• Bald wird die Uhr wieder auf Sommerzeit umgestellt, das heißt: Wir müssen eine Stunde früher aufstehen.
  • Besonders hart ist das für Jugendliche - und wirft einmal mehr Fragen auf.
  • Was ist mit der Abschaffung der Zeitumstellung? Und ist der Schulstart nicht ohnehin viel zu früh?

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Ihre Klarheit ist das, was Fans an Mai Thi Nguyen-Kim besonders schätzen. Die Wissenschaftsjournalistin und YouTuberin, die in der Pandemie richtig bekannt wurde und in ihrer ZDF-Sendung "Maithink X" wissenschaftliche Themen einfach erklärt, machte auch in der Folge zur Zeitumstellung eine klare Ansage: "Permanente Sommerzeit ist gar keine gute Idee."

Wer für dauerhafte Sommerzeit ist, hat meist lange Grillabende im Sommer vor Augen. Doch bleibt dabei außer Acht, wie lange es bei dauerhafter Sommerzeit morgens draußen dunkel wäre – vor allem im Winter. Den medizinisch-chronobiologischen Aspekt bei der Frage "komplett auszuklammern - so wie es bisher getan wird", gehe nicht, meint Nguyen-Kim.

Ist das Thema aber überhaupt noch aktuell? Während der US-Senat vor wenigen Tagen entschied, die Sommerzeit 2023 dauerhaft einzuführen, hat die Europäische Union ihre Pläne auf Eis gelegt.

Abgekühlt hat sich die Debatte um eine Abschaffung der Zeitumstellung dadurch nicht – im Gegenteil. Für die Bürgerinnen und Bürger bleibt das Thema heiß. Als wir unsere Leserinnen und Leser vor einem halben Jahr dazu befragten ("Was würden Sie sich wünschen: Dauerhaft Winter- oder Sommerzeit?"), erreichte uns eine Flut von Zuschriften.

Die meisten wünschen sich eine schnelle Abschaffung, sind entsprechend enttäuscht von der Politik ("nicht nachvollziehbar", "unfähig!", "man fühlt sich nicht vertreten") und auffallend viele schrieben über Probleme, die die Zeitumstellung, aber auch der frühe Schulbeginn für Kinder und Jugendliche mit sich bringen. Ob es denn wirklich notwendig sei, "weiterhin Generationen von Teenagern mit einer Zeit für den Schulbeginn zu quälen, die komplett gegen ihren natürlichen Rhythmus ist", fragte ein Leser.

Warum Lehrerverband gegen späteren Schulbeginn ist

Das Thema beschäftige Eltern, Lehrer und auch Kinder stark, wie der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, auf Anfrage unserer Redaktion bestätigt. In den meisten Schulen in Deutschland beginne die Schule um 8:00 Uhr, nur wenige wichen davon ab.

So unterschiedlich die Meinungen auch seien: Insgesamt sei der Lehrerverband gegen eine generelle Verschiebung des Unterrichtsbeginns, "weil dies massive Auswirkungen auf die Schulorganisation, aber auch auf Bereiche außerhalb der Schule hätte".

Nicht zu vergessen: Späterer Schulbeginn würde auch späteren Schulschluss bedeuten, also Unterricht bis nachmittags: "Das würde den Schulbetrieb komplett umkrempeln. Wir bräuchten Tausende zusätzlicher Mittagsmensen und viel mehr zusätzliche Schulbusse am Nachmittag. Es wäre gleichbedeutend mit der Einführung einer generellen Ganztagsschule in Deutschland", betont Meidinger.

Es sei auch nicht im Sinne der Kinder. Zwar stieß in einer Umfrage des Kindersenders Kika aus der Zeit vor Corona die Idee eines späteren Schulbeginns auf Begeisterung:

  • 1.300 Erst- bis Sechstklässler in Deutschland wurden gefragt: "Wann hättest du den Beginn der ersten Stunde am liebsten?" Im Durchschnitt wünschten sie sich einen Schulbeginn um 8:40 Uhr.

