"Ja, das ist schwierig in Worte zu fassen.". Auch BVB-Kapitän Marco Reus hatte nach dem enttäuschenden 1:3 in Lissabon keine wirkliche Antwort parat, wie das Ausscheiden in einer mittelmäßigen Gruppe in der Champions League und gleichzeitig nur ein Punkt Rückstand auf die übermächtigen Bayern in der Bundesliga zusammenpassen.

Christopher Giogios
Eine Kolumne
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Dass die Gründe für die kurze Dortmunder Champions League-Saison vielschichtig sind, zeigt auch der Blick in die Gefühlswelt der Dortmunder Fans. Da ist mal von schlechter Kaderplanung die Rede, anderen Stimmen zufolge sollen der dumme Fehler von Nico Schulz vor dem 0:1 und die häufigen geistigen Aussetzer von Emre Can die Ursache sein. Natürlich liegt die Wahrheit in der Mitte. Zumindest drei Dinge kann man aber doch sehr klar herausstellen:

Die Verletztensituation

Wenn man im Fußballgeschäft über Verletzungen lamentiert, gilt man mitunter als wehleidig. Fakt ist jedoch: Der BVB konnte bislang in keiner Phase der Saison eine Mannschaft auf das Feld schicken, die dem vollen Leistungsvermögen des Kaders entspricht. Ein Spieler nach dem anderen fiel (vornehmlich mit muskulären Problemen) aus; darunter klare Stammelf-Kandidaten wie Erling Haaland, Mahmoud Dahoud, Mateu Morey und Gio Reyna.

Das Spiel am Mittwochabend war exemplarisch für das Dilemma, in dem der BVB steckt: aufgrund des engen Spielplans kann man den Spielern keine große Eingewöhnungszeit gewähren, sodass es zu wiederkehrenden Verletzungen kommt. So fiel wenige Minuten vor dem Anpfiff ausgerechnet der gerade erst zurückgekehrte Raphaël Gueirrero beim Aufwärmen aus.

Kaderstruktur

Da ist sie wieder: die alljährliche BVB-Stürmerdiskussion. Zu offensichtlich ist es, dass es der Borussia in Abwesenheit von Erling Haaland an offensiver Durchschlagskraft fehlt. Bei aller Sympathie der BVB-Fans für Steffen Tigges dürfte allen bewusst sein, dass Tigges eher aus der Not heraus im Kader der ersten Mannschaft gelandet ist.

Youssoufa Moukoko hingegen plagt sich auch seit langem mit Verletzungen herum und ist mit seinen gerade einmal 17 Jahren auch schlicht zu jung, um ihm die offensive Last eines Weltklassestürmers vom Formate Haalands aufzubürden. Neuzugang Donyell Malen hingegen fügt sich nach wie vor nur schleppend ein. Malen war ohnehin eher als spielstarker Offensivspieler neben Haaland, denn als Zielspieler, eingeplant.

Das Dilemma ist klar: kann man sich in Zeiten von Corona finanziell einen weiteren Stürmer ausschließlich für den Fall leisten, dass Haaland sich verletzt? Jedenfalls mit Blick auf hoch bezahlte "Karteileichen" wie Roman Bürki und Nico Schulz dürfte die Antwort klar ausfallen. Hieran wird sich auch in der Winterpause nichts ändern, zumal nun die wertvollen CL-Millionen fehlen.

Folglich steht man in Dortmund vor einem altbekannten Problem: spielerisch quillt der Mannschaft offensiv das Talent aus den Ohren heraus, im Abschluss fehlt dem Kader aber schlichtweg Durchschlagskraft, sobald Haaland nicht auf dem Platz steht. So musste auch Marco Rose am Mittwochabend zugeben, dass seine Mannschaft mal wieder nicht konsequent genug agierte.

Ungünstige Spielverläufe

Neben diesen strukturellen Problemen muss man dem BVB allerdings auch zugutehalten, dass die letzten beiden Champions League-Partien extrem ungünstig verlaufen sind. Sicher: beim 0:4 in Amsterdam wurde man schlichtweg überrollt. Allerdings war dies auch das einzige Spiel der Saison, in dem man überhaupt kein Land sah. Im Rückspiel sah die Sache schon anders aus – bis zum skandalösen Platzverweis von Mats Hummels.

Auch beim entscheidenden Spiel in Lissabon kassierte man in einer spielbestimmenden Phase ein unnötiges Tor aus dem Nichts und konnte auch diese Begegnung nicht zu 11. beenden. Der Platzverweis von Emre Can: mal wieder zweifelhaft. Für einen Verein mit dem Selbstverständnis von Borussia Dortmund dürfen das keine alleinigen Ausreden sein, nichtsdestotrotz gehören diese Besonderheiten zur Geschichte dieser Champions League-Runde dazu.

Neues Ziel: Europa League

Trotz der großen Enttäuschung müssen Marco Rose und sein Trainerstab die Mannschaft vor allem mental schnellstmöglich wieder auf die Spur bringen. Mit dem Auswärtsspiel in Wolfsburg und dem Duell gegen den FC Bayern stehen große Herausforderungen an. Darüber hinaus gestaltet sich das Bundesliga-Restprogramm (Bochum, Fürth, Hertha) aber ziemlich dankbar. Man hat es also selbst in der Hand, für einen versöhnlichen Jahresabschluss zu sorgen.

Mit etwas Abstand kann die Borussia im neuen Jahr dann auch wieder international angreifen. Die BVB-Fanszene hat hierzu bereits 2017 das passende Motto vorgegeben: Im Rahmen einer Choreografie in der Europa League gegen den FC Porto wurde ein überdimensionales Panini-Album mit den bislang errungenen Trophäen präsentiert. Ein Feld war allerdings noch frei, stellvertretend für den einzigen Pokal im Vereinssport, den die Dortmunder noch nie gewinnen konnten: den UEFA-Cup. Das zugehörige Spruchband war eindeutig: "Das Album vollenden – ihr habt’s in den Händen!".

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Verwendete Quellen:

  • bvb.de: Sensationelle Choreo vor dem Anpfiff gegen den FC Porto

Champions League: Warum Borussia Dortmund nicht mehr dabei ist

Nach einem Traumstart mit zwei Siegen, stürzt Borussia Dortmund in der Gruppenphase der Champions League ab und spielt nach Weihnachten nur noch in der Europa League. Die 90 Minuten in Lissabon haben offengelegt, woran der schwarz-gelbe Kader krankt. (Teaserbild: imago images/NurPhoto/Pedro Fiuza) © DAZN