Fitnessbuden und Cafés offen, Shoppen erlaubt: Bei "Maybrit Illner" verteidigt Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans sein Modellprojekt - und bekommt ordentlich Gegenwind. Virologin Melanie Brinkmann wird ob der Corona-Politik "verrückt".

Fotos zur Ansicht, unbearbeitet, Christian Bartlau
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Eine Kritik
von Christian Bartlau
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Die echte Ministerpräsidenten-Konferenz wird wohl von Montag auf Mittwoch verschoben, bei "Maybrit Illner" findet sich schonmal eine Mini-Ausgabe zusammen – mit Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) in der Rolle des Abweichlers und Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) als linientreuem Mahner.

Mittendrin: Die gewohnt energische Virologin Melanie Brinkmann, die den Sonderweg an der Saar mit drastischen Worten kritisiert – und ein Star-DJ mit FDP-Parteibuch, der Armin Laschets Brücken-Lockdown wenig abgewinnen kann.

Das sind die Gäste bei "Maybrit Illner"

Keine Normalität, sondern vorsichtige Öffnungen mit intensiven Tests - so präsentiert Tobias Hans das Modellprojekt im Saarland. Einen bundesweiten Lockdown lehnt er ab, weil dann der Rückhalt der Menschen schwinde: "Wir sind verpflichtet, mildere Mittel zu probieren."

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher wünscht viel Erfolg, ist aber "skeptisch". Das Beispiel Tübingen zeige, dass die Schnelltest-Strategie ein "Irrtum" sei: "Wir können bestehende Dinge sicherer machen, aber nicht zusätzlich noch öffnen."

Die derzeitige Strategie führe in einen Dauerlockdown bis schlimmstenfalls Ende des Jahres, meint Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. "Was mich so verrückt macht: Keiner spricht davon, was in ein paar Monaten ist." Deswegen brauche es ein klares Ziel – und niedrige Zahlen.

Ohne Verschnaufpause gleiten die Intensivstationen von der zweiten in die dritte Welle, berichtet Cihan Çelik, Oberarzt für Pneumologie am Klinikum Darmstadt: "Ich warne davor, die Überlastung des Gesundheitssystems als Maßstab zu nehmen. Wenn es so weit ist, ist der Karren vor die Wand gefahren, dann hilft Bremsen nicht mehr."

Armin Laschet hat über Ostern nachgedacht, mit dem Ergebnis ist Star-DJ Paul van Dyk nicht zufrieden: "Brücken-Lockdown, was soll das bedeuten? Kommt da ein zweites Schloss an die eh schon geschlossenen Läden?"

Das ist der Moment des Abends

Deutschland ist ein großes Land, das Saarland nur ein kleiner Teil davon. So weit, so banal – so folgenreich. Denn die Corona-Lage unterscheidet sich von Region zu Region teils erheblich. Die Situation auf den Intensivstationen etwa, über die Tobias Hans gern reden würde, "die ist dramatisch", beendet Gastgeberin Maybrit Illner seinen Satz.

Aber Hans wollte etwas anderes sagen: "Die ist derzeit unter Kontrolle", korrigiert der Ministerpräsident. "Im Saarland", ergänzt Illner.

Wahrscheinlich muss man sich genau so eine MPK vorstellen: Eine Fraktion meint, bei Ihnen zu Hause sei es eh nicht so schlimm. Eine andere Fraktion muss mit hohen Inzidenzen kämpfen und drängt auf gemeinsame Maßnahmen.

Und dazwischen vermittelt eine Frau und weist darauf hin, dass die Modelle für die dritte Welle nicht besonders erfreulich aussehen.

Das ist das Rede-Duell des Abends

Die Rolle der Spielverderberin übernimmt an diesem Abend Virologin Melanie Brinkmann. Stimmungskiller Nummer 1: Die Impfungen kommen zu spät gegen die dritte Welle.