Eine andere Analyse des Forschungszentrums Demografischer Wandel (FZDW) der Frankfurt University of Applied Sciences kam allerdings zu dem Ergebnis:

  • 52 Prozent der Befragten wären bei sechs Schulstunden am liebsten von 8 bis 13 Uhr in der Schule.
  • Etwas mehr als ein Drittel sprach sich für einen Schultag aus, der um 9 Uhr beginnt und dafür erst um 14 Uhr endet.
  • Fünf Prozent würden gerne um 10 Uhr beginnen und dafür Unterricht bis 15 Uhr in Kauf nehmen.

Ein weiteres Argument des Lehrerverbandes gegen eine Verschiebung: Der Schulbeginn stimme weitgehend mit den Arbeitszeiten der Eltern überein. Schulkinder und Berufstätige seien am Morgen häufig mit den gleichen Beförderungsmitteln unterwegs: "Verstärkte flexible Homeoffice- und Teilzeittätigkeiten ändern das zwar etwas, aber bislang nur in relativ geringem Umfang", so Meidinger.

An den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey kann jeder teilnehmen. In das Ergebnis fließen jedoch nur die Antworten registrierter und verifizierter Nutzer ein. Diese müssen persönliche Daten wie Alter, Wohnort und Geschlecht angeben. Civey nutzt diese Angaben, um eine Stimme gemäß dem Vorkommen der sozioökonomischen Faktoren in der Gesamtbevölkerung zu gewichten. Umfragen des Unternehmens sind deshalb repräsentativ. Mehr Informationen zur Methode finden Sie hier, mehr zum Datenschutz hier.

Gesundheit: Jugendliche müssen morgens länger schlafen

Doch was ist mit der Gesundheit? Schon 2006 zeigte die Kölner Schlafstudie, dass knapp 30 Prozent der Elfjährigen gelegentlich bis häufig tagsüber müde sind. Und das wird in den Jahren danach nicht besser: "Mit der Pubertät führen chronobiologische Veränderungen dazu, dass viele Jugendliche abends erst später müde werden und infolgedessen morgens länger schlafen müssten, um ausgeschlafen zu sein", erklärt der Kinder- und Jugendarzt Alfred Wiater von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM).

Zur Erklärung: Die Chronobiologie befasst sich mit der "inneren Uhr" des Menschen. Ihr Zyklus beträgt – nicht genau – aber circa 24 Stunden (deswegen spricht man vom "circadianen" Rhythmus), und zwar unabhängig vom Licht, wie die Max-Planck-Gesellschaft erklärt. Dass wir unterschiedlich ticken, weiß jeder aus seinem Umfeld, und die Wissenschaft bestätigt es.

  • Frühtypen: Es gibt Menschen, die eher früher wach und früher müde werden, man nennt sie "Lerchen".
  • Spättypen: Sie schlafen länger und werden auch später am Abend müde, man nennt sie "Eulen".

Beide müssen sich – da die innere Uhr eben nicht exakt im 24-Stunden-Rhythmus schlägt - täglich unseren Uhren im Alltag anpassen. Die Umweltbedingungen, vor allem das Licht, eichen uns sozusagen auf den 24-Stunden-Rhythmus. Das wird schwieriger, je stärker die eigene innere Uhr von diesem äußeren Rhythmus abweicht, und genau da liegt das Problem: "Das ist im Laufe eines Lebens nicht konstant. In der Jugend verschieben sich unsere inneren Uhren mehr in Richtung Euligkeit. Als Erwachsene pendelt sich das wieder zurück, bis wir im höheren Alter dann zunehmend lerchiger werden", wie Nguyen-Kim zusammenfasst.

Schlafdefizit: Bei vielen Jugendlichen chronisch

Das heißt: Es ist ganz natürlich, wenn Jugendliche erst später einschlafen. Das sei auch unabhängig von der Beschäftigung mit Smartphone und Co., wie Wiater betont: "Dadurch bedingte Schlafeinschränkungen kommen noch hinzu. Doch schon aufgrund der genannten chronobiologischen Faktoren kommen viele Jugendliche durch den frühen Schulbeginn in ein chronisches Schlafdefizit, das man als sozialen Jetlag bezeichnet."

Das müsse man ernst nehmen: "Schlafmangel, schlechte Schlafqualität und Tagesschläfrigkeit bei Kindern und Jugendlichen wirken sich negativ auf das Lernen, die Gedächtnisbildung und die schulischen Leistungen aus. Das haben weltweit wissenschaftliche Studien ergeben." Auch erhöhe nicht erholsamer Schlaf das Risiko für eine ADH-Symptomatik (Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität), Stimmungsschwankungen und Angststörungen.

