Vierschanzentournee-Sieger Sven Hannawald spricht im Gespräch mit unserer Redaktion über die anstehende Skisprung-Saison. Dabei macht er Markus Eisenbichler Hoffnung, spricht über seine große Liebe und vergleicht Skisprung-