• Brasilien springt als Austragungsort für die südamerikanische Fußball-Meisterschaft ein.
  • Präsident Jair Bolsonaro versucht mit dem Schritt, von großen innenpolitischen Problemen abzulenken.
  • Breite Kritik kommt aus der Gesellschaft, aber auch von den Sportlern selbst.

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Obwohl die Präsidentschaftswahlen in Brasilien erst im Oktober 2022 anstehen, hat für Amtsinhaber Jair Bolsonaro der Wahlkampf bereits begonnen. Er hofft, seine Popularität steigern zu können, nachdem er praktisch im Alleingang Brasilien zum Ersatzaustragungsort der Fußball-Kontinentalmeisterschaft Copa América erklärte - trotz wieder steigender COVID-Fälle im "Variantengebiet" Brasilien. Doch dieses Mal könnte sich der rechte Präsident ein Eigentor geschossen haben.

Kritik an der Entscheidung ließ nicht lange auf sich warten, nachdem am 1. Juni bekannt geworden war, dass die voriges Jahr wegen der Corona-Pandemie verschobene Copa schon kommende Woche in Brasilien angestoßen werden soll. Vom 13. Juni bis zum 11. Juli soll das Turnier stattfinden - an den vier Austragungsorten Rio de Janeiro, Brasília, Cuiabá und Goiânia.

Nachdem Kolumbien wegen politischer Unruhen im Land die Ausrichtung zurückgegeben hatte, Argentinien sich wegen der ernsten COVID-Lage außerstande sah, ein solches sportliches Großevent zu stemmen, hatte sich der Präsident des südamerikanischen Fußballverbands Conmebol, Alejandro Domínguez, direkt an Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro gewandt. Und er hatte Erfolg.

Für den Kontinentalverband Conmebol geht es in erster Linie um viel Geld. Rund 100 Millionen Dollar an Erlösen für die TV-Rechte stehen im Raum - Geld, das der Dachverband und die Landesverbände gut gebrauchen könnten und für das sie offenbar bereit sind, ein hohes Risiko einzugehen.

Bolsonaro, der sich zum Zeitpunkt des Anrufs in einer anderen Besprechung befunden haben soll, habe innerhalb weniger Minuten zugesagt - ohne sich mit seinem Kabinett oder anderen maßgeblichen Stellen vorher abzusprechen, berichteten brasilianische Medien.

Historiker: Bolsonaro versucht, den Fußball für seine Zwecke zu nutzen

Offenbar witterte der Präsident eine Chance. Zwar sei die Entscheidung der brasilianischen Regierung, das internationale Turnier auszurichten, nicht unbedingt erwartet worden. Aber sie komme auch nicht überraschend, wenn man bedenke, wie sie mit der Pandemie umgegangen sei, argumentiert Luiz Guilherme Burlamaqui, Professor am Bundesinstitut von Brasília und Experte für Fußball, im Gespräch mit "CartaCapital".

"Es kommt sehr häufig vor, dass Machthaber diese Art von Einstellung haben und versuchen, den Sport und insbesondere den Fußball zu benutzen, um ein anderes Thema zu schaffen. Das ist völlig fehl am Platz und schrecklich für unser Image", urteilt Burlamaqui.

Ähnlich interpretiert auch Flávio de Campos die Entscheidung, das Turnier auszurichten. Der Professor für soziokulturelle Geschichte des Fußballs an der Universität von São Paulo (USP) sieht darin eine "Nebelkerze" der Regierung. Sie solle von den Protesten ablenken, von der Verzögerung der Impfkampagne gegen COVID-19, der Bloßstellung von Bolsonaros Verbündeten in einem Untersuchungsausschuss zur Pandemie und seiner gesunkenen Popularität angesichts des Erstarkens möglicher Gegner bei den Wahlen 2022, sagte Campos der Zeitung "El País Brasil".

"Die Vernebelung funktioniert, wenn ein absolut unangemessenes Ereignis zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem die Regierung in die Enge getrieben ist", argumentiert der Experte. "Bolsonaro befindet sich in einem Wahlkampf, und wird alles in die Waagschale werfen, was er hat, um seine Popularität zu erhalten. Es ist nur logisch, dass er den beliebtesten Sport im Land politisch nutzt."

