Der "ZDF Fernsehgarten" wurde in den vergangenen Jahrzehnten oft belächelt. Jetzt muss er zum ersten Mal in 34 Jahren ohne Live-Publikum auskommen - und der Zuschauer stellt fest: In diesen Zeiten ist diese schöne heile Welt geradezu Balsam für die Seele.

Eine Kritik
von Felix Reek

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"Sonntag, viertel nach zwölf, das Warten hat ein Ende", sagt der Sprecher und dann steht da erstmal Guildo Horn mit seinen Orthopädischen Strümpfen und singt: "Immer wieder geht die Sonne auf und Dunkelheit für immer gibt es nicht."

Andrea Kiewel alias Kiwi erscheint, ruft gewohnt gut gelaunt: "Hurraaa, live aus Mainz". Also alles wie immer eigentlich - bis der Kameraturm zurückfährt und das riesige Gelände auf dem Mainzer Lerchenberg zeigt, von dem aus der "ZDF Fernsehgarten" live ausgestrahlt wird. Nur ein paar Mitarbeiter auf Sicherheitsabstand stehen da und zwei Artisten, die sich unentwegt in einem riesigen schwingenden Hamsterrad hinter der Moderatorin drehen.

Es ist der erste "ZDF Fernsehgarten" seit 1986, der ohne Publikum ausgestrahlt wird. Normalerweise sitzen und stehen hier bis zu 6.000 Menschen, klatschen stetig am Viervierteltakt vorbei, bejubeln die musikalischen Gäste. Doch durch die Corona-Pandemie ist das im Moment nicht möglich. Zuschauer auf dem Lerchenberg wird es in diesem Jahr wahrscheinlich nicht mehr geben, das ZDF stornierte alle Tickets.

Für die Sendung selbst hat das Konsequenzen: Das Team arbeitet mit einer Mindestbesetzung, Künstler aus dem Ausland gibt es wegen den Reisebeschränkungen nicht. Statt gut einem Dutzend Sänger und Sängerinnen treten nur sechs Interpreten auf, die dafür jeweils zwei Lieder singen dürfen.

Andrea Kiewel sagt: "Wir rücken einfach näher an sie ran"

In der ersten Folge des "ZDF Fernsehgartens" in diesem Sommer sind das neben Guildo Horn, Laith Al-Deen, Gil Ofarim, Emily Robbins, Maite Kelly und Cassandra Steen. Inhaltlich unterscheiden sie sich kaum. Gil Ofarim singt "Die Welt ist schön", Emily Robbins "In this together", Laith Al-Deen "Du bist es wert". Dazu verkündet Andrea Kiewel "alleinsein ist doof".

Rosarote Botschaften in gar nicht so rosigen Zeiten. Spätestens da wird klar, dass das hier nicht nur Fernsehen ist. Der im Laufe der Jahrzehnte immer wieder belächelte "ZDF Fernsehgarten" hält dagegen. Gegen eine nie gekannte Situation, gegen eine Gesellschaft, in der kaum noch ein Gespräch möglich ist, ohne dass das Wort "Corona" fällt, für eine Bevölkerung, die zwei Monate lang zu Hause saß, zusammenhielt und sich jetzt wieder zersplittert. In die, denen das alles viel zu schnell geht, jenen, die sich ihrer Grundrechte beraubt fühlen und all denen dazwischen.

Die Antwort des "ZDF Fernsehgartens" darauf ist Hoffnung und ein großes "Wir". "Wir rücken einfach näher an sie ran", sagt Kiwi gleich am Anfang in die Kamera. Fernsehen als Gegenentwurf zum Social Distancing. Zwei Wohlfühl-Stunden für alle.

Lutz van der Horst, bekannt vor allem aus der "heute show", liest den Brief an seine Mama aus dem Jahr 1983 vor. Es ist schließlich Muttertag. Guildo Horn dichtet Pop-Klassiker in persönliche Ständchen zum Festtag um. Aus der Zeile "Mama, uh hu hu hu" in Queens "Bohemian Rhapsody" wird "Mama Hiiiiiilde". Drohnen fliegen um die Wette und Hunde machen Stand-up-Paddling im Pool auf den Lerchenberg.

Cha Cha Cha aus der Entfernung

Natürlich kann das alles nicht ganz verbergen, dass das Thema Coronavirus auch im "ZDF Fernsehgarten" allgegenwärtig ist. Das geht los beim Sicherheitsabstand. Lutz van der Horst sagt immer wieder, dass er Moderatorin Kiwi gerne drücken würde. Aber eben nicht darf.

Die Künstler stehen weit auseinander, Laith Al-Deen erzählt, dass er jetzt auf Tour gewesen wäre und seine Band zum ersten Mal seit Wochen sieht. Fernsehkoch Armin Roßmeier gibt Tipps, wie man das Immunsystem fit hält (Antwort: mit Zwiebeln). Selbst Warm-upper Markus "Schöffi" Schöffl, der im Moment nur das eigene Team zum Anheizen hat, landet vor der Kamera und tanzt mit Andrea Kiewel Cha Cha Cha. Aus der Entfernung.

Deprimieren lässt sich davon im "ZDF Fernsehgarten" niemand. Guildo Horn sagt, "das hat hier auch etwas spezielles", Gil Ofarim, "das Team macht das großartig", alles wäre so "familiär".

Wer den "ZDF Fernsehgarten" und seine heile Welt des Schlagers bisher nur belächelt hat, dem wird schlagartig klar, dass das alles auch seine Berechtigung hat. In einer Zeit, in der jeden Tag Hiobsbotschaften auf die Zuschauer einprasseln, setzt der "ZDF Fernsehgarten" den Gegenpunkt, die Ausflucht aus dieser allzu trist erscheinenden Gegenwart und der drohenden Zukunft.

Das mag manch einer als schnöde Unterhaltung sehen, aber genau die brauchen wir gerade umso dringender. Um uns daran zu erinnern, dass es irgendwie weitergeht, weitergehen muss. Oder wie es Andrea Kiewel an diesem Sonntagmittag ausdrückt: "Nur weil es anders ist, ist es nicht schlecht."

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