• Eine Ansprache des autoritär regierenden Präsidenten Kais Saied am 21. Februar bezeichnete die Afrikanische Union (AU) als "rassistische Hassrede".
  • Seitdem steigt in Tunesien des Hass gegen Schwarzafrikaner.
  • Hunderte von ihnen versuchen nun, das Land zu verlassen.

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Ibrahima Barry hat die Flucht überstanden. Zumindest äußerlich. Der 26-Jährige ist vor wenigen Tagen in Conakry angekommen, der Hauptstadt seines Heimatlandes Guinea. Jetzt sitzt er im Auto, auf der Fahrt zu seinem Bruder. Geflohen ist er aus Tunesien, dem nordafrikanischen Staat an der Schwelle zu Europa. Barry sagt, er sei einer "Welle grundlosen Hasses" entkommen.

Hass gegen Schwarzafrikaner in Tunesien nach rassistischer Rede des Päsidenten

2019 war Barry nach Tunesien gereist, um dort zu studieren. Am Mittwoch saß er nun im ersten Flugzeug, das guineische Staatsbürger aus Tunesien zurück in ihre Heimat brachte. Der Hass richtet sich gegen Schwarzafrikaner, die derzeit zu Hunderten versuchen, das Land zu verlassen. Allein am Samstag verließen rund 300 Menschen aus Mali und der Elfenbeinküste das Land.

Ausgangspunkt war eine Ansprache des autoritär regierenden Präsidenten Kais Saied am 21. Februar, welche die Afrikanische Union (AU) als "rassistische Hassrede" bezeichnete. Saied sprach darin von "Horden illegaler Einwanderer" und warf Migranten vor allem aus südlichen afrikanischen Ländern ohne jeglichen Beleg vor, für einen rapiden Anstieg der Kriminalität verantwortlich zu sein - und den Plan zu verfolgen, Tunesien zu unterwandern und so seine Bevölkerungsstruktur zu verändern.

Schwarze "gezielt gesucht, gejagt und vergewaltigt"

Was nach Saieds Rede geschah, beschreibt Barry als Menschenjagd. Erst habe ihn ein Freund gewarnt, dass der "anti-schwarze Nationalismus" sich in Tunesien nach der Ansprache des Staatsoberhaupts Bahn gebrochen habe. Am nächsten Tag seien Nachbarn in seine Wohnung in der Küstenstadt Gabès eingedrungen und hätten ihm verboten, das Haus zu verlassen.

In seiner Nachbarschaft hätten Tunesier Schwarze gezielt gesucht, gejagt und vergewaltigt - und deren Wohnungen geplündert. "Wenn sie einfach nur einen Schwarzen vor seiner Tür oder in der Stadt sitzen sahen, griffen sie ihn mit Steinen oder Stöcken an", erzählt Barry. Einigen Angreifern habe sogar die Polizei geholfen.

"Wir haben einen Albtraum erlebt", ergänzt er. Ihn habe sein Vermieter gerettet. Der habe die Eindringlinge aus der Wohnung vertrieben und ihn ins Konsulat von Guinea gefahren, in die 400 Kilometer entfernte Hauptstadt Tunis.

Rassistische Beleidigungen - auch schon vor der Hassrede

Nach der Rede von Präsident Saied verloren über Nacht viele der 21.000 offiziell in Tunesien registrierten Migranten aus afrikanischen Staaten südlich der Sahara ihre Arbeit und ihr Zuhause. Hunderte trugen sich auf Rückkehrlisten ihrer Heimatstaaten ein. Das von einer Militärjunta regierte Guinea organisierte als erstes Land einen Rückflug für rund 50 Staatsbürger.

Neben Ibrahima Barry saß auch Dame Mariama Barry an Bord. Die beiden sind nicht miteinander verwandt. Die 27-jährige Dame Mariama Barry erzählt, sie habe alles verloren. 2022 war sie nach Tunesien gelangt, sie habe gehofft, es von dort aus nach Europa zu schaffen. Acht Monate lang arbeitete sie in einem Frisörsalon in der Hauptstadt Tunis. Barry erzählt, schon vor Saieds Rede habe sie von Tunesiern "alles akzeptieren müssen, auch das Inakzeptable".

Nach den Worten des Präsidenten sei es noch schlimmer geworden. Ihr Chef warf ihr eine rassistische Beleidigung an den Kopf. "Mir wurde da klar, dass ich weg musste - und zwar schnell", sagt Barry. Im Viertel, in dem sie lebte, seien Schwarze gejagt worden. Sie selbst sei von Jugendlichen angehalten, von einigen geschlagen worden.

Ohne Geld und ohne Handy sei sie durch die Straßen von Tunis gelaufen, bis ein Taxifahrer angehalten und sie in Sicherheit gebracht habe. Mit dem Rückflug nach Conakry sei sie dem "sicheren Tod" entkommen, sagt Barry.

Heimatländer organisieren Heimflüge für Schwarzafrikaner in Tunesien

Neben Guinea organisieren auch die Elfenbeinküste und Mali Heimflüge für ihre verfolgten Landsleute. 133 Malier hätten Tunesien gegen 12 Uhr am Samstag verlassen, erklärte ein malischer Diplomat.

Zwei Stunden später habe ein Flugzeug 145 Ivorer aus Tunis ausgeflogen, sagte der ivorische Botschafter in Tunesien, Ibrahim Sy Savané. Nach seinen Angaben warten derzeit noch etwa 1100 von etwa 7000 in Tunesien lebenden Ivorern auf eine Rückkehrmöglichkeit. (afp/sbi)

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