• In Deutschland ist der Verkauf von Feuerwerk in diesem Jahr verboten.
  • Deswegen fahren vor allem in Ostdeutschland viele Menschen über die Grenze, um Raketen und Böller zu kaufen. Zum Beispiel auf den Polenmarkt Hohenwutzen.
  • Dort wartet ein Einkaufserlebnis der skurrilen Art.
Fabian Busch.
Eine Reportage

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Zwei schwarze Plastiktüten sind prall gefüllt mit der "Beute" des Tages. Die beiden jungen Männer aus Mecklenburg-Vorpommern tragen sie zum Auto: ihre Ausrüstung für den Jahreswechsel. Mehr als 100 Euro habe man für Raketen und Böller ausgegeben, erzählen sie. In Deutschland ist der Verkauf von Feuerwerk in diesem Jahr verboten. "Damit schießt sich Deutschland doch selbst ins Bein", meint einer der beiden. Aber er kommentiert das Verkaufsverbot eher mit einem Schulterzucken. "Dann kaufen wir's eben hier."

Hier – das ist der Polenmarkt Hohenwutzen, direkt hinter der deutsch-polnischen Grenze. In und zwischen den rotbraunen Backsteingebäuden einer früheren Papierfabrik reihen sich Geschäfte und Verkaufsstände aneinander. Auf einem der größten Märkte entlang der Grenze gibt es alles, was man westlich der Oder nicht oder deutlich teurer kaufen kann. In diesem Jahr vor allem: Feuerwerk.

"90 Prozent kaufen Raketen"

Die Spanne ist groß: vom Bengalo-Feuer für 2,50 Euro über das 27er-Pack Raketen für 54,99 Euro bis zur Feuerwerk-Batterie mit 105 Schüssen, für das man mehr als 300 Euro auf den Tresen legen muss. In diesem Jahr gehe das Geschäft gut, erzählt ein älterer Herr, der in seinem Stand Autozubehör, Erotikwaren und eben Feuerwerk verkauft. Seit Monaten gehe das schon so, sagt seine Frau und öffnet eine neue Kiste.

Den meisten gehe es nicht um den lauten "Rums", eher um die bunten Lichter am Himmel: "90 Prozent der Deutschen kaufen Raketen", sagt der Verkäufer. Der Renner sei die Feuerwerk-Batterie für 29,99 Euro: 49 Schuss mit blauer Leuchtspur.

Zwei Drittel der Deutschen sind für Verkaufsverbot

In Deutschland ist der Verkauf von Feuerwerk in diesem Jahr bundesweit verboten. Weil die Krankenhäuser schon mit Corona-Patienten alle Hände voll zu tun haben, will die Politik eine Mehrbelastung vermeiden: etwa durch Menschen, die sich beim Zünden von Böllern und Raketen verletzen. Einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur zufolge unterstützen 66 Prozent der Deutschen das Verkaufsverbot.

Trotzdem führt die Böller-Diskussion verlässlich jedes Jahr zu einem kleinen Kulturkampf zum Jahreswechsel: Die Deutsche Umwelthilfe fände ein dauerhaftes Verbot der Böllerei richtig: aus Rücksicht auf die Feinstaubbelastung, Haus- und Wildtiere. Für viele Deutsche gehört das Feuerwerk aber zu Silvester wie Fondue und "Dinner for one".

Für den Kaufrausch genügt in Polen auch ein Test

Entsprechend voll sind die Parkplätze rund um den Polenmarkt am Tag vor Silvester. Autos mit Kennzeichen aus Berlin und Brandenburg reihen sich aneinander. Selbst aus Hamburg und Hannover seien schon Autos gesichtet worden, erzählt man sich hier. Von Berlin aus fährt dreimal am Tag ein Shuttlebus nach Hohenwutzen.

Früher eine Papierfabrik - heute einer der größten Märkte an der deutsch-polnischen Grenze.

Der Kaufrausch ist hier sogar einfacher möglich als im Nachbarland. Während die Geschäfte in Deutschland derzeit nur für Geimpfte und Genesene geöffnet sind, genügt auf dem Polenmarkt auch ein negativer Schnelltest. Aber kontrolliert wird das zumindest an diesem Tag ohnehin nicht.

Auf der Oder treiben Eisschollen träge flussabwärts. Nebenan auf dem Markt wabert der Geruch von Spiritus und gebratenem Fleisch. An rund 700 Ständen bieten polnische Händlerinnen und Händler ihre Waren an. Zur besseren Orientierung tragen die engen Gassen dazwischen bodenständige deutsche Namen. Adamstraße, Kurtstraße, Heinzstraße. Einen "Ku-Damm" gibt es auch – da ist etwas mehr Platz zum Flanieren.

Es gibt fast nichts, was es hier nicht gibt. Nur günstig muss es sein. Sechs Flaschen Sekt für neun Euro. Sechs Kilo Äpfel gibt es für sieben Euro, einen Schneeschieber für zwölf. Die Aufwärmung in Form eines Glühweins kostet 1,20 Euro. Wer sucht, der findet auch Schlagringe und Butterfly-Messer, Schmerzmittel und Grabgestecke.

