• Atomwaffen gehören zu den verheerendsten Erfindungen der Menschheit.
  • Allein der Besitz einer Atombombe verändert die Machtverhältnisse im globalen Kräftemessen.
  • Doch wie funktionieren Atomwaffen eigentlich ?
  • Wie sähe die Reaktion auf einen nuklearen Erstschlag aus?
Eine Analyse

Mehr News zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier

Mehr zum Thema Wissenschaft & Technik

Zwei Atombomben wurden bisher für kriegerische Zwecke eingesetzt. Sie trugen die Namen "Little Boy" und "Fat Man" und zerstörten zwischen dem 6. und 9. August 1945 die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Dadurch verantworteten die USA, laut Statista, 200.000 Tote. Vergleicht man sie mit heutigen Nuklearwaffen, ist ihre Zerstörungskraft winzig.

Lange galt der Einsatz als internationales Tabu. Jedoch wurde die Rhetorik um die Nutzung von Atomwaffen in den vergangenen Jahren und vor allem Monaten immer aggressiver. Das Horrorszenario des Atomkriegs rückt in den Bereich des Denkbaren. Je erfolgreicher die Bekämpfung der russischen Armee in der Ukraine ist, desto gefährlicher scheint die Lage zu werden.

Doch was hat es mit solchen Waffen auf sich? Welche Unterschiede gibt es zwischen taktischen und strategischen Kernwaffen? Welche besitzt Russland und gibt es überhaupt Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren?

Wie funktionieren Atomwaffen?

"Little Boy" und "Fat Man" beruhten auf dem Prinzip der Kernspaltung. Dafür benötigt man ein sogenanntes spaltbares Element, etwa Plutonium oder Uran. Plutonium gehört zwar zu den seltensten natürlich vorkommenden Elementen des Periodensystems, jedoch fällt es als Abfallprodukt in Kernkraftwerken an. Dadurch hat Russland etwa 180 Tonnen erzeugt und die USA etwa 90 Tonnen Plutonium. Sobald ein Atomkern des spaltbaren Elements ein Neutron aufgenommen hat, spaltet er sich – unter der Abgabe von Energie – auf und gibt Neutronen wieder frei, die von anderen Atomkernen aufgenommen werden. So entsteht eine Kettenreaktion mit großer Zerstörungsgewalt.

Heutige Atomwaffen beruhen auf dem Prinzip der Kernfusion. Kernfusionen bedürfen hohem Druck und sehr hohen Temperaturen. Atombomben der ersten Generation fungieren für sie als Zünder. In Bruchteilen von Sekunden verbinden sich die Atomkerne von Wasserstoffisotopen, weshalb die Waffen heutiger Generationen auch Wasserstoffbomben genannt werden. Auf diese Weise werden riesige Mengen an Energie freigesetzt. Der Zerstörungskraft ist mit dieser Technik theoretisch kein Ende gesetzt.

Unterschiedliche Wirkungsweise der Bomben

Die größte jemals gezündete Wasserstoffbombe heißt Zar-Bombe und wurde 1961 von der Sowjetunion gezündet. Sie ist etwa 2.000- bis 3.100-mal zerstörerischer als die Bomben, die in Japan gezündet wurden. Würde man diese Bombe heute auf Hiroshima werfen, würden ihr etwa 1,3 Millionen Menschen zum Opfer fallen. Man kann die Auswirkungen vom Einsatz von Atombomben auf der Website "nuclearsecrecy.com" simulieren lassen. Diese wurde von dem Nuklearexperten Alex Wellerstein entwickelt, der Direktor am Stevens Institute of Technology in Hoboken, New Jersey, ist.

Die Sprengkraft von Bomben wird in TNT-Äquivalenten beschrieben. "Little Boy" hatte eine Sprengkraft von etwa 15.000 Tonnen TNT. Die Zar-Bombe hatte dagegen eine Sprengkraft von 50 Millionen Tonnen TNT. Dabei wurde sie schon gedrosselt. Ursprünglich wurde sie mit einer Sprengkraft von 100 Millionen Tonnen konstruiert.

Putins Atomwaffenarsenal

Laut Forschern des Bulletin of the Atomic Scientists besitzt Russland aktuell 5.977 Atomsprengköpfe mit einer Sprengkraft von bis zu 800 Kilotonnen. Somit sind die zerstörerischsten Bomben Putins 50-mal verheerender als "Little Boy". Die Waffen werden von zwölf Divisionen und 40 Regimentern verwaltet.

Atomsprengköpfe werden auf verschiedene Arten in ihr Ziel befördert. Interkontinentalraketen können sie über 15.000 Kilometer transportieren. Sie starten von Silos oder von mobilen Raketenträgersystemen wie U-Booten oder Flugzeugen, mit denen sie näher an gegnerische Ziele herangebracht werden können.

Man unterscheidet taktische und strategische Atomwaffen. Strategische Nuklearwaffen sollen durch Abschreckung Kriege zwischen Großmächten verhindern, erklärt Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr in München. Nicht-strategische Nuklearwaffen sollen demgegenüber unmittelbar militärisch relevante Effekte auf dem Gefechtsfeld erzeugen. Diese hätten eine geringere Reichweite und eine geringere Sprengkraft. Technisch seien die Grenzen allerdings fließend. Auch eine taktische Nuklearwaffe könnte eine so große Sprengkraft entfalten, wie die Bomben, die Hiroshima und Nagasaki zerstörten haben, erklärt der Nuklearexperte.

Wie sähe eine mögliche Reaktion auf einen nuklearen Erstschlag aus?

