Die Kurve macht mobil gegen das Finanzdoping ihrer Klubs. Tennisbälle und Schokotaler auf dem Rasen waren erst der Anfang. Publikumsliebling Lukas Podolski fordert die Radikalisierung der Fanproteste.

Eine Kolumne
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Wenn man zwei Vorteile nennen müsste, die unsere Bundesliga gegenüber der Premier League in England hat, dann wären es diese beiden hier:

  • Wir können, wenn wir wollen, jedes einzelne Spiel der ersten und zweiten Liga live im Fernsehen sehen. Insgesamt 612 im Jahr.
  • Wir können, wenn Pyro uns nicht Sicht und Sinne vernebelt, eine einzigartige Stimmung in den Stadien erleben. 18-mal von Freitag bis Sonntag.

Man kann als Fans also Teil der Bundesliga sein und daran teilhaben, entweder am Fernsehgerät zu Hause oder live im Fußballstadion. Da fragt man sich: Was wollen wir mehr? Die Bundesliga-Bosse meinen: den Anschluss nicht verlieren. Anschluss an was? Vom Einstieg eines Bundesliga-Investors erhoffen sich zwei Drittel der 36 Klubs, dass ihre Attraktivität mit einer Anschubfinanzierung erhöht wird.

Tennisbälle und Schokotaler

Wie die erhöhte Attraktivität der Bundesliga aussehen könnte, haben wir am Wochenende erlebt. Fans warfen wahlweise Tennisbälle und Schokotaler auf den Rasen, sie wollen nicht ungefragt Teil eines Rechtepakets sein - und lieber schweigen oder stören. Ihre Reaktion war vorhersehbar. Schon bei den Fanprotesten gegen Montagsspiele setzten die Kurven ihren Vereinsvertretern Grenzen.

Vor drei Jahren musste die Deutsche Fußball-Liga (DFL) um den damaligen Geschäftsführer Christian Seifert die Anstoßzeit zum Wochenstart abschaffen. Haben die neuen DFL-Geschäftsführer Steffen Merkel und Marc Lenz tatsächlich geglaubt, dass dieselben Fans das umstrittene Investorenmodell hinnehmen?

Tennisbälle und Schokotaler werden nur der Anfang gewesen sein. Publikumsliebling Lukas Podolski fordert bei Sport1 eine Radikalisierung: "Man muss die Proteste auch mal radikal durchziehen. Ein paar Tennisbälle schmeißen und nach dem 25. Spieltag ist wieder alles normal, das reicht nicht."

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Vereinsbosse zahlen Rekordstrafen für Pyrotechnik

Dominik Theis von der "Oberhessischen Zeitung" stimmt der Radikalisierung zu - sonst blieben die Bundesliga-Fans "nur zahnlose Tiger". Dass es überhaupt so weit kommen konnte, zeigt nur, dass die Vereinsvertreter in ihrer Geldnot alle Warnsignale ignoriert haben.

Seit Jahren agieren die Bundesliga-Klubs hilflos gegen die Ansprüche, die eine Minderheit ihres Anhangs auszudrücken versteht. Achselzuckend zahlen Vereinsbosse Rekordstrafen für Pyrotechnik im Stadion, lassen sich nach Pleiten die Leviten lesen, stottern bei Auswüchsen herum. Da darf man sich nicht wundern, wenn Zukunftspläne auf Widerstand stoßen. Niemand versteht den Nutzen dieses Investorenmodells. Die DFL verpackt den Teilverkauf ihrer Medienerlöse inzwischen in den Kunstbegriff "Strategische Vermarktungspartnerschaft“. Aber es ist: Finanzdoping.

Doch die eine Milliarde Euro, die man sich von einem Investor erwartet, wird den Rückstand auf die Premier League nicht verringern. Womöglich verliert die Bundesliga aber ihr wichtigstes Asset: dass die Fans - im Stadion oder am Fernseher - Teil der Bundesliga sind. Die DFL mag ja gerne irgendwann einen Investor-Einstieg in einer Pressemitteilung abfeiern. Aber die Extra-Milliarde wäre teuer bezahlt.

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Über den Autor

  • Pit Gottschalk ist Journalist, Buchautor und Chefredakteur von SPORT1. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit'ch erhalten Sie hier.
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