Donald Trump oder Joe Biden? Auch Stunden nachdem die Wahllokale in den Vereinigten Staaten geschlossen wurden, steht noch immer nicht fest, wer die US-Präsidentschaftswahl gewinnt. Klar ist dennoch: Auf Washington kommen unruhige Zeiten zu – und auch die Meinungsforscher werden einiges zu erklären haben.

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Auf klare Verhältnisse hatten viele gehofft – doch die Präsidentschaftswahl in den USA (hier im Live-Ticker) wird zur Zitterpartie.

Donald Trump konnte wichtige Bundesstaaten verteidigen, sein Herausforderer Joe Biden muss darauf hoffen, in Pennsylvania, Michigan und Wisconsin noch aufzuholen. "Das Rennen ist enger als angenommen", sagt die Politikwissenschaftlerin Sarah Wagner, Bildungsreferentin an der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Vier Lehren lassen sich schon jetzt aus dem Wahlabend ziehen – unabhängig davon, wie das Rennen am Ende ausgeht:

1. Erneute Hausaufgaben für Meinungsforscher

Vor der Präsidentschaftswahl 2016 ließen Umfragen auf einen Sieg von Hillary Clinton schließen – doch es gewann Donald Trump. Wie das Rennen 2020 ausgeht, ist noch offen.

Doch klar ist schon jetzt: Auch in diesem Jahr scheint Trump mehr Stimmen zu bekommen als erwartet. "Auf uns wird eine Diskussion über die Verlässlichkeit von Umfragen zukommen", glaubt Politologin Wagner. "Die Institute haben nach der Wahl 2016 schon einiges geändert und versucht, repräsentativere Gruppen zu finden und diese besser zu gewichten. Das scheint nach jetzigem Stand aber nicht ausgereicht zu haben."

Arbeit komme aber auch auf ihre eigene Zunft zu, sagt die USA-Expertin: "Wenn ein Präsident mit so schlechten Umfragewerten, bei dieser Wirtschaftslage und diesem Pandemie-Management immer noch so viele Stimmen bekommt, stellt das viele Annahmen auf den Kopf."

2. Erfolge für die Republikaner im Süden

Für das Wahlergebnis ist nicht die landesweite Stimmenzahl entscheidend – ausschlaggebend sind die Einzelergebnisse der Bundesstaaten. Den größten Erfolg feiern Trumps Republikaner daher in Florida. Der "Sunshine-State" galt als besonders umkämpft, die Demokraten hatten eigentlich gehofft, dort zu gewinnen. Unter anderem mit Hilfe der Amerikaner mit hispanischen Wurzeln sowie der Senioren, denen das Coronavirus Sorgen macht.

Sarah Wagner erklärt Trumps Sieg in Florida unter anderem damit, dass die Hispanics nicht so stark zu den Demokraten tendiert haben wie erwartet: "Die Hispanics sind eine konservative Wählergruppe, für die wirtschaftliche Themen eine große Rolle spielen. Vor allem viele Männer neigen zu Trump."

Auch andere Südstaaten wie Texas und wohl North Carolina bleiben in Trumps Hand. Falls Biden sie gewonnen hätte, wäre das die Kür gewesen, sagt Sarah Wagner. Er braucht sie für einen Sieg aber nicht zwingend.

"Trump könnte auch bei Schwarzen Männern leicht hinzugewinnen", ergänzt Wagner. "Die Demokraten werden sich viele unangenehme Fragen stellen müssen – zum Beispiel warum ihre Reichweite nicht so groß war wie angenommen."

3. Demokraten können aufholen

Auch wenn die Wahlnacht bislang für die Demokraten enttäuschend aussieht: Auch sie können unabhängig vom Ergebnis der Präsidentschaftswahl Erfolge verbuchen. Symbolisch ist vor allem der wahrscheinliche Sieg in Arizona. Der Wüstenstaat im Südwesten galt lange als sicheres Republikaner-Terrain. Doch die Gegend um die Hauptstadt Phoenix ist einer der am schnellsten wachsenden Ballungsräume der USA – damit hat sich auch die Wählerschaft verändert.

Ähnlich wie in Florida haben auch in Arizona die Hispanics eine wichtige Rolle gespielt – allerdings hier zugunsten von Joe Biden. "Die Hispanics sind keine einheitliche Gruppe. In Arizona haben viele von ihnen mexikanische Wurzeln, dort war der Umgang mit Migranten ein wichtiges Thema", erklärt Sarah Wagner. Erstmals seit 1996 hat mit Joe Biden ein Kandidat der Demokraten die Nase in Arizona vorn. Zudem kann seine Partei den Republikanern dort einen wichtigen Senatssitz abjagen.

Ein weiterer wichtiger Punkt: die Demokraten werden wahrscheinlich die Mehrheit im Repräsentantenhaus behalten. Falls Trump wider Erwarten Präsident bleiben sollte, würden sie damit zumindest ein Mittel in der Hand haben, um seine Macht zu bremsen.

4. Polarisierung schreitet voran

Eng ist das Rennen um die zweite Kammer des US-Kongresses: Wenn die Republikaner die Mehrheit im Senat verteidigen, wäre die Macht zwischen den Parteien geteilt – wie bisher schon.

Egal, wer dann Präsident wird: Politische Entscheidungen etwa zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zu treffen, wird nicht einfach sein.

Zudem säen die Republikaner schon jetzt Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Wahl. "Wir sind GROSS, aber sie sie versuchen, uns die Wahl zu STEHLEN", schrieb Trump in der Wahlnacht auf Twitter – eine Äußerung, die das soziale Medium sogleich mit der Warnung versah, sie könne umstritten oder irreführend sein.

Auch auf dem Trump-freundlichen Fernsehsender Fox News war das Wort "law suit" – Rechtsklage – in aller Munde. Im wahlentscheidenden Bundesstaat Pennsylvania könnte die Bekanntgabe des Wahlergebnisses in einen langen Streit münden.

Die beiden politischen Lager waren sich bisher schon in Abneigung verbunden. Diese Entwicklung könnte sich mit dem knappen Wahlausgang noch erheblich verstärken. "Die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft hat sich weiter zementiert", sagt Politikwissenschaftlerin Sarah Wagner. "Klar ist auch: Der Trumpismus ist weiterhin wettbewerbsfähig."

Über die Expertin: Sarah Wagner hat Politikwissenschaften, Englisch und Bildungswissenschaften studiert und ist Bildungsreferentin an der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz in Kaiserslautern. In diesem Jahr hat sie zusammen mit vier Kollegen den Sammelband "Donald Trump und die Politik in den USA - eine Zwischenbilanz" herausgegeben.

Quellen:

  • Gespräch mit Sarah Wagner, Atlantische Akademie Rheinland-Pfalz
  • Foxnews.com
  • Edition.cnn.com
  • Twitter-Account von Donald Trump
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