Junge, feiernde Menschen gelten in den Augen vieler als Treiber der Pandemie. Doch stimmt das? Welche Rolle Partys tatsächlich bei der Ausbreitung des Coronavirus spielen.

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Bund und Länder haben sich angesichts der aktuellen Corona-Lage auf einen vierwöchigen Teil-Lockdown geeinigt, um den Anstieg der Infektionszahlen in Deutschland im besten Fall noch ausbremsen zu können. Neben der Frage nach den Maßnahmen, dreht es sich dabei aber auch um mögliche Verantwortung: Wer ist schuld daran, dass es noch einmal zu diesen Maßnahmen kommen musste?

Da wäre zunächst einmal ein Virus, das gerade täglich allein in Deutschland mehrere Tausend Menschen infiziert. Doch viele sehen darüber hinaus insbesondere junge, feiernde Menschen in der Schuld, dass es nun zu weiteren drastischen Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens kommen wird. Die "Spaßgesellschaft", wie mehrere Medien titelten.

Doch ist eine feiernde "Spaßgesellschaft" tatsächlich Treiber der Pandemie? Oder ist dieser Gedanke nicht vielmehr eine Erzählung, mit der sich vorschnell ein Schuldiger identifizieren lässt? Betrachtet man die Aussagen von Experten und Politikern, zeigt sich: In beiden Varianten steckt etwas Wahrheit.

Private Partys als Ursprung der Corona-Hotspots

So weist das Robert-Koch-Institut als Ursprung für neue Corona-Hotspots in Deutschlands vor allem private Feiern aus. In einem aktuellen Lagebericht spricht das RKI dabei von einem "diffusen Geschehen", die Ausbrüche stünden allerdings häufig im Zusammenhang mit Feiern im Freundes- und Familienkreis.

Eine aktuelle Publikation im Wissenschaftsmagazin Science verweist besonders auf die Ansteckungsgefahr im eigenen Haushalt: Die Autoren betonen, dass hier die meisten Übertragungen stattfinden. Als sogenannte "Superspreading-Events" identifizierten sie anhand bisheriger Auswertungen vor allem Chorproben, Gottesdienste, Fleischereibetriebe, Hochzeiten und Reisen. Das Virus verbreite sich besonders gerne dort, wo Menschen zusammenkommen, das stellten Wissenschaftler früh fest - dazu zählen nun mal auch Feiern auf engem Raum.

Das bayerische Berchtesgaden musste bereits rund eine Woche früher als der Rest Deutschlands in den von der Landesregierung verordneten Teil-Lockdown gehen. Hier hatten die Infektionszahlen die zuvor festgelegte Obergrenze weit überschritten. Ausgangspunkt für die Situation in Berchtesgaden war nach einer ersten Reaktion von Ministerpräsident Markus Söder "mal wieder eine entsprechende Party" gewesen.

Jedoch stellte das örtliche Gesundheitsamt schnell klar, dass es nicht nur eine einzelne Party gewesen sein könnte, welche die Zahlen in eine derartige Höhe getrieben habe. Die Infektionszahlen seien weit über den Landkreis verteilt und das Infektionsgeschehen so diffus, dass nicht eine Feier als Ausgangspunkt gesehen werden könne, so der Chef des örtlichen Gesundheitsamtes zum "BR".

Allerdings führten Experten auch hier das Argument an, dass eben jene Zusammenkünfte im Privaten verhinderten, Infektionsketten zu unterbrechen - und genau das ist immerhin das ist ein erklärtes Ziel im Kampf gegen die Pandemie.

Karl Lauterbach: Private Feiern sollen unterbunden werden

Feiern, so sagte es Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch, seien angesichts der aktuellen Lage "inakzeptabel". Genauso sieht das ein Großteil der Politiker und Experten, SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte zuvor bereits angeregt, dass private Feiern in der vorliegenden Situation unbedingt unterbunden werden sollten.