Auch wer seinen Garten "verschönern" will, wird fündig.

Eine Stange Zigaretten kostet 26,50 Euro

Die meisten aber kommen wegen des Erlebnisses an sich – und wegen der Glimmstängel. "Zigaretten, Zigaretten", ruft ein Händler. "Gut für Vitamine! Und Anti-Corona!" 26,50 Euro kostet eine Stange mit zehn Packungen. In Deutschland würde sie bestimmt das Doppelte zahlen, schätzt Janett. Aber genau weiß sie das nicht: "Ich kaufe in Deutschland keine Zigaretten mehr, ich kaufe die nur hier."

Janett steht mit ihrer Mutter Marina, mit Zigarette und Glühwein am "Ku-Damm". "Wir machen immer einen Familienausflug daraus", sagte sie. "Man schlendert, geht was essen, was trinken und schlendert weiter." Feuerwerk ist ihr allerdings nicht in die Einkaufstüte gekommen. "Das ist mir hier zu heiß", sagt sie. "Bei diesen Polen-Böllern weiß man nie", meint ihre Mutter. Aber Knallerbsen hat Janett gekauft. Sie lacht. "Da wird wohl nichts passieren."

Ab und zu erschüttert ein lauter Knall den Markt

Raketen, Böller, Bengalos, Batterien. Feuerwerk wird auf dem Polenmarkt das ganze Jahr über verkauft.

In der Tat rät zum Beispiel der deutsche TÜV-Verband dazu, von ausländischem Knallgut die Finger zu lassen. In Polen ist auch Feuerwerk der Gefahrenkategorie 3 frei verkäuflich – in Deutschland darf es nur von Personen mit einer speziellen Erlaubnis gezündet werden. Ab und zu lässt auf dem Polenmarkt ein lautes Knallen Gebäude und Menschen erzittern. Womöglich hat da jemand seinen Einkauf gleich vor Ort ausprobiert.

Die Verkäuferinnen und Verkäufer an den Ständen wissen offenbar über ihre Produkte Bescheid. Sie zeigen gezielt die Böller und Raketen der Kategorien P1, F1 und F2, die man mit nach Deutschland nehmen darf. Schließlich soll die Kundschaft keine Probleme bekommen und möglichst wiederkommen. "Muss erst gucken, ob das ist erlaubt oder nicht", sagt ein Händler, der einen Vater und seinen Sohn berät.

Einmal volltanken, bummeln, und dann zurück nach Berlin

Auch Paul aus Berlin hat eine Kiste Feuerwerk in den Kofferraum gehievt. Er ist ein erfahrener Marktgänger, fährt im Schnitt ein Mal im Monat von der Hauptstadt nach Polen. "Hier gibt es natürlich viel Ramsch. Aber für Familien, die wenig Geld und kleine Kinder haben, ist das doch toll", findet er.

Paul tankt jedes Mal voll, wenn er in Polen ist. Natürlich gehören zum Markt auch Tankstellen. 1,26 Euro kostet der Liter Super an diesem Tag. Häufig sei der Sprit in Deutschland im Schnitt 40 Cent teurer, sagt der Berliner. Weniger gut gefällt ihm, dass sich die Feuerwerksverkäufer seiner Erfahrung nach nicht immer genau anschauen, wer da etwas kaufen will. Sicher gehe immer wieder auch etwas an Minderjährige.

Der Zoll wartet in Deutschland – oder nicht?

Der klare Verkaufsschlager auf dem Polenmarkt: Zigaretten.

Generell ist das Einkaufen auf dem Markt legal – zumindest, wenn man sich an Regeln und Mengen hält. 800 Zigaretten, 10 Liter Spirituosen und 10 Kilogramm Kaffee seien zollfrei, ist in der Infobroschüre des Markts zu lesen. Ständige Kontrollen gibt es zwar nicht. Aber manchmal stehe der Zoll hinter der deutschen Grenze und winke Autos raus, sagt Paul. "Da sollte man sich nicht immer auf der sicheren Seite wiegen."

Etwas nervös ist auch die Reisegesellschaft, die am Nachmittag auf den Shuttlebus zurück nach Berlin wartet. Hat man sich auch wirklich nur zugelassenes Feuerwerk andrehen lassen? Wie viele Zigaretten sind noch einmal in einer Stange? An diesem Tag aber rollt der Bus ohne Stopp über die Oder und durch die diesige Brandenburger Provinz zurück nach Berlin. Einige Passagiere fallen in Schlaf – und träumen vielleicht schon von Silvester.

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Rote Unterwäsche, gruselige Kostüme oder Weintrauben aus der Dose: So wird das neue Jahr weltweit eingeläutet. (Bildnachweis: picture alliance/dpa/Christophe Gateau)