• Die moderne Medizin lässt uns zwar immer älter werden, doch Untersuchungen zeigen, dass wir auch früher erkranken.
  • Daten des Robert-Koch-Instituts verdeutlichen, wie viele Menschen von chronischen Krankheiten betroffen sind.
  • Die Hauptgründe: Digitalisierung, Junkfood - und die moderne Medizin.

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Siegfried Geyer schickt eines vorweg: "Ich bin ein positiver Mensch." Und deshalb hat der Gesundheitssoziologe von der Medizinischen Hochschule Hannover nur mit positiven Ergebnissen gerechnet, als er sich der Frage zuwandte: Leben wir länger gesund? "Ja, natürlich", dachte er sich.

Aber wissenschaftlich ist der Zusammenhang bisher nicht profund untersucht. Deshalb sammelt Geyer nun seit 2013 mit elf weiteren Forschern in mehreren Projekten Daten. Die Lage beim Lungenkrebs, bei Diabetes mellitus typ 2 – der Zuckerkrankheit – und bei Herzinfarkten haben sie bis dato analysiert.

Überraschende Ergebnisse zeichnen düsteres Bild unserer Gesundheit

"Beim Lungenkrebs ist der Trend noch positiv. Die Leute rauchen weniger; sie bekommen weniger Lungenkrebs. Und wenn sie erkranken, können sie heute länger überleben", sagt Geyer. Aber schon beim Herzinfarkt irritierte ihn etwas: Bei den Älteren über 60 Jahren konnte er zeigen, dass sie weniger unter den Folgen eines Herzinfarktes litten als noch vor Jahren.

Aber in der Altersgruppe zwischen 45 und 60 nehmen Herzinfarkte in Deutschland zu und bedingen dann viele Lebensjahre mit geschwächtem oder vorgeschädigtem Herzen. Geyer sagt: "Diese Menschen haben dann Jahrzehnte in kränklichem Zustand vor sich." Gerade bei der mittleren Generation dehnt sich also die Morbidität in Bezug auf Herzinfarkte aus.

Noch düsterer wurde das Bild, als der Gesundheitsökonom sich dem Diabetes zuwandte. "Immer mehr Menschen erkranken an der Zuckerkrankheit und zwar leider immer früher – aktuell sind es acht Prozent. Entgegen der Erwartung nehmen die gefährlichen Folgen von Nierenversagen über Herzleiden bis zum diabetischen Fuß trotz Medikamenten nicht wirklich ab." Wenn Menschen früher erkranken, sind sie folglich länger krank und sammeln mehr Folgeleiden an.

Die Vitalität der modernen Menschen schwindet

Geyers Erkenntnisse sind in weiten Teilen noch unveröffentlicht. Sie sind die Puzzleteile eines drohenden Phänomens, dem Niedergang der Vitalität moderner Zivilisationen, für das es auch andere Anzeichen gibt. Seit Jahren nimmt der Anteil chronisch Kranker zu und Geyers Analyse legt nahe, dass das eben gerade nicht nur am zunehmenden Durchschnittsalter liegt.

Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) von 2014 zufolge bezeichnen sich 43 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer in einer repräsentativen Befragung als chronisch krank. Ihre Leiden reichen von Krebs bis zu Asthma und anhaltender Depression. Im Unterschied zum Infekt verschwinden sie nicht mehr, sondern beeinträchtigen die Lebensqualität fortan. Besonders belastend ist etwa eine Herzschwäche, die ein hohes Risiko stationärer Krankenhausaufenthalte nach sich zieht. Asthma und Allergien zehren am wenigsten an der gesundheitlichen Verfassung.

Das US-Beratungsunternehmen Moody's Analytics analysierte die Daten zur Gesundheit der Millennials, also der Jahrgänge 1981 bis 1999 in den USA, und kam zu einem alarmierenden Befund: Die Gesundheit dieser Generation ist schlechter als früher und schwindet schneller als jene der älteren Jahrgänge. Das betrifft sowohl die physische Gesundheit mit Bluthochdruck als auch die psychische Verfassung etwa mit mehr Depressionen. Ohne Gegenmaßnahmen könne die Sterblichkeit der Millennials um 40 Prozent höher liegen als ihrer Elterngeneration, warnt Moody's Analytics.

In den USA sinkt die Lebenserwartung seit 2014 sukzessive. "Das sind Entwicklungen, die sich auch in Kontinentaleuropa abzeichnen", sagt der Arzt und Sprecher des Dachverbands Salutogenese Theodor Petzold. In dem gemeinnützigen Verein engagieren sich Mitglieder, darunter Professorinnen und Professoren der Soziologie, Psychologie und Allgemeinmedizin für Strategien zur Gesunderhaltung des Menschen.