"Wir dürfen nicht zulassen, dass mit 30 Leuten private Feiern stattfinden, wenn die Kneipen im Shutdown demnächst geschlossen sind", so der SPD-Politiker im Interview mit n-tv. Andere verweisen im Zusammenhang mit privaten Feiern ganz besonders auf die jüngere Generation.

So sagte beispielsweise Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) im Interview mit der "Welt am Sonntag", ihm bereite es große Sorge, wie leichtfertig sich vor allem junge Erwachsene in der Pandemie verhielten. "Junge Leute feiern gern. Aber jetzt sind nicht volle Partys gefragt, sondern Vorsichtsmaßnahmen – und Kontrolle.", so Kretschmer.

Junge Menschen als Treiber der Pandemie?

Die Schuldzuweisungen gegenüber der jüngeren Bevölkerung ziehen sich im Zusammenhang mit privaten Feiern über Parteigrenzen hinweg. Verbunden auch mit der Beobachtung, dass es in der ersten Welle zu Anfang des Jahres vor allem ältere Menschen waren, die sich infizierten und es nun vor allem die Jungen sind, die sich mit dem Virus anstecken.

Gleichzeitig häuften sich in den vergangenen Wochen die Meldungen über heimliche Feiern in privaten Kellern, illegale Raves oder Massenpartys in Parks. Da man sich hier besonders nah komme, steige auch das Infektionsrisiko, so die gängige Meinung - immerhin wird getanzt, Alkohol und Drogen lassen Hemmungen sinken, und das Gesundheitsrisiko wird in diesen Momenten möglicherweise gerne vergessen. Doch können die Jungen damit wirklich als Treiber der Pandemie gelten?

Risikobewusstsein bei jungen Menschen niedriger ausgeprägt

Ein Dauerprojekt, welches die psychologische Lage während der Pandemie in Deutschland untersucht, konnte feststellen, dass Menschen unter 30 Jahren das Corona-Risiko tatsächlich weniger stark wahrnehmen als der ältere Teil der Gesellschaft. Daraus schlossen auch die Forscher, dass jüngere Menschen zu riskantem Verhalten tendierten, wenn es sich um freiwillige Einschränkungen handelte.

Dazu gehörten in den vergangenen Monaten also auch der Verzicht auf Partys oder das Fernbleiben von öffentlichen Orten im Allgemeinen. Allerdings zeigte sich in den regelmäßigen Umfragen auch, dass mit dem Anstieg der Infektionszahlen das Risikobewusstsein der jungen Generation gleichwohl höher wurde und Mitte Oktober sogar auf einem ähnlichen Stand lag wie bei älteren Menschen.

Angesichts der diffusen Ausbreitung des Virus wäre es also zu einfach, sich sowohl auf einzelne Feiern als auch auf die junge Generation als Treiber der Pandemie festzulegen. Immerhin bleibt es eine breite Mehrheit, welche die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung befürwortet, auch in der jüngeren Bevölkerung.

Damit schließen sich der Wunsch nach ausgelassenem Feiern und ein gesundes Verantwortungsbewusstsein nicht aus, auch nicht in diesen Zeiten. Entscheidend bleibt, ob Kontaktbeschränkungen wahrgenommen werden, egal in welchem Alter und egal an welchem Ort.

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Verwendete Quellen:

  • Süddeutsche Zeitung: "Ein zu einfacher Schluss"
  • Welt: "Michael Kretschmer (CDU): 'Ich finde dieses Berlin-Bashing überzogen'"
  • Bayerischer Rundfunk: "Partys als Corona-Herd? Berchtesgadener Landrat kontra Söder"
  • n-tv: "Lauterbach fordert Kontrollen an der Haustür"
  • COSMO Covid-19 Snapshot Monitoring
  • Science Magazine: "The engines of SARS-COV2-spread"
  • Robert-Koch-Institut: Situationsbericht vom 27. Oktober 2020
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