Auch politisch gesehen sei die Trennung zwischen strategischen und taktischen Atomwaffen künstlich. "Ein tatsächlicher Einsatz einer nicht-strategischen Nuklearwaffe durch Russland hätte selbstverständlich strategische Auswirkungen." Die Reaktion auf einen nuklearen Erstschlag sei aber vermutlich keine nukleare Antwort, sondern eine "international, komplette Isolation". Sauer vermutet, dass auch Indien und China von Russland abrückten. Beide Länder hätten kein Interesse an einer "global sinkenden nuklearen Hemmschwelle", erklärt er im Gespräch mit unserer Redaktion.

Da die Grenzen zwischen taktischen und strategischen Waffen fließend sind, machten sich Militärplaner Gedanken um eine "nukleare Antwort in verschiedenen Ausformungen". Dabei würden verschiedene Varianten durchgespielt, um für verschiedene Szenarien Handlungsoptionen aufzuzeigen. In solchen Szenarien wird auch über eine nukleare Antwort des Westens nachgedacht.

Wie würde sich ein atomarer Winter als auswirken?

Natürlich gilt es, einen solchen Atomkrieg zu verhindern. In einer Studie von 2018 wurde errechnet, dass der Einsatz von 100 Atomsprengköpfen die Welt in einen sogenannten atomaren Winter befördern würde, dessen Folgen mindestens zehn Jahre spürbar wären. Das bedeutet, dass aufgewirbelter Staub, Ruß und dichter Rauch zu einer Verdunklung der Erde führen würden. Die Temperatur fiele, Ernteausfälle und Hungersnöte wären die Folgen, Teile der Ozonschicht würden zerstört, was eine hohe UV-Strahlung bedeuten würde. Die Nachwirkungen dieses Szenarios wären ebenso verheerend, wie die reine Zerstörungskraft der Bomben.

Der radioaktive Niederschlag und die Strahlung würden dazu führen, dass ganze Regionen auf lange Sicht unbewohnbar werden. Die akute Bestrahlung, denen die Menschen im Wirkradius einer Atombombe ausgesetzt sind, kann zu einem elendigen Tod führen, der begleitet wird von Durchfall, Darmblutung, Wasserverlust, Fieberdelirien und Koma durch Kreislaufversagen.

Jake Sullivan

USA: Kein Hinweis auf bevorstehenden Atomwaffen-Einsatz

Die USA halten einen russischen Einsatz von Atomwaffen im Ukraine-Krieg für möglich, sehen laut dem Nationalen Sicherheitsberater im Weißen Haus, Jake Sullivan, derzeit aber keine Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff dieser Art.

Nukleare Teilhabe Deutschlands

Zwar darf Deutschland keine eigenen Atomwaffen besitzen, wie es im sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrag geregelt ist, jedoch befinden sich im Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz über 20 Atombomben der USA. Dort werden auch, im Rahmen der nuklearen Teilhabe, deutsche Jagdbomberpiloten für den Einsatz der Atombomben ausgebildet. Insgesamt soll die USA im Besitz von 5.428 Atomsprengköpfen sein.

Das Prinzip der atomaren Abschreckung signalisiert feindlich gesinnten Gruppierungen, dass man im Falle eines Angriffs in der Lage ist, Gegenmaßnahmen einzuleiten. Man muss beim Einsatz von Atomwaffen also damit rechnen, dass die radikalste Form des Vernichtungskriegs die Konsequenz wäre.

Kaum Schutz vor Atomwaffen

Strategische Atomwaffen können in kürzester Zeit jeden Winkel der Erde erreichen. Im Rahmen des National Missile Defense System gibt es einen Raketenabwehrschirm in Rumänien – in Polen soll bald ein weiterer einsatzbereit sein. Mittels eines Frühwarn-Satelliten kann eine anfliegende Rakete verfolgt werden. Dadurch kann berechnet werden, wohin diese Rakete genau fliegt. Man hat nur wenig Zeit, die Rakete abzufangen und den anfliegenden Sprengkopf zu zerstören. So zumindest die Theorie. In der Wirklichkeit gestaltet sich ein solcher Prozess schwierig. Möglich ist beispielsweise, dass Atomwaffen durch das gleichzeitige Abschießen von Attrappen-Raketen, die man auf dem Radar nicht von den Atomwaffenraketen unterscheiden kann, getarnt werden.

Mehr Wissensthemen finden Sie hier

Über den Experten: Dr. Frank Sauer lehrt an der Universität der Bundeswehr. Er ist Ko-Herausgeber des "Handbuchs Internationale Beziehungen" und Autor des Buches "Atomix Anxiety: Deterrence, Taboo, and the Non-Use of U.S. Nuclear Weapons." Sein publizistisches Werk umfasst außerdem Beiträge zu Terrorismus, Cyber-Sicherheit, sowie zur militärischen Nutzung von Robotik und Künstlicher Intelligenz.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Dr. Frank Sauer
  • tandfonline.com: Russian nuclear weapons, 2022 (Hans M. Kristensen & Matt Korda)
  • Statista.com: Geschätzte Todesopfer und Verletzte der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki im August 1945
  • stanford.edu: The Physics of Nuclear Weapons [PDF]
  • mdpi.com: A National Pragmatic Safety Limit for Nuclear Weapon Quantities
  • github.com: Kernwaffen in Russland
  • Statista.com: Anzahl der nuklearen Sprengköpfe weltweit 2022
  • thebulletin.org: Can the US-Russia plutonium disposition agreement be saved?
  • rferl.org: NATO Shows Off Missile Base In Romania, Calling It 'Purely Defensive'
JTI zertifiziert JTI zertifiziert

"So arbeitet die Redaktion" informiert Sie, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte stammen. Bei der Berichterstattung halten wir uns an die Richtlinien der Journalism Trust Initiative.