• In den USA wird das "Cave Syndrome" als Folge der Coronakrise diskutiert.
  • Betroffene isolieren sich trotz Impfschutz und meiden Begegnungen, diese psychischen Spätfolgen überraschen Experten nicht.
  • Arzt Ilker-Akgün Aydin spricht über mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit.

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Sich mit Freunden treffen, ausgiebig feiern, mal wieder ins Kino oder Restaurant gehen oder in den Urlaub fliegen – genau davon träumen viele Menschen während der Corona-Pandemie. Doch nicht alle teilen die Vorfreude auf eine Rückkehr zur Normalität. Wo dank sinkender Infektionszahlen und voranschreitender Durchimpfung großzügig gelockert wird, wird das deutlich.

In den USA etwa, wo das öffentliche Leben zum großen Teil wieder stattfinden kann. Aus Angst vor dem Coronavirus meiden viele weiterhin soziale Kontakte und bleiben lieber in den eigenen vier Wänden, auch bereits Geimpfte. Experten sprechen vom "Cave Syndrome". Offenbar hat Social Distancing bei einigen Spuren hinterlassen.

Wie man sich das "Cave Syndrome" vorstellen kann? Was vor der Pandemie normal war, erscheint plötzlich befremdlich oder macht sogar Angst: Wie soll man sich begrüßen? Die Hand reichen oder gar umarmen? Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, mit Kollegen im Büro sitzen, Kultureinrichtungen besuchen. Betroffene ziehen es vor, das Haus so wenig wie möglich zu verlassen.

Psychische Spätfolgen durch die Corona-Pandemie

Viele Psychologen überrascht die neue Angst vor dem Miteinander nicht. Forschende der University of British Columbia warnten bereits im Jahr 2020 vor psychischen Problemen wie Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen als Folge der Pandemie.

Die American Psychological Association befragt seit 2007 einmal im Jahr Menschen in den USA zum Thema Stress. Die Ergebnisse der Umfrage des Psychologenverbands im Jahr 2020 verdeutlichten, wie sehr die Pandemie die Psyche vieler belastet. Unter dem Titel "Eine nationale Krise der mentalen Gesundheit" wurde die Befragung veröffentlicht.

Auch 2021 steht es um die mentale Gesundheit vieler US-Bürger nicht gut. Laut der aktuellen "Stress in America 2021"-Umfrage durch die American Psychological Association gaben 49 Prozent der befragten Erwachsenen an, dass sie sich beim Gedanken an zukünftige soziale Interaktionen nach dem Ende der Pandemie nicht wohlfühlen – und das unabhängig vom Impfstatus.

48 Prozent der geimpften Teilnehmer bestätigten die Angst vor sozialen Kontakten. Bei 46 Prozent löst der Gedanke, nach der Coronakrise wieder einen Lebensstil wie vor der Pandemie zu verfolgen, ein unbehagliches Gefühl aus.

Von Angst geleitet – verändert Corona die Gesellschaft?

Auch ein Team der Universitäten Witten/Herdecke und Wuppertal untersuchte Angst als Schlüsselfaktor für Verhaltensänderungen in der Pandemie. Die Forschenden machen darauf aufmerksam, dass sich das Gesundheitsverhalten der Gesellschaft – also Verhaltensweisen, um die eigene Gesundheit nicht zu riskieren – aus Angst vor dem Coronavirus verändern kann. So würden etwa Operationen oder Vorsorgeuntersuchungen aus Angst verschoben. Dadurch steige das Risiko anderweitig zu erkranken.

Doch ist die Angst vor dem Coronavirus überhaupt berechtigt, wenn bereits ein Impfschutz besteht? Der Berliner Mediziner Ilker-Akgün Aydin, Facharzt für Allgemeinmedizin, weiß: "Angst per se hat weder eine Berechtigung noch keine Berechtigung, da Angst ein Gefühl ist, das völlig irrational ist und keiner Logik und auch keiner Erklärung folgt."

Kann diese neue Grundangst zu weiteren Krankheiten führen, etwa zu stressbedingten Erkrankungen? "Es ist nicht davon auszugehen, dass solche Ängste zu stressbedingten Erkrankungen führen. Es ist eine natürliche Reaktion auf einen Zustand, in dem Nähe gleich Krankheit oder Tod suggeriert wurde. Das verfestigt sich kurzfristig in unserem Gehirn, ist aber auch reversibel."

Das Gehirn muss sich erst gewöhnen

Können wir uns also genauso an die neue Normalität nach der Pandemie gewöhnen, wie wir uns 2020 beispielsweise an das Tragen von Masken gewöhnt haben? "Genau, so wird das sein. Menschen, die etwas ängstlicher oder unsicherer sind, die wird es wahrscheinlich etwas mehr betreffen. Je normaler sich das Umfeld bewegt und lebt, desto einfacher wird es auch für diese Menschen sein, ins normale Leben zurückzukehren."

Und wie sieht es aus, wenn die Angst sich manifestiert? Ab wann sollten Betroffene sich helfen lassen? "Man muss sich nach einigen Wochen nicht als kranker Mensch fühlen oder in Panik verfallen. Wer jedoch über einen längeren Zeitraum subjektiv einen hohen Leidensdruck verspürt, kann sich immer ärztliche, psychologische oder psychiatrische Hilfe holen. Das wird wahrscheinlich eher in den wenigsten Fällen so sein. Ich denke nicht, dass uns das nachhaltig in die Isolation führt. Das wäre auch sehr schade, denn soziale Distanz entspricht ja nicht unserer Natur."

Eine größere Gefahr für die Gesundheit befürchtet der Mediziner eher durch dauerhafte Einsamkeit. Denn diese, so Aydin, mache nachweislich krank. "Neben der emotionalen Nähe brauchen wir auch die taktile Nähe. Wir müssen uns auch anfassen, fühlen, hören, schmecken und riechen. Das macht uns als Herdentier ja auch aus. Das negativ besetzte Gefühl von Einsamkeit erhöht das Risiko für verschiedene Erkrankungen, dazu gibt es sehr viele Studien."

Umarmungen gegen den Stress

Genau wie wir uns also an die vielen neuen und häufig wechselnden Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus gewöhnt haben, darf sich das menschliche Gehirn also hoffentlich schon in absehbarer Zukunft wieder an eine neue Normalität nach der Pandemie gewöhnen.

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Dass durch Umarmungen Hormone wie das beruhigend und stressreduzierend wirkende Oxytocin ausgeschüttet werden, ist längst nachgewiesen. Wer während der Coronakrise also eine gewisse Angst vor Nähe entwickelt hat und eher mit gemischten Gefühlen an die Zukunft unter Menschen denkt, sollte sich vielleicht an das Kuschelhormon erinnern, sobald das "Cave Syndrome" aus seiner Höhle brummt.

Verwendete Quellen:

Auf eine Infektion mit dem Coronavirus können Psychosen folgen

Studien belegen, dass eine Infektion mit dem Coronavirus nicht nur körperlich zu Langzeitschäden führen kann. Gefährdet ist vor allem auch das Nervensystem. Untersuchte Patienten wiesen Anzeichen von Demenz auf, seien orrientierungslos und verwirrt. Mediziner haben einen Verdacht, was die Ursache dafür ist. (Teaserbild: imago images / MiS)