Nach der Niederlage beim FC Porto hätte man denken können, der FC Bayern München habe genug Probleme. Nun gesellt sich ein Kriegsschauplatz hinzu: der Rücktritt des "Arzt-Gotts" Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Trainer Pep Guardiola scheint nicht unschuldig daran zu sein. Sein Stellenwert scheint beschädigt.

Beim Pokalspiel in Leverkusen gab es diese eine Szene: Medhi Benatia schleicht geknickt vom Platz. Der Marokkaner war noch nicht ganz fit ins Pokal-Viertelfinalspiel seiner Bayern gegangen und musste nach 34 Minuten doch wieder ausgewechselt werden.

Sein Trainer Pep Guardiola schnaubte an der Außenlinie, drehte sich um und applaudierte der Bayern-Bank mit aufreizendem Spott. Die Episode verschwand danach schnell von der Bildfläche, weil die Partie noch ein dramatisches Elfmeterschießen sowie einen überharten Kung-Fu-Tritt von Bayerns Thiago mit sich bringen sollte und sich die Debatten fast ausschließlich darauf konzentrierten.

Seit Donnerstagabend bekommt Guardiolas Ausraster womöglich einen völlig neuen Anstrich. Bayern-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurückgetreten und mit ihm seine komplette Belegschaft mit seinem Sohn Kilian sowie Peter Ueblacker und Lutz Hänsel. Der FC Bayern München steht de facto also mitten in der Saison ohne Ärzte-Team da. Eine ebenso skurrile wie explosive Situation für den Rekordmeister.

Das Vertrauensverhältnis zu Bayern-Coach Pep Guardiola sei beschädigt, schrieb Müller-Wohlfahrt in seiner Erklärung und behauptete, dass "aus uns unerklärlichen Gründen die medizinische Abteilung für die Niederlage hauptverantwortlich gemacht" wurde. Das 1:3 in der Champions League beim FC Porto habe Guardiola also den Bayern-Ärzten angekreidet. Der Streit kocht über.

Es knistert seit dem ersten Tag

So reagiert das Netz auf den Rücktritt von FCB-Teamarzt Müller-Wohlfahrt.

Zwischen Guardiola und Müller-Wohlfahrt hatte es quasi vom ersten Tag an geknirscht. Beide stritten sich um die Art der Behandlung Thiagos vor der WM 2014, Guardiola war es in seiner Zeit in Barcelona gewohnt, als Trainer den Ärzten im Team weisungsbefugt zu sein - bei den Bayern war Müller-Wohlfahrt nach fast 40-jähriger Tätigkeit aber nicht bloß nur ein Arzt, "Mull" war eine Institution.

Pep schimpfte oft darüber, dass Müller-Wohlfahrt als Mannschaftsarzt nicht bei jeder Trainingseinheit am Platz stand und bei Verletzungen seiner Spieler unmittelbar hätte eingreifen können. Um die Erstbehandlung mussten sich bei den Bayern die Physiotherapeuten kümmern. Verletzte Spieler mussten dann einmal quer durch die Stadt gefahren werden, um von Müller-Wohlfahrt behandelt zu werden.

Immer wieder drängte Guardiola darauf, dass seine verletzten und angeschlagenen Spieler schneller wieder fit werden sollten, die Vereinsführung musste mehrere Male schlichtend eingreifen und knickte in gewisser Weise auch ein, indem sie Müller-Wohlfahrt-Sohn Kilian "fest" an der Säbener Straße installierten.

Guardiola bestand nach der Verletzung von Thiago darauf, den Spieler in Spanien behandeln zu lassen, Müller-Wohlfahrt lehnte brüskiert ab. Vor einem Spiel in Manchester stritten sich beide öffentlich am Flughafen in München. Es entwickelte sich ein Machtkampf hinter den Kulissen, der in den vergangenen Tagen und Wochen mit jedem neuen verletzten Spieler noch einmal deutlich an Fahrt aufgenommen haben dürfte. Bis zum Knall am Mittwochabend.