Aus Sicht von Schlafforschern sind das schwerwiegende Gründe für einen späteren Schulbeginn. Wiater verweist auf derzeit 24 Schulen in Deutschland, die nach dem sogenannten Dalton-Modell bereits flexible Zeiten ermöglichen. Am Gymnasium Alsdorf nahe Aachen begleiteten die Chronobiologen um Eva Winnebeck und Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) drei Oberstufen-Jahrgänge jeweils drei Wochen vor und sechs Wochen nach der Einführung des Flexi-Modells.

Es zeigte sich: Die Schüler nutzten das Modell nicht so exzessiv wie erwartet (im Schnitt kamen sie zweimal wöchentlich erst zur zweiten Stunde), waren aber sehr zufrieden und gaben an, besser zu schlafen und in der Schule konzentrierter zu sein.

Es müsse möglich sein, in Deutschland flächendeckend einen späteren Schulbeginn – wie es in anderen Ländern bereits der Fall sei – zu realisieren, meint Wiater: "Die Relevanz des Themas verdeutlicht sich ja erst im Jugendalter, sodass Grundschulen nicht einmal einbezogen werden müssten", bemerkt er.

Meidinger warnt vor dauerhafter Sommerzeit: "Das wäre fatal"

Einig sind sich sowohl Lehrerverband als auch die Gesellschaft für Schlafforschung bei einem Thema: Sie sind gegen eine dauerhafte Sommerzeit. "Das wäre für die Kinder und Jugendlichen besonders fatal", warnt Meidinger. Er plädiert für die Normalzeit – irreführend im Volksmund "Winterzeit" genannt -, da sonst die Kinder lange bei Dunkelheit in die Schule gehen müssten.

Wiater rechnet es vor. Schon zur Normalzeit wird es morgens erst spät hell, bei permanenter Sommerzeit wäre es eine weitere Stunde dunkel: "Es würde im Winter – je nach Region – manchmal erst um 9:00 Uhr oder gar 9:30 Uhr hell werden. Wir brauchen aber das natürliche Sonnenlicht morgens, um wach und fit zu werden."

Umstellung am Sonntag: Mini-Jetlag vorprogrammiert

Auch die bei vielen beliebten längeren Abende hätten ihre Tücken: "Viele würden die Zeit für Freizeitaktivitäten nutzen und letztlich auch eine Stunde später zu Bett gehen. Sie müssen aber morgens um die gleiche Zeit aufstehen, was zu einem zunehmendem sozialen Jetlag führt."

Je mehr unsere Uhrzeit und die damit verbundenen Verpflichtungen von unserer inneren Uhr abwichen, desto größere Gesundheitsrisiken gehen wir ein, schließt er: "Bei der Umstellung auf die sogenannte Sommerzeit erleben viele Menschen immer wieder ein Mini-Jetlag. Die Uhrzeitvorgabe, die unserem biologischen Rhythmus am ehesten entspricht, ist die Normalzeit."

Zu den Personen:
Dr. Alfred Wiater war Chefarzt der Kinderklinik des Krankenhauses Porz am Rhein in Köln und bis 2018 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Zu seinen Schwerpunkten zählen Schlafstörungen bei Kindern. Zu seinen Büchern zählt "Ticken Sie richtig? Wie Sie zu Ihrem gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus finden" (2019).
Heinz-Peter Meidinger ist gelernter Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte und war bis zu seiner Pensionierung 2020 Direktor des Robert-Koch-Gymnasiums im bayerischen Deggendorf. Von 2003 bis 2017 amtierte er als Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, seit 2017 ist er Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Mehrfach übte er harte Kritik an bildungspolitischen Missständen, 2021 erschien seine Streitschrift "Die Todsünden der deutschen Schulpolitik".

Weitere verwendete Quellen:

  • ZDF: MAITHINK X vom 31. Oktober 2021 mit Dr. Mai Thi Nguyen-Kim; Thema: Zeitumstellung
  • Informationsdienst Wissenschaft: Schulglocke soll um acht Uhr läuten; 13.8.2019
  • Max-Planck-Gesellschaft: Chronobiologie: Innere Uhren im Takt; 12.10.2016

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