Der monatelange Konflikt zwischen den Wagner-Söldnern und der russischen Militärführung ist eskaliert. Die Truppe von Jewgeni Prigoschin rebelliert. Was bislang über den Aufstand bekannt ist.

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Die Söldnertruppe Wagner hat eine offene Rebellion gegen Moskau gestartet. Nach Monaten des schwelenden Konfliktes zwischen Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin und der russischen Militärführung kündigte der Söldnerführer am Freitagabend an, die Befehlshaber der Armee stürzen zu wollen. Er rief die Russen dazu auf, sich den Wagner-Kämpfern anzuschließen.

Seitdem hat Prigoschin nach eigenen Angaben mit seinen Soldaten die Kontrolle über die Militäranlagen in der südrussischen Stadt Rostow am Don übernommen.

Was war der Auslöser der Rebellion?

Seit Monaten ficht Söldner-Chef Prigoschin im Zusammenhang mit dem Einsatz seiner Truppen im russischen Angriffskrieg in der Ukraine einen Machtkampf mit der Führungsriege des russischen Militärs aus. Immer wieder attackierte er scharf Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow, zeigte sich frustriert über Nachschubprobleme, forderte mehr Munition und beklagte eine mangelnde Unterstützung durch Moskau.

Schließlich gewann die Wut des Söldnerführers offenbar die Oberhand: Prigoschin warf der russischen Militärführung am Freitag vor, an der Front den Rückzug angetreten zu haben und die Öffentlichkeit über das wahre Ausmaß der Verluste zu täuschen. Auch den von Kreml-Chef Wladimir Putin genannten Kriegsgrund zog er offen in Zweifel: "Der Krieg wurde für die Selbstdarstellung eines Haufen Bastarde gebraucht."

Dann warf der der russischen Militärführung vor, Raketenangriffe auf seine Truppen angeordnet zu haben, bei denen zahlreiche Wagner-Söldner getötet worden seien. Der Wagner-Chef gelobte, die russische Militärführung zu "stoppen". Seine Männer rückten daraufhin in der Nacht auf Samstag von der Ukraine aus nach Russland vor.

Wie reagiert Moskau?

Der Kreml erklärte schon in der Nacht auf Samstag, die "notwendigen Maßnahmen" würden ergriffen. Russland hat seitdem die Sicherheit in Moskau und Regionen wie Rostow und Lipezk verstärkt.

Kreml-Chef Putin bezeichnete den Aufstand der Wagner-Truppen als "tödliche Bedrohung" für Russland und rief das Land zur "Einigkeit" auf. Ein Bürgerkrieg müsse vermieden werden. Die aufständischen Wagner-Kämpfer brandmarkte er als "Verräter", die "unweigerlich bestraft" würden.

Wer sind die Wagner-Kämpfer?

Von der russischen Privatarmee ist fast überall die Rede, wo es Konflikte gibt. Die Söldner der Gruppe Wagner werden neben der Ukraine mit Krisenregionen wie Mali, Syrien, Libyen und der Zentralafrikanischen Republik in Zusammenhang gebracht.

Berichte über die Existenz der Wagner-Truppe kamen erstmals zu Beginn des Krieges in der Ost-Ukraine 2014 auf. Der Geschäftsmann Prigoschin - jahrelang ein enger Vertrauter Putins - räumte im vergangenen Jahr ein, die Gruppe gegründet zu haben.

Die zu einem beträchtlichen Teil aus russischen Gefängnissen rekrutierten Wagner-Söldner spielten in den vergangenen Monaten eine wichtige Rolle im Ukraine-Krieg, vor allem bei dem langwierigen und verlustreichen Kampf um die ostukrainische Stadt Bachmut.

Welche Auswirkungen hat der Aufstand auf den russischen Krieg in der Ukraine?

Für Putin ist die Meuterei die ernsthafteste Herausforderung und die größte Sicherheitskrise im Land seit seinem Aufstieg an die Macht im Jahr 1999. Zur Zeit läuft eine ukrainische Gegenoffensive, mit der Kiew Gebiete aus russischer Kontrolle zurückerobern will - der Aufstand könnte Aufmerksamkeit und Ressourcen von den Gefechten in der Ukraine abziehen.

Die ukrainische Armee erklärte, den Machtkampf in Russland zu beobachten. Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar sprach von einer "einmaligen Gelegenheit" für Kiew. Moskau warnte, dass das ukrainische Militär die Lage nutze, um seine Soldaten für einen Angriff nahe Bachmut zusammenzuziehen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verwies auf die politische Instabilität in Russland. "Die Schwäche Russlands ist offensichtlich. Vollständige Schwäche", erklärte er.

Die Situation beschäftigte auch die Staats- und Regierungschefs weiterer Länder. In Berlin kam der Krisenstab der Bundesregierung im Auswärtigen Amt zusammen. Außerdem berieten am Samstag die Außenminister der G7-Staaten über die Lage.  © AFP

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