Am Freitag versuchte Guardiola die Wogen zu glätten. Auf der Pressekonferenz zum Spiel in Hoffenheim sagte der Spanier über Müller-Wohlfahrts Rücktritt: "Es war seine Entscheidung. Ich habe großen Respekt, ich kann diese Entscheidung nur respektieren."

Mit Rücktritt von Müller-Wohlfahrt endet eine Ära

Mit Müller-Wohlfahrts Rücktritt endet nicht nur eine Ära bei den Bayern, der Doc war mit einer kurzen Unterbrechung (während Jürgen Klinsmann Trainer war) seit 1977 der wichtigste Mediziner beim Rekordmeister. Er bringt - quasi als Kollateralschaden - auch Guardiola nun ganz besonders in die Bredouille. Die Bayern verstehen sich als große Familie. Als einen Klub, der die Basis mit dem Anspruch der Weltmarke in Einklang bringt: "Mia san global".

Wenn es hart auf hart kommt, dann sticht die Loyalität für das Altbewährte aber zur Not auch den Fortschritt. Guardiola ist als Trainer nahezu unumstritten, ihm hängt bisher lediglich der "Makel" des Halbfinale-Aus in der letzten Champions-League-Saison gegen Real Madrid an. Das Rückspiel gegen Porto am kommenden Dienstag wird für Guardiola eine sehr spezielle Erfahrung werden.

Im ersten Heimspiel nach Müller-Wohlfahrts Rücktritt werden alle ganz genau hinschauen, wie die Stimmung im Stadion sein wird und ob sie - sollte der nicht unwahrscheinliche Fall eintreten und die Bayern ausscheiden - danach kippt. Das Gros seiner Spieler geht seit Jahren zu Müller-Wohlfahrt und wird es mit ziemlicher Sicherheit auch in Zukunft so handhaben. Auch das ist zumindest eine eigenartige Situation.

Pep Guardiola hat den schwarzen Peter

Zumal der Trainer womöglich gar nichts dafür kann, ebenso gut könnte Müller-Wohlfahrt schlicht überreagiert haben und nur ein schlechter Verlierer sein. In der öffentlichen Wahrnehmung hat bisher jetzt aber eher Guardiola den schwarzen Peter. Zittern herrscht auch deswegen, weil der prominente Arzt am Freitag ein Statement für die kommenden Tage ankündigte: "Ich werde mich noch äußern, aber nicht heute."

Eine Trainerdiskussion ist zu diesem Zeitpunkt und nach dem, was Guardiola mit den Bayern schon erreicht hat, zwar undenkbar. Trotzdem wird diese Geschichte um den enttäuschten Doktor Spuren hinterlassen. Guardiola hat stets betont, dass er sich an diesen neuen Klub anpassen müsse, dass der Verein immer größer sei als seine handelnden Personen. Und doch hatte es immer etwas von verletzten Eitelkeiten, wenn sich er und Müller-Wohlfahrt mal wieder in der Wolle hatten.

Es gibt jetzt schon nicht wenige Bayern-Fans, die sich in einer solch brisanten Situation einen omnipräsenten Uli Hoeneß gewünscht hätten. Der war immer der Kitt zwischen den Welten, er hat den Laden zusammengehalten und Konflikte aus der Welt geschafft, noch bevor sie so bedrohlich werden konnten. Wenn auch Hoeneß' Aufgaben auf dem Papier sorgfältig aufgeteilt und auf mehrere Schultern verteilt wurden - für die innerbetriebliche Chemie war stets Mister FC Bayern zuständig.

Dafür ist es jetzt zu spät. Die "Pep-Mull-Krise" ist in der Welt. Der FC Bayern wird sich sehr genau überlegen müssen, wie er damit umgeht. Selbst für die gestählten Münchner wartet da eine völlig neue Situation.