Das umstrittene Türkei-Papier, das vor zwei Tagen an die Öffentlichkeit gelangt ist, sorgt für Wirbel. In dem Papier, der schriftlichen Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Fraktion, ist von einer Unterstützung des türkischen Staates für radikale Islamisten die Rede.

Ein Interview

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Etwa ein Viertel der Islamisten, die sich aus Deutschland auf den Weg nach Irak oder Syrien aufmachen, sind türkischstämmig. Dieser hohe Anteil hat die Debatte weiter angeheizt. Wie brisant ist das Türkei-Papier wirklich und welche Konsequenzen hat dessen Veröffentlichung?

Das erklärt der promovierte Islam-Wissenschaftler und Buchautor Dr. Wilfried Buchta im Interview.

Herr Buchta, 25 Prozent der Islamisten, die aus Deutschland in Kriegsgebiete ausreisen, sind Türken oder türkischstämmig. Warum ist der Anteil so hoch?

Wilfried Buchta: Es ist ehrlich gesagt nicht so sehr ein türkisches Problem. Hier muss man differenzieren: Der größte Anteil der Zuwanderer kommt nun mal aus der Türkei – dadurch auch der hohe Anteil der ausreisenden Islamisten. Diese Zahl sollte also nicht dramatisiert werden. Der Hang der sozial und wirtschaftlich abgehängten türkischen Jugendlichen zum Fanatismus ist nicht größer als der der arabischen Jugendlichen. Im Gegenteil.

In dem Schriftstück der Bundesregierung heißt es, die Türkei sei eine "zentrale Aktionsplattform" für islamistische und terroristische Organisationen im Nahen Osten. Wie bewerten Sie diese Aussagen?

Ich sehe die Politik, die Erdogan betreibt, sehr kritisch – also den Weg zur Ein-Parteien-Diktatur. Er ist der Führer einer islamistischen Partei, der AKP, die nur vorgegeben hat, Demokratie und Islam auf eine gedeihliche Art miteinander verbinden zu wollen. Ich bin der Meinung, das alles wird sich am Ende doch entpuppen als ein Versuch der Islamisten, sich eine demokratische Hülle überzuwerfen – eine Art Wolf im Schafspelz – und so nach und nach den Staat auszuhöhlen und zu übernehmen. Aber man muss beachten: Erdogan benutzt zwar den Islam in seiner Politik, er ist aber türkischer Nationalist. Sein Islam, der AKP-Islam, ist für Anhänger des sogenannten "Islamischen Staates" bei weitem nicht eindeutig und radikal genug und meilenweit entfernt vom IS.

Sind die Türken in Deutschland durch ihre Nähe zur türkischen Politik zumindest anfälliger für den IS?

Die Affinität der Türken zu IS-Ideologie ist nicht unbedingt größer als die der Araber. Ich würde sagen, dass Araber sogar noch geneigter sind, dem IS zu folgen. Es ist lediglich dieses große demografische Eigengewicht der Türken innerhalb Deutschlands. Den größten Hang zu religiösem Fanatismus haben mit riesigem Abstand die Araber. Die Türken haben ein eher nüchternes Verhältnis zur Religion – ihnen ist vor allem die nationale Komponente wichtig.

Die Türkei reagierte verstimmt auf dieses brisante Papier. Wird das weitere Folgen haben für die ohnehin schon geschädigte Beziehung zwischen der Türkei und Deutschland?

Die Spannungen werden sich auf einem sehr hohen Level einpendeln. Ich glaube nicht, dass es zum Abbruch der Beziehungen kommt – dafür sind wir auf viel zu viele Arten miteinander verflochten. Ein totaler Abbruch und eine ausgeprägte Feindschaft wird es zwischen Deutschland und der Türkei nicht geben. Aber es wird sich dauerhaft eine Abkühlung einpendeln, die – solange Erdogan und die AKP regieren – nicht mehr rückgängig zu machen ist. Ich sehe da ein großes Dilemma: Wir müssen die Türkei aufgrund ihrer Defizite in puncto Rechtsstaat und Demokratie aufs Härteste kritisieren, können aber die Beziehungen gleichzeitig nicht abbrechen. Ich möchte nicht in der Haut von Frau Merkel stecken.

Dr. Wilfried Buchta (*1961) studierte Islamwissenschaft, Politologie und Religionswissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wo er 1997 in Islamwissenschaft promovierte. Seit 1990 unternimmt er Forschungsreisen in zahlreiche islamische Länder, unter anderem Syrien, Irak, Libyen, Ägypten, Kuwait, Jordanien, Saudi-Arabien und Pakistan. Außerdem arbeitete er von 2005 bis 2011 in Bagdad als politischer Analyst für die UNO-Mission.