Mit "in die Enge getrieben" bezieht sich Campos auf die jüngsten Krisen, mit denen Regierungschef Bolsonaro und seine wichtigsten Verbündeten in Brasilia in den vergangenen Wochen konfrontiert waren. Insbesondere der Untersuchungsausschuss zur COVID-Pandemie, in dem zurzeit mögliche Verbrechen und Verstöße der Bundesregierung im Kampf gegen COVID-19 untersucht werden, dürfte dem Präsidenten Sorgen bereiten.

Gegenwind für Bolsonaro: Sportler sprechen sich gegen Durchführung aus

Wissenschaftler und Verantwortliche aus dem Gesundheitssektor weisen auf die Risiken hin, die Copa América jetzt zu veranstalten, da die Zahl COVID-Fälle in der Brasilien wieder steigt. Auch das internationale Echo ist verheerend. Als "Puren Zynismus" bezeichnete etwa das größte deutsche Fachblatt "Kicker" die Pläne.

Carlos Lula, Präsident des Conselho Nacional de Secretários de Saúde, fand im Gespräch mit CNN Brasil deutliche Worte. "Ein Ereignis dieser Größe erzeugt Menschenmassen, weil es nicht alltäglich ist. Es erzeugt eine Mobilisierung des Landes, weil Brasilien spielt. Es erzeugt alles, was wir nicht brauchen: Menschen, die nicht zusammen leben, die aber zusammenkommen, um das Spiel zu sehen."

Kritische Stimmen kommen nicht nur aus Gesellschaft und Politik, sondern auch von den Spielern und Betreuern selbst. Roger Machado, Trainer des Traditionsclubs Fluminense aus Rio sagte dem Portal "Uol": "Je weniger Veranstaltungen es innerhalb des Landes gibt, bei denen Ausländer und Einheimische mehr Varianten verbreiten können, desto besser. Das sollte nicht erlaubt sein."

Chiles Nationaltrainer Martín Lasarte sprach gegenüber der "Gazeta Esportiva" von einem "enormen Risiko" für die Mannschaften. Sein peruanischer Amtskollege Ricardo Gareca kommentierte: "Ich glaube, ganz Südamerika ist in Schwierigkeiten. Für Peru sind Zahlen veröffentlicht worden, die auf eine Verdreifachung der Todesfälle hinweisen. Ich glaube nicht, dass es ein Land gibt, das kein Problem in Bezug auf die Pandemie hat."

Peru hatte vor wenigen Tagen die Zahl der Corona-Toten deutlich nach oben korrigiert. Seither ist es das Land mit der höchsten Sterblichkeitsrate im Verhältnis zu Einwohnerzahl - und zwar weltweit.

Auch in der Nationalmannschaft Brasiliens, der Seleção, macht man sich Sorgen. So sollen vor allem Spieler, die bei europäischen Vereinen unter Vertrag stehen, auf ein Gespräch mit dem nationalen Fußballverband CBF gedrängt haben, um ihre Ängste zu artikulieren.

Die US-Nachrichtenagentur AP zitierte Brasiliens Trainer Tite. Demnach hatte es eine Unterredung einiger Spieler mit Verbandspräsident Rogério Caboclo gegeben. "Sie haben eine Meinung und haben sie dem Präsidenten offengelegt", sagte Tite auf die Frage, ob Spieler um Erlaubnis gebeten hätten, auf eine Teilnahme zu verzichten. "Sie werden sie der Öffentlichkeit zu angemessener Zeit offenlegen."

Städte und Bundesstaaten lehnten reihenweise Ausrichtung ab

Die Corona-Lage in Brasilien ist nach wie vor angespannt. An Fronleichnam registrierten die Behörden den 465.000. Corona-Toten - offiziell. Um die 2.000 sind es aktuell pro Tag. Ähnlich wie in Peru dürfte die tatsächliche Zahl wesentlich höher liegen, da längst nicht alle Verstorbenen auf SARS-CoV-2 getestet werden. Die Krankenhäuser sind nach wie vor mehr als ausgelastet. Zudem war vielerorts der Sauerstoff knapp geworden.