Immer mehr chronische Leiden

Und tatsächlich macht die Corona-Pandemie schlagartig klar: Vorerkrankte Menschen sind besonders verletzlich – eben gerade mangels Gesundheit. Diabetiker, Bluthochdruckpatienten, Herzkranke und Übergewichtige erleiden häufiger schwere COVID-Verläufe.

Das Phänomen der schwindenden Gesundheit wirft eine brisante Frage auf: Laufen moderne Gesellschaften in eine Chronifizierungsfalle – mit vielen chronisch Kranken und wenigen Gesunden? Ein solches Ungleichgewicht würde absehbar die Finanzierung des Gesundheitswesens nach dem Solidarprinzip aus den Angeln heben. Und es würde jene, die bereits krank sind, in Krisen, wie die Corona-Pandemie eine ist, besonders bedrohen.

Wer bei schlechter Gesundheit ist, hat weniger Chancen im Leben, auch in Bezug auf Beruf oder Nachwuchs. Vielmehr begünstigt eine Krankheit oft die nächste. "Multimorbidität" nennen Mediziner dieses Ansammeln von Leiden. Sie wiederum bedingt mitunter Armut und Suchterkrankungen.

"Wir haben uns natürlich gefragt, woran es liegt, dass die Morbidität bei Diabetes und Herzinfarkten bei den Menschen in der Lebensmitte derzeit zunimmt", sagt Geyer. Aber in der Gruppe, sagt er, nähme auch die Zahl der Menschen mit starkem Übergewicht den Daten zufolge zu.

Die Corona-Politik mit dem Appell zum Zuhausebleiben und der Ausweitung zum Homeoffice – ohne Aufrufe zu mehr Sport – verschärfte diesen Trend weiter massiv, wie neue Daten zeigen. Die Menschen bewegen sich weniger und verzehren mehr Snacks. Gut belegt ist, dass zu viele Pfunde mit mehr Diabetes, Herzkreislauferkrankungen bis hin zu Krebsleiden verbunden sind.

Digitalisierung und Junkfood als Ursachen

"Die Digitalisierung macht womöglich die Erfolge der Aufklärungsprogramme zu mehr Sport zunichte", argumentiert Geyer. Über die Hälfte der Erwerbstätigen hätten zudem mittlerweile Berufe im Sitzen. Das ist fatal für das Bewegungspensum und damit die Gesundheit.

Zugleich ist der Trend zum Convenience Food, das sofort verzehrt werden kann, ungebrochen: Kekse, Eis und andere Fertigprodukte boomen. Sie sind aber fast ausnahmslos hochkalorisch – zu fettig, zu süß, zu salzig. Und obwohl Bücher und das Internet überquellen von Informationen zu gesunder Ernährung, offenbaren Studien, dass es faktisch eine Tendenz zu ungesünderem Essen gibt.

"In den letzten Jahren haben sich die Essgewohnheiten vieler Familien grundlegend verändert", warnt etwa Berthold Koletzko vom Haunerschen Kinderspital der Universität München in einer Pressemitteilung. "Selbst zubereitetes Essen kommt seltener auf den Tisch als früher. Dieser Trend hat eine Reihe eindeutig nachteiliger Folgen für die Gesundheit."

Besonders verheerend schlägt sich der ungesunde Lebensstil in ärmeren und weniger gebildeten Bevölkerungsgruppen nieder, betont Geyer. Geld, Bewusstsein und Lebenskraft für eine gesunde Lebensführung fehlen hier besonders. Noch dazu ist der Stress, den Lebensunterhalt zu erwirtschaften, mitunter auch durch Probleme wie Streit und häusliche Gewalt in diesen Schichten größer. Und chronischer Stress begünstigt wiederum Herzinfarkte und Diabetes.

Wenn Tabletten nicht heilen

Nun könnte man erwarten, dass der medizinische Fortschritt das Mehr an Krankheiten auffängt. Schließlich arbeiten zigtausende Forscher jeden Tag daran, Leiden besser zu behandeln. "Wir haben uns gewundert, dass die Medikamente offensichtlich nicht die Gesundheitslast und die Folgeerkrankungen bei Diabetes, aber besonders auch der Depressionen und Herzleiden vermindern", sagt Geyer.