Stimmungskiller Nummer 2: Wurschtelt sich die Politik weiter durch, wird es nichts mit einem entspannten Sommer. Stimmungskiller Nummer 3: Ein Modellprojekt à la Saarland ist zwar "super", aber: "Wenn auf den Intensivstationen wieder mehr Leute liegen und sterben (…), ist es nicht der richtige Zeitpunkt dafür."

Hans sieht da keinen Widerspruch, in einigen Landkreisen im Saarland liege die Inzidenz unter 50, an Schulen wird getestet. "Damit können sie Infektionsketten unterbrechen", wirft Peter Tschentscher ein, "aber sie dürfen nicht dafür wieder neue Infektionsquellen in die Welt setzen".

Die entstünden auch, weil regional unterschiedliche Regeln für den Einzelhandel sofort Shopping-Tourismus zwischen den Bundesländern auslöst – und schon steigt die Mobilität, die das Virus braucht.

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

Es ist Routine eingekehrt in die Pandemie-Talks. Das lässt schon die Besetzung erkennen: Ein Hardliner (Peter Tschentscher) und ein Konterpart (Tobias Hans) aus der Politik, dazu eine Virologin (Melanie Brinkmann) und ein Praktiker (Cihan Çelik) – und natürlich hat die Redaktion mit Paul van Dyk auch den Mahner parat, der die Corona-Bekämpfung nicht den Virologen überlassen will. Business as usual.

Das ist das Ergebnis

"Ich bin gegen No-COVID, weil unser Leben nicht in der Petrischale stattfindet", sagt DJ Paul van Dyk, ein Bonmot, das auch seinem Parteifreund Wolfgang Kubicki ein anerkennendes Nicken abgerungen hätte. Nicht so Melanie Brinkmann, die hastig zum Wasserglas greift und schaut, als hätte ihr ein übereifriger Bufdi beim Corona-Test das Wattestäbchen zu oft in der Nase gedreht.

Van Dyk hält es für einen Fehler, die Menschen mit Ausgangssperren in die Privatsphäre zu drängen – draußen sei es viel ungefährlicher als drinnen. Nur müssen viele Menschen eben viel Zeit in geschlossenen Räumen verbringen, nicht nur in Wohnungen, sondern auch auf Arbeit.

Eine Erkenntnis, die in Monat 14 der Pandemie und neun Monate nach dem COVID-Ausbruch in Clemens Tönnies' Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück offensichtlich langsam einsickert. "Bislang hat niemand die Idee gehabt, Industriebetriebe stillzulegen", stellt Tobias Hans fest. "Wenn man darauf kommt, muss man diskutieren, ob das Sinn ergibt."

Für Melanie Brinkmann ist "unverständlich, warum die Betriebe nicht ins Boot geholt wurden" bei der Testoffensive – eine Frage, die sie eigentlich an die Verbände der deutschen Wirtschaft richten müsste, die sich weiter gegen eine Testpflicht am Arbeitsplatz wehren und Wirtschaftsminister Peter Altmaier auf ihrer Seite wissen.

Was Brinkmann auch nicht versteht: Warum nicht allen klar ist, dass ein kurzer Lockdown auch für die Wirtschaft das Klügste wäre. "Zu sagen: 'Kauft mal schön ein Eis im Eiscafé – ups, jetzt muss es doch wieder zumachen!' - das ist doch keine nachhaltige Lösung."

Ihre Diagnose: "Da ist so ein Knoten im Hirn". Der trübt offenbar auch die Sicht für die Realitäten – ob es erst schlimmer werden müssen, damit es Mehrheiten für einen Lockdown gebe, will Illner wissen.

"Wenn das so ist, ist das sehr traurig", antwortet Brinkmann. "Ich weiß nicht, was die Intensivmediziner noch tun können, sie haben doch laut gesagt, dass die Stationen überlaufen."

In Hamburg ist jetzt schon der Höchststand aus der zweiten Welle erreicht, erzählt Bürgermeister Peter Tschentscher, der zu einem hanseatischen Bild greift: "Bei einer Sturmflutwarnung können wir auch nicht sagen: 'Es ist schon ein bisschen windig, aber die Pegel stehen noch normal.'