Beim FC Schalke 04 herrscht mal wieder Chaos: Manager Horst Heldt hat am Montag Kevin-Prince Boateng und Sidney Sam suspendiert und Marco Höger bekommt eine Denkpause verordnet. Doch sind diese Drei alleinig für die S04-Krise verantwortlich? Oder liegt die Schuld bei Heldt, Trainer Roberto Di Matteo und Klub-Boss Clemens Tönnies?

Was ist passiert?

Es war ein unterirdischer Auftritt, der der verkorksten Saison des FC Schalke 04 die Krone aufsetzte: Mit 0:2 verlor S04 am 32. Spieltag beim 1. FC Köln. Es war nicht das Ergebnis, das die Fans und Verantwortlichen fassungslos machte. Es war die Leistung der Mannschaft. Jene Mannschaft, die wenige Wochen zuvor nur knapp gegen Real Madrid im Achtelfinale der Champions League ausgeschieden war und in der Bundesliga Kurs auf die erneute Qualifikation zur Königsklasse hielt.

Doch im Anschluss an dieses Beinahe-Wunder von Madrid gewann S04 nur eines von acht Bundesligaspielen. Selbst die Qualifikation für die Europa League ist in Gefahr. Noch schlimmer: Der FC Schalke 04 gibt öffentlich einmal mehr ein peinliches Bild ab. Manager Horst Heldt zog am Montag die Reißleine, suspendierte Kevin-Prince Boateng und Sidney Sam. Zusätzlich bekommt Marco Höger eine einwöchige Denkpause. Doch: Sind die Suspendierten tatsächlich Schuld am Schalke-Chaos?

Die Saison der Suspendierten:

Es ist nicht einmal zwei Jahre her, da ließ sich S04-Boss Clemens Tönnies für seinen Coup feiern: Er war es, der den Transfer von Kevin-Prince Boateng vom AC Mailand zum FC Schalke 04 durchsetzte. Zwölf Millionen Euro war den Gelsenkirchenern der Mittelfeldspieler wert. Schalke steuerte mit der Verpflichtung von Boateng einem Fehlstart in der Liga entgegen. Der 15-malige ghanaische Nationalspieler überzeugte zu Beginn, riss zudem seine Spieler mit und sprach sich sogar öffentlich für Julian Draxler als Spielmacher aus - eine Position, die auch er hätte bekleiden können.

In dieser Spielzeit hingegen sind die Leistungen Boatengs schlichtweg miserabel. Der 28-Jährige erzielte in 18 Bundesliga-Spielen kein einziges Tor und bereitete auch nur vier Treffer vor - dabei soll Boateng rund acht Millionen Euro pro Jahr verdienen.

Ähnlich enttäuschend geht die Zeit von Sam zu Ende. Für beinahe lachhafte 2,5 Millionen Euro schnappte sich S04 den Flügelspieler von Konkurrent Bayer Leverkusen, der dort in der Vorsaison noch mit acht Toren und sieben Vorlagen glänzte. Auf Schalke konnte der fünfmalige deutsche Nationalspieler an diese Leistungen - auch aufgrund mehrerer Verletzungen - nie anknüpfen. Der meist unauffällige Höger spielte bei seinen bis dato 25 Bundesliga-Einsätzen eine durchschnittliche Saison.

Der Manager und der Trainer:

Dass Horst Heldt ausgerechnet Boateng und Sam zu den zwei großen Sündenböcken auserkoren hat, wirkt wie reiner Aktionismus. Für den bei den Fans zunehmend in der Kritik stehenden S04-Manager ist es der letzte Schuss, den er noch frei hat. Beim nächsten großen Knall dürfte Heldts Zeit in Gelsenkirchen beendet sein.