Aber die moderne Medizin kann etliche Erkrankungen eben nur "chronifizieren", also in einen symptomärmeren Dauerzustand überführen, nicht heilen. Sprich: Die Betroffenen schlucken lebenslang Medikamente, ob sie nun Diabetes, Rheuma, Schuppenflechte, Asthma, eine HIV-Infektion, Multiple Sklerose oder Bluthochdruck haben. Das hilft, die Beschwerden der Krankheiten zu lindern und verhindert oft, dass sich der Zustand der Patienten rapide verschlechtert. Ganz gesund sind sie aber nicht. Und so wächst die Zahl der so behandelten Krankheiten Jahr für Jahr.

Mediziner feiern es derzeit beispielsweise als nächsten Meilenstein, dass verschiedene Krebserkrankungen zunehmend chronifiziert werden können und die Patienten nicht so schnell an den Tumoren sterben. "Die Betroffenen nehmen Medikamente, die den Krebs in Schach halten und wenn er resistent wird, gibt es wieder eine neue Arznei", sagt Michael Freissmuth vom Institut für Pharmakologie der Medizinischen Universität Wien. "Die Menschen sind dankbar, dass sie überleben."

Was ein Segen auf individueller Ebene ist, fordert dennoch seinen Tribut: Medikamente haben immer Nebenwirkungen, besonders, wenn sie lebenslang eingenommen werden. Deshalb bekommt oft Osteoporose und medikamentenbedingten Diabetes, wer über Jahre Cortison-Tabletten schluckt. Schmerztabletten schaden auf Dauer den Nieren bis hin zum Organausfall. Und Organtransplantierte müssen ihr Immunsystem derart dämpfen, dass sie besonders anfällig für Infekte werden.

Fortschritt in der Medizin senkt primär die Todeszahlen

"Gewinnen wir mit der modernen Medizin Lebensqualität oder nur Alter?", fragt Stephan Grabbe, Direktor der Hautklinik der Universitätsmedizin Mainz, und antwortet selbst: "Manchmal ist nur das Letztere der Fall." Mit diesem Ziel werden Medikamente auch entwickelt. Eine neue Arznei entfaltet maximalen Nutzen, wenn sie die Zahl der Todesfälle in klinischen Studien vermindert. Das ist das entscheidende Kriterium für eine Zulassung. Je länger ein Medikament den Tod aufschiebt, desto höhere Verkaufspreise kann der Hersteller erzielen. Neue Medikamente sorgen in der Regel folglich für ein längeres Leben. Aber die Betroffenen können in der gewonnenen Zeit durchaus kränklich bleiben.

"Medizin besteht zu oft nur aus Tabletten, statt Patienten zu einer fundamentalen Lebensstiländerung zu bewegen", sagt der Molekularbiologe Mathias Heikenwälder vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Nur in Ansätzen existiert eine ganzheitliche Sichtweise: Wenn etwa ein Diabetes neu auftritt, sehen die Leitlinien der Deutschen Diabetes Gesellschaft seit etlichen Jahren zunächst eine Ernährungsumstellung und mehr Bewegung vor – keine Medikamente.

Heikenwälder zufolge reicht das aber nicht: "Wir bräuchten eine massive Stärkung der Prävention." Doch bislang steht die Prävention oft nur auf dem Papier: "Sie trifft", analysiert Heikenwälder, "auf enorm große Widerstände aus der Ärzteschaft, der Pharmaindustrie und der Politik. Denn wenn alle Menschen gesund sind, geht niemand mehr zum Arzt. Er würde sich selbst abschaffen."

Über die Experten:
Prof. Dr. Siegfried Geyer ist Diplom-Soziologe und Leiter der der Forschungs- und Lehreinheit Medizinische Soziologie an der Medizinischen Hochschule Hannover.
Theodor Petzold ist Arzt, Lehrbeauftrager an der Medizinischen Hochschule Hannover und Sprecher des Dachverbands Salutogenese.
Prof. Dr. Michael Freissmuth ist Leiter des Zentrums für Physiologie und Pharmakologie an der Medizinischen Universität Wien.
Prof. Dr. Stephan Grabbe ist Direktor der Hautklinik der Universitätsmedizin Mainz.
Prof. Dr. Mathias Heikenwälder ist Molekularbiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum in Mainz.

Verwendete Quellen:

  • Medizinische Hochschule Hannover: Morbiditätskompression und ihre Alternativen
  • Blue Cross Blue Shield: The Economic Consequences of Millennial Health
  • Goethe Universität Frankfurt am Main: Chronisch krank sein in Deutschland: Zahlen, Fakten und Versorgungserfahrungen
Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter. Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.
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