Ausgerechnet Marcel Hirschers 54. Weltcup-Sieg, mit dem er den Rekord von Hermann Maier egalisiert, wird überschattet von unsportlichem Verhalten der Zuschauer: Auf seinen Konkurrenten Henrik Kristoffersen werden Schneebälle geworfen. Und nicht nur der reagiert empört.

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Als Henrik Kristoffersen am Dienstagabend in Schladming nach einem grandiosen zweiten Durchgang im Ziel eintrifft, schäumt er. Schimpfend zieht er in der Luft Kreise mit dem Zeigefinger, tobt und wirft eine Handvoll Schnee in Richtung Publikum.

Wenige verstehen, was passiert ist. Der Norweger ist zu diesem Zeitpunkt doch Erstplatzierter und hat 1,74 Sekunden Vorsprung auf den Schweizer Daniel Yule - woher die Wut?

Auch die Kommentatoren im Fernsehen sind noch ratlos. Die Zeitlupe erklärt Kristoffersens Empörung aber allzu deutlich: Während seiner Fahrt haben ihn Zuschauer mit Schneebällen beworfen.


Anschließend hagelt es Kritik, die amerikanische Skirennläuferin Mikaela Shiffrin etwa macht ihrer Empörung auf Twitter Luft. "Das ist nicht nur widerlich, sondern gefährlich!", mahnt sie.


Henrik Kristoffersen reagiert sportlich

Kristoffersen blieb während seines Laufs bewundernswert fokussiert und fuhr unbeirrt weiter. Doch als Marcel Hirscher mit 0,39 Sekunden Vorsprung jubelnd im Ziel einläuft, kann der Norweger es sich nicht verkneifen und erzählt ihm sofort von dem Vorfall.

Hirscher reagiert erschrocken: "Really? I'm sorry", hören die TV-Zuschauer sein Bedauern. "Don't worry, don't worry", beruhigt ihn Kristoffersen und zieht bei der Siegerehrung respektvoll seinen Helm.

Damit zeigt er sportliches Verhalten - im Gegensatz zu den Schneeball werfenden Zuschauern. Für Marcel Hirscher, der mit diesem Sieg den Hermann-Maier-Rekord von 54 Weltcup-Siegen eingestellt hat, ist der der Triumph sichtlich überschattet.

Marcel Hirscher: "Ich schäme mich"

99,9 Prozent der Zuschauer hier seien großartig, betont Marcel Hirscher in seinem ersten Statement als Sieger vor den Zuschauern, "aber 0,1 Prozent Deppen gibt es auch hier. Ich schäme mich dafür".

Kristoffersens Wut wollte nicht so schnell versiegen: "Sie haben mich nicht getroffen, aber es war irritierend, wenn man so etwas über einem fliegen sieht", sagt er. "Ich liebe Österreich, da ist es schade, dass drei Leute das für mich fast ruiniert haben."

Später schildert er den Vorfall noch einmal genauer: "Ich glaube, es war kurz vor der Haarnadel vor dem Steilhang. Es waren, glaube ich, drei Schneebälle, die auf mich zugeflogen sind", zitiert ihn die APA. "Natürlich versuchst du, dich auf den Kurs zu konzentrieren, aber es ist ziemlich schwierig, wenn da was auf dich zukommt."

Benni Raich: "Schlechtes Bild, das wir da abgeben"

Ex-Ski-Star Benjamin Raich findet als Experte im ORF sehr klare Worte: "Das ist genau das, was der Sport nicht brauchen kann. Da sind irgendwelche Wahnsinnigen am Werk. Das darf es einfach nicht geben"; urteilt er.

Das österreichische Publikum gebe da ein schlechtes Bild ab. "Wenn man da daneben steht, muss man sofort eingreifen. Denn das geht gar nicht", sagt Raich. "Stell dir vor, der Schneeball trifft den Henrik am Kopf und der hat einen schweren Sturz."

Kristoffersen will kein schlechter Verlierer sein

Wichtig ist Kristoffersen bei allem Ärger, nicht als schlechter Verlierer dazustehen. "Marcel ist heute besser gefahren. Das hat nichts damit zu tun, dass Marcel mich besiegt hat. Ich hätte ihn auch nicht geschlagen, wenn keine Schneebälle geflogen wären".

Am nächsten Tag bedankt sich der Norweger ausdrücklich bei jenen mehr als 99 Prozent der rund 50.000 Zuschauer, die für großartige Stimmung in Schladming sorgten:


Auch Hirscher schwärmt von der Euphorie der Zuschauer bei seinem "Heimsieg" - sein Heimatort Annaberg im Lammertal liegt ungefähr 25 Kilometer Luftlinie entfernt: "Es war ein fantastischer Tag. Es war so laut. Ich bin noch nie in Schladming mit so vielen Emotionen gefahren."

Und was den Schneeball-Eklat betrifft, sieht zumindest Skirennläufer Steven Nyman noch das Glück im Unglück: Österreicher könnten ja zum Glück nicht gut werfen, merkt der US-Amerikaner auf Twitter an.


Marcel Hirscher hatte kaum die Ziellinie von Schladming überquert und den 54. Sieg im Ski-Weltcup perfekt gemacht, da schickte Hermann Maier schon ein Glückwunschschreiben in die Welt. Doch dieses Lob klang vergiftet.