Mit der Entlassung von Jens Keller im Oktober 2014 und der Verpflichtung von Roberto Di Matteo wollte S04 endlich Konstanz in die Leistungen des Teams bringen - doch das Gegenteil ist der Fall. Spielerisch hat sich Schalke unter dem ehemaligen italienischen Nationalspieler eher zurück- als weiterentwickelt. Di Matteo, während seiner Trainerzeit beim FC Chelsea für seine defensive Ausrichtung bekannt, änderte das Spielsystem der Knappen. Statt mit einer Viererkette ließ er seine Mannschaft in einer Dreierkette agieren, die beim Umschalten in die Defensive zu einer Fünferkette werden sollte. Doch der Erfolg bleibt zunehmend aus. In fünf der vergangenen sieben Partien erzielte Schalke keinen eigenen Treffer. Mit der Suspendierung von Sam und insbesondere Boateng zeigt sich zudem: Di Matteo scheint, anders als von den S04-Bossen erhofft und erwartet, Probleme mit "großen Namen" zu haben.

Die Schalker Profis weisen neben taktischen auch charakterliche Mängel auf - dafür trägt neben Heldt auch der Trainer Verantwortung. Di Matteo sollte Schalke zurück in die Champions League führen. Dass dieser Klub in der Tabelle nun sogar vom FC Augsburg überholt wurde und um die Qualifikation zur Europa League bangt, zeigt, dass Di Matteo keine Verbesserung gegenüber Keller darstellt.

Der Klub-Boss:

Aufsichtsratschef Clemens Tönnies gerät bei den Fans ebenfalls zunehmend unter Beschuss. Die von Tönnies initiierte Verpflichtung von Felix Magath 2009 erwies sich bereits als großer Fehler - nun mehren sich auch die Zweifel, ob Magaths Nachfolger Heldt der Richtige für den Posten des Managers ist. Der Kader scheint zunehmend an Qualität zu verlieren, obwohl aus der exzellenten Schalker Jugendarbeit ("Knappenschmiede") immer wieder zahlreiche Talente wie Sead Kolasinac, Max Meyer oder Leroy Sané nachrücken.

Tönnies stellt Heldt, dem er jahrelang auch in Krisenzeiten den Rücken stärkte, keinen Freifahrtschein mehr aus. "Ich habe schon einmal gesagt, dass ich ihn weder infrage stelle noch heiligspreche", sagte der Klub-Boss im "Audi Star Talk" des Pay-TV-Senders Sky. "Ich kann ja jetzt nicht sagen, dass wir die Euro League vergeigen, aber seinen Vertrag verlängern." Trainer Di Matteo, der vertraglich noch bis 2017 an Schalke gebunden ist, soll laut Tönnies auf jeden Fall im Amt bleiben: "Wir wollen ihm Zeit geben, er soll eine Mannschaft aufbauen."

Doch scheitern Heldt und Di Matteo im Doppelpack, wird sich der Fanfrust mehr und mehr in Richtung Tönnies verlagern. Es ist fraglich, ob der 58-Jährige diesem zunehmenden Druck lange Stand halten kann.

Fazit:

Es kommen viele Faktoren zusammen, die für das erneute Chaos beim FC Schalke 04 sorgen. Die Gelsenkirchener hatten beinahe die gesamte Saison mit schweren Verletzungen zu kämpfen, kamen so nie in den Rhythmus. Dennoch: Der Kader muss stark genug sein, um zumindest mühelos die Qualifikation für die Europa League zu erreichen.

Neben den sportlichen Problemen muss auch Heldts Position hinterfragt werden. Der Schalke-Manager ist für die Zusammenstellung des Kaders sowie die Besetzung des Trainerpostens verantwortlich. Dass in beiden Bereichen Probleme offenkundig sind, wirft ein schlechtes Bild auf ihn.

Dass die Mannschaft dermaßen gravierende charakterliche Schwächen aufweist, die nun in den Suspendierungen zweier vermeintlich wichtiger Spieler mündete, ist ein verheerendes Zeugnis für Heldts und Di Matteos Arbeit.

Auf Schalke liegt viel im Argen. Es scheint, als wolle Heldt mit den Suspendierungen von Boateng und Sam seinen eigenen Kopf ein letztes Mal retten. Kurzfristig mag das gelingen. Ob Heldt noch langfristig auf Schalke arbeiten wird, ist hingegen mehr als fraglich.