Bei Maybrit Illner geht es um die schwierige Situation von Familien im Corona-Lockdown. Das Thema ist emotional – und trotzdem zieht sich die Diskussion zäh in die Länge.

Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch

Die Diskussion ist zweifellos angebracht. Wirtschaftsbosse haben in den vergangenen Wochen in Talkshows über ihre schwierige Lage in der Coronakrise geklagt. Auch über Sinn und Unsinn von Geisterspielen der Fußball-Bundesliga wurde schon gestritten.

Am Donnerstagabend geht es bei Maybrit Illner im Schwerpunkt aber endlich um Kinder und Jugendliche: Welchen Schaden richtet man an, wenn man sie noch länger zu Hause lässt? Und welchen Schaden richtet man an, wenn sie wieder in Kitas und Schulen gehen?

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Wer sind die Gäste bei Maybrit Illner?

Franziska Giffey: Die Bundesfamilienministerin äußert Verständnis für die schwierige Situation von Eltern und Kindern während des Corona-Lockdowns. Die SPD-Politikerin bittet aber auch um Verständnis für den Gesundheitsschutz: "Wir können nicht von heute auf morgen alles wieder öffnen." Das gehe nur Schritt für Schritt.

Christian Lindner: Nach Meinung des FDP-Vorsitzenden sind die Infektionsschutzmaßnahmen in Deutschland nicht mehr verhältnismäßig. Es gebe bundesweit noch zwei Corona-Hotspots. "Und die tragen dazu bei, dass das ganze Land im Stillstand verharrt." Der Liberale behauptet: Die Gesundheit könne man auch "intelligenter und freiheitsschonender" schützen.

Jonas Schmidt-Chanasit: "Bisher ist es uns doch gut gelungen", sagt der Hamburger Virologe über die Anstrengung, eine rasende Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Später schiebt er allerdings nach: "Es kann sein, dass wir das Schlimmste noch vor uns haben."

Katia Saalfrank: Die als "Super Nanny" bekannt gewordene Pädagogin macht auf die Situation von Familien aufmerksam: Kinder sehen ihre Freunde nicht, und die Eltern sind mit der Doppelfunktion von Heimarbeit und Heimunterricht überfordert. "Das halten die Familien nicht mehr lange durch."

Udo Di Fabio: Der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht wird für eine längere Einschätzung aus Köln zugeschaltet. Der Jurist findet, dass jetzt über Lockerungen des Lockdowns gesprochen werden müsse: "Wir sind nicht mehr in einer Lage, in der wir eine Katastrophe befürchten müssen."

Robert Giese: Der Leiter einer Berliner Gemeinschaftsschule berichtet von zahlreichen Vorgaben und Absurditäten, die der Unterricht in Corona-Zeiten mit sich bringt. "Man sollte den Schulen mehr Vertrauen entgegenbringen", findet er. Er hätte zum Beispiel gerne selbst entschieden, welche Klassen als erste wieder in die Schule kommen sollen.

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Was ist der Moment des Abends?

Man dürfe Virologen nicht zu Politikern machen, ist schon seit Wochen zu hören. Dabei ist das längst passiert: Fast keine Talkshow kommt derzeit ohne einen Infektionsexperten aus. Was die einzelnen Experten sagen, wird aufmerksam verfolgt und kritisch bewertet. Das mussten die Virologen schon leidlich erfahren – ob sie nun Kekulé, Streeck oder Drosten heißen.

Christian Lindner knöpft sich in dieser Sendung seinen Namensvetter Christian Drosten vor, obwohl der gar nicht im Studio ist. Drosten habe am Vortag gesagt, von Kindern gehe ein genauso großes Infektionsrisiko aus wie von Erwachsenen – am Abend habe er das schon wieder relativiert. "Zwei gegenteilige Aussagen innerhalb von 24 Stunden", ärgert sich Lindner. Er wünscht sich, dass die Virologen einmal "wie die Kardinäle bei der Papstwahl" in ein Konklave gehen und weißen Rauch aufsteigen lassen, wenn sie sich einig sind.

Der Virologe Schmidt-Chanasit braucht ein bisschen, um darauf zu antworten. "Wir wissen, dass wir wenig wissen über dieses neue Virus", rechtfertigt er sich und seine Kollegen später. Offenbar hat der Experte so viel Angst davor, dass seine Wörter auf die Goldwaage gelegt werden, dass er die ganze Sendung über jegliche Positionierung vermeidet. Diese Aussage sei zu pauschal, jenes wisse man noch nicht: Der Hamburger bleibt an diesem Abend im Ungefähren.

Was ist das Rede-Duell des Abends?

Gespräche oder gar Diskussionen zwischen den Gästen sind Mangelware. Allerdings ruft Pädagogin Katia Saalfrank die Familienministerin auf den Plan, als sie die aktuelle Unterstützung für Familien als unzureichend kritisiert. Giffey zählt auf, wie der Staat derzeit hilft: Zum Beispiel mit Kurzarbeiter-Geld für zehn Millionen Beschäftigte, mit einer Ausweitung der Notbetreuung in den Kitas.

Saalfrank beeindruckt das nicht. Notbetreuung sieht sie sowieso skeptisch: Kindern tue es nicht gut, wenn sie plötzlich von neuen Erziehern betreut werden, die vielleicht noch einen Mundschutz tragen. "Kinder sind keine kleinen Kätzchen, die man irgendwo abgibt", sagt sie.

Wie schlägt sich Maybrit Illner?

Die Moderatorin zeigt sich wieder einmal gut vorbereitet. Als Christian Linder sagt, größere Infektionsherde gebe es derzeit nur noch in zwei bayerischen Landkreisen, weiß Illner sofort zu berichten: Im rheinischen Dormagen habe man gerade eine Schule schließen müssen. Allerdings gelingt es der Moderatorin nicht, einen roten Faden in die Sendung zu bringen: Da sagt Katia Saalfrank etwas zur Lage der Kinder, dann geht es um die Infektionszahlen – und dann äußert sich Jurist Udo Di Fabio etwas juristisch-umständlich zu den Ansichten des Bundestagspräsidenten.

Was ist das Ergebnis?

Die Zuschauer erfahren wenig Konkretes an diesem Abend: Es gilt immer, Freiheit und Sicherheit abzuwägen. Und vieles, was wir gerne wissen würden, wissen wir noch nicht. Aha. Das hätte sich der eine oder andere auch vor dieser Sendung schon denken können.

Trotz des emotionalen Themas zieht sich die Sendung recht zäh in die Länge. Vielleicht hätte es der Diskussion gut getan, wenn sich auch einer der vielen Millionen Menschen hätte äußern dürfen, um die es hier ging: Warum schaltet man nicht einfach ein Kind über eine Webcam zu, das von seinem Corona-Alltag berichtet? Von dem fehlenden Kontakten zu Freunden, von den fehlenden Fußballspielen oder Klavierstunden.

So aber bleiben die Erwachsenen unter sich – und haben doch alle etwas Ähnliches zu sagen. Franziska Giffey zum Beispiel merkt am Ende an: Es gelte, Gesundheitsschutz und Freiheit abzuwägen. Da klingt sie fast ein bisschen wie Christian Lindner.

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