Auch deshalb fiel es nicht leicht, ausreichend Spielorte für die Copa América zu nominieren. Recife, die Hauptstadt des Bundesstaats Pernambuco im Nordosten, und die Amazonasmetropole Manaus hatten mit Blick auf die Corona-Lage abgelehnt Spielorte sein zu wollen. Ähnliches meldete auch Porto Alegre in Rio Grande do Sul.

João Doria, Gouverneur von São Paulo, lehnte ebenfalls sofort ab. Auch in seinem Bundesstaat werden keine Spiele stattfinden, obwohl mit dem FC São Paulo, Corinthians, Palmeiras und dem FC Santos gleich vier große Vereine von dort kommen.

"Ich habe dem Generalsekretär des CBF mitgeteilt, dass SP nicht Gastgeber der Copa América sein sollte. Nach eingehender Beratung mit Mitgliedern des Contingency Centers kamen wir zu dem Schluss, dass dies ein schlechtes Zeichen für eine Abkühlung bei der Kontrolle der Coronavirus-Übertragung wäre. Die Priorität ist, die Pandemie einzudämmen", schrieb Doria auf Twitter.

Das Veto Dorias hat auch eine politische Dimension. Während der Pandemie fuhr er den entgegengesetzten Kurs zu Jair Bolsonaro. Er rief die Bewohnerinnen und Bewohner von São Paulo auf, Abstand zu halten. Außerdem beschaffte er im großen Stil Impfstoff für die Bevölkerung.

Dafür wurde er von Bolsonaro öffentlich hart angegriffen. Auch aus einem weiteren Grund: Voraussichtlich wird Doria im Herbst 2022 einer seiner Herausforderer im Präsidentschaftswahlkampf sein.

Bleiben als Spielorte nur noch Rio de Janeiro, Goiânia, Cuiabá und Brasilia. Immerhin: Für das Stadion in der Hauptstadt, das als sogenannter "weißer Elefant" nach der Fußball-WM 2014 als Mahnmal für die Verschwendung öffentlicher Gelder beim Stadionbau gilt, steht nach Jahren wieder eine Nutzung an. Allerdings wird es keine Zuschauer geben: Alle Spiele werden ohne Publikum stattfinden - das musste die Regierung zusichern.

Die Liste von Bolsonaros innenpolitischen Problemen ist lang

Die Interpretation, Bolsonaro wolle mit der Ausrichtung der Copa nur von seinen eigenen Problemen ablenken, liegt auf der Hand. Sein loyaler Umweltminister Ricardo Salles - ein wesentlicher Ideologieträger der Regierung - steht unter enormem Druck, nachdem das Magazin "Istoé" seine Verflechtungen mit der brasilianischen Holzmafia aufgedeckt hatte. Salles war es auch gewesen, der in einer Kabinettssitzung 2020 vorgeschlagen hatte, die allgemeine Corona-Verwirrung dafür zu nutzen, die Umweltgesetze zu lockern. Ein unerlaubt mitgeschnittenes Video der Sitzung löste großen Wirbel aus, weil im Anschluss daran der damalige Justizminister Sérgio Moro zurücktrat.

Weiterhin schwelen, zurzeit eher im Hintergrund, polizeiliche Ermittlungen gegen alle vier Söhne Bolsonaros. Die drei älteren Söhne - Flavio, Eduardo und Carlos - sind für ihn wichtige politische Säulen. Sie sind seine engsten Vertrauten, eine Art innerer Kreis noch vor dem Kabinett.

Zudem besetzen sie wichtige strategische Positionen - Carlos steuert von Rio de Janeiro aus die Social-Media-Aktivitäten des Präsidenten. Eduardo vertritt die Interessen der Familie im wichtigsten Bundesstaat São Paulo und mischt sich immer wieder außenpolitisch ein, indem er gegen China austeilt. Und Flavio Bolsonaro, zurzeit Senator in Brasília, ist zugleich das wichtige Bindeglied des Clans zu den Milizen, die als inoffizielle Schutzmacht vor allem in Rio de Janeiro enorm an Bedeutung gewonnen haben, seit Bolsonaro im Amt ist.

Sinkende Umfragewerte und zunehmende Proteste gegen den Präsidenten

Zudem sieht sich Bolsonaro seit einiger Zeit mit sinkenden Umfragewerten konfrontiert, während gleichzeitig die Zustimmungswerte für seinen alten Rivalen, den Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva steigen. Lula, der 2018 zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden war, war Anfang März vom Obersten Gerichtshof STF auf freien Fuß gesetzt worden.

Die Urteile, die ein Gericht in Curitiba gesprochen hatte, wurden annulliert, weil das Gericht angeblich damit seine Kompetenzen überschritten hatte. Ein genereller Freispruch war das freilich nicht. Seit dieser Annullierung wird Lula, der bereits von 2003 bis 2010 Präsident Brasiliens war, jedoch wieder als heißer Kandidat auf das Amt gehandelt.

"Die Regierung Bolsonaro ist gefährlicher als das Virus" steht auf dem Transparent: Die Proteste gegen den Präsidenten nehmen zu.

Aber auch so weht Bolsonaro der Wind scharf ins Gesicht. Erst am 29. Mai waren in ganz Brasilien Hunderttausende auf die Straßen gegangen, um gegen ihren Präsidenten und insbesondere dessen Corona-Politik zu demonstrieren. Es waren die ersten großen Proteste dieser Art.

Bolsonaro selbst nutzt zurzeit jede Gelegenheit, sich mit Unterstützern zu zeigen, um so Stärke zu demonstrieren. Erst vor wenigen Tagen führte er mehrere Motorraddemonstrationen an - Historiker sahen sich bei diesen Bildern da an Italiens Diktator Benito Mussolini erinnert, der seinerzeit zu ähnlichen Machtdemonstrationen gegriffen hatte.

Bolsonaro nutzte schon mehrfach den Fußball für seine Zwecke

Es ist nicht das erste Mal, dass Bolsonaro den Fußball für seine Zwecke zu nutzen versucht. Gerne zeigt er sich in den sozialen Netzwerken in Trikots von Fußballvereinen - ganz wahllos übrigens, ohne erkennbare Präferenz, was für Brasilianerinnen und Brasilianer, deren Bindung zu den Klubs sehr eng ist, merkwürdig erscheint.

Neben Auftritten in Trikots verschiedener Mannschaften lud der Präsident den ehemaligen Richter Sergio Moro im Juni 2019 zu einem Spiel von Flamengo in Brasilia ein, um inmitten einer politischen Krise, in der der damalige Justizminister einer der Hauptprotagonisten war, etwas Applaus zu ernten.

Einen Monat später, allerdings unter Buhrufen, ging Bolsonaro auf das Spielfeld des Maracanã, um mit der Trophäe der Copa América und der brasilianischen Nationalmannschaft, dem Sieger der letzten Ausgabe des Turniers, zu posieren - so wie er es ein Jahr zuvor mit Palmeiras getan hatte, als das Team aus São Paulo brasilianischer Meister geworden war.

Nun aber könnte er mit seinem Opportunismus zu weit gegangen sein - und von Kritikern derart in die Enge getrieben werden, dass er die Austragung der Copa América zurückziehen muss.

Verwendete Quellen:

  • CartaCapital.com.br: Bolsonaro quer criar factoide com Copa América, diz historiador
  • CartaCapital.com.br: Bolsonaro faz manifestação de moto com apoiadores no Rio de Janeiro
  • Folha.uol.com.br: Estética fascista une fantasias de Bolsonaro e Mussolini com motos
  • Brasil.elpais.com: Copa América no Brasil torna-se trunfo político e cortina de fumaça para Bolsonaro
  • Uol.com.br: Palmeiras x Santos: protocolo veta político entregando taça na Libertadores

Bolsonaro kritisiert Corona-Maßnahmen: "Schluss mit dem Gejammere"

Trotz der rasanten Ausbreitung des Coronavirus hält der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro nichts von Ausgangsbeschränkungen im Kampf gegen die Pandemie - ganz im Gegenteil. Diejenigen, die die Regierung zum Kauf von Impfstoffen auffordern, hatte er bei einer anderen Veranstaltung zuvor als "Idioten" bezeichnet.