Aufbruch bei den Grünen: Annalena Baerbock wird neben Robert Habeck an die Spitze der Partei gewählt. Gelungen ist ihr das nicht zuletzt mit einer beeindruckenden Rede. Auf die Aufgaben als Bundesvorsitzende freut sie sich "tierisch". Die eloquente Politikerin will aber mehr sein, "als nur die Frau an Habecks Seite". Vieles spricht dafür, dass ihr das gelingen wird. Ein Portrait.

Annalena Baerbock hat viel von dem, was Politikerinnen und Politiker für die große Bühne brauchen: Sie hat Mut. Sie ist eloquent. Sie sprüht vor Energie. Sie geht dahin, wo es wehtut. Sie reißt mit. Sie überzeugt.

Vor allem ihre Partei konnte die 37-Jährige am Sonntag auf dem Parteitag überzeugen. Sie wurde zur zweiten Parteivorsitzenden der Grünen gewählt. In einer Kampfabstimmung setzte sie sich klar mit 64,5 Prozent der Stimmen gegen die Parteilinke Anja Piel durch. Gemeinsam mit Robert Habeck wird sie nun die Geschicke der Partei lenken.


Baerbock ergänzt Bild

Wie sie die Zweierspitze interpretiert, hat sie in ihrer Wahlkampfrede am Sonntag sehr deutlich gemacht: "Wir wählen hier nicht nur die Frau an Roberts Seite, sondern die neue Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen!"

Damit hat Baerbock ihren eigenen Anspruch verdeutlicht und ist zugleich aus dem Halbschatten Habecks getreten. Dieser stand vor dem Parteitag stark im Fokus, wurde als neuer Hoffnungsträger der Grünen gepriesen.

Die Wahl-Brandenburgerin mit Wurzeln in Niedersachens steht wie Habeck für einen Generationenwechsel. Ihre Kompetenzen liegen im Klimaschutz und der Europapolitik. Das machte sie in ihrer mitreißenden Rede auf dem Parteitag sehr deutlich.

Die 37 Jahre alte Mutter zweier Töchter sprach vor allem grüne Herzensthemen an – leidenschaftlich und charmant. Oft musste sie gegen den Applaus ihrer Parteikollegen anschreien, um dann erneut gefeiert zu werden.

Wer ihre Wahlkampfrede gesehen hat, merkt, hier steht eine Politikerin mit Überzeugungen auf der Bühne.

Baerbocks Rede im Video finden Sie hier

Man müsse die Welt beschreiben, wie sie ist und kritische Themen wie den "Jemen, Alltagsrassismus oder beim Sterben im Mittelmeer" diskutieren.

Baerbock scheut sich nicht, den Parteifreunden zu erklären, dass die Grünen gleichzeitig radikal und staatstragend sein können – besonders beim Klimaschutz.

Klimaschutz und soziale Themen

"Wir müssen auch dahin gehen, wo es weh tut", sagte Baerbock. Für die Politikerin ist das keine leere Floske wie sich beim Thema Kohleausstieg zeigt.

Auch sie könne sich "Schöneres vorstellen (...) als vor 1.000 Kohle-Lobbyisten und Kohle-Gewerkschaftlern zu sprechen". Das Entscheidende aber sei, es zu tun.

Man werde zwar ausgepfiffen, doch am Ende sei entscheidend, in Ruhe alles zu erörtern und davon zu überzeugen, dass "uns die Arbeitsplätze genauso am Herzen liegen".

Auch bei den sozialen Themen hat sich die ehemalige Parteivorsitzende von Bündnis 90/ Die Grünen in Brandenburg und Abgeordnete für den Wahlkreis Potsdam um Profil bemüht. "Die größte Schande in diesem Land ist die unsichtbare Armut", betonte Baerbock in ihrer Rede.

"Wenn wir den Klimaschutz in diesem Land wirklich voranbringen wollen, für soziale Gerechtigkeit kämpfen wollen, dann müssen wir wachsen", sagte Baerbock der Deutschen Presse-Agentur. Sie wolle die Grünen für breitere Schichten attraktiv machen.

Parteikollegen glauben an Baerbock

Dass man ihr das in der Partei zutraut, machten die Brandenburger Grünen-Landesvorsitzenden Petra Budke und Clemens Rostock deutlich. Sie bezeichneten Baerbock als "engagierte und kluge Kämpferin für Klimaschutz und Ökologie, für soziale Gerechtigkeit und für ein weltoffenes Europa." Sie könne integrieren, auf Leute zugehen und sie begeistern. Baerbock streite leidenschaftlich "für ein ökologisches, soziales und weltoffenes Land".

Bis vor kurzem noch war Baerbock außerhalb ihrer Partei und ihres Landkreises eher wenigen bekannt. Dabei hat die energiegeladene Europapolitikerin auf dem politischen Parkett eine steile Karriere hingelegt.

Studiert hat Baerbock Politikwissenschaften, öffentliches Recht und Völkerrecht in Hamburg und London. Zur Politik kam sie über ihre Arbeit für die grüne Europa-Abgeordnete Elisabeth Schroedter in Brüssel und Potsdam. Seit 2005 ist sie Parteimitglied der Grünen. Danach verschlug es sie für ein Jahr in die Grünen-Bundestagsfraktion als Referentin für Außen- und Sicherheitspolitik.

Später war sie Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Europa (2008-2013), Vorstandsmitglied der Europäischen Grünen Partei (2009-2012). Von 2009 bis 2013 war sie Landesvorsitzende der Brandenburger Bündnisgrünen, von 2012 bis 2015 Mitglied des Parteirats.

Seit 2013 ist die verheiratete Mutter zweier Kinder Mitglied des deutschen Bundestages.

In den Sondierungsgesprächen mit Union und FDP war Baerbock Mitglied des Sondierungsteams, verhandelte mit Union und FDP vor allem das Thema Europa.

Als Kind schon politisch unterwegs

Baerbock gibt an, sich schon als Kind mit politischen Themen auseinandergesetzt zu haben. Zum Unmut ihrer Mitschüler habe sie ein Faschings-Verbot an ihrer Schule durchgesetzt – als Protest gegen den Irak-Krieg.

Ihr politisches Interesse sei durch ihre Eltern gefördert worden. So sei sie mit ihnen bei Demos gegen den Nato-Doppelbeschluss oder gegen Atomkraft gewesen. "Diskussionen über die Krisen dieser Welt gehörten bei uns irgendwie mit dazu. Lange Zeit war für mich klar: Darüber will ich auch später mal berichten und Reporterin aus Krisenregionen werden."

Ein Praktikum im Europarat in Straßburg und im Europäischen Parlament führte sie schließlich in die Politik – und nun an die Spitze der Grünen.

Baerbock wird dem Realo-Flügel zugeordnet und wird zusammen mit Habeck die Partei künftig weiter in die politische Mitte rücken. Der linke Flügel bleibt außen vor. Die 37-Jährige sieht in dem Wahlergebnis trotzdem nicht das Ende der Parteiflügel. "Das inhaltliche Ringen, das ja auch von den Flügeln kommt, ist ein wichtiger Bestandteil unserer Partei", sagte die Wahl-Brandenburgerin.

Sie wolle die Arbeit an einem neuen Grundsatzprogramm der Grünen "ganz bewusst so gestalten, dass man nach außen sieht, die ringen wirklich um Inhalte, die streiten und diskutieren".

Vieles spricht dafür, dass ihr und Habeck dieser Generationenwechsel gelingen kann.

(mit Material der dpa)
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