-Präsidium, denn auch in Bayern wird demnächst gewählt - und Geschlossenheit ist daher erwünscht. Zugleich diskutieren die Christsozialen aber munter selbst die Frage, ob nicht Markus Söder am Ende doch der beste Kanzlerkandidat der Union sei. In München trauen viele den scheinbar klaren Dementis ("Ich stehe nicht zur Verfügung.", "Für mich ist das Thema erledigt.", "Meine Lebensaufgabe ist Bayern.") nicht.

Für Söders Chancen wird das Landtagswahlergebnis in Bayern von großer Bedeutung. Der bayerische Ministerpräsident muss, um bundespolitisch ernsthaft im Rennen zu bleiben, mindestens 43,4 Prozent der Stimmen erringen. Denn das war exakt das (miserable) Ergebnis von Ministerpräsident Günther Beckstein 2008 - und zugleich das zweitschlechteste in der CSU-Geschichte seit 65 Jahren. Nur eines war noch schlechter, die 37,2 Prozent von Söder selbst im Jahr 2018. "Sollte Söder weniger als die 43 Prozent von Beckstein holen, kann er alle bundespolitischen Ambitionen begraben", unkt ein CDU-Vorstandsmitglied in Berlin.

Tatsächlich hat Söder ohnedies ein CDU-Problem. Selbst wenn er doch noch wollte und ein gutes Wahlergebnis ihn beflügeln würde, gäbe es in der CDU erheblichen Widerstand gegen eine Kandidatur aus Bayern. Tief sitzt bei vielen Funktionären der CDU der Ärger über den letzten Bundestagswahlkampf und die Rolle, die Söder dabei gespielt hat. Sollte Söder andererseits bei der Bayern-Wahl 45 Prozent oder mehr erringen, dann ist die Kanzlerkandidatenfrage plötzlich wieder ganz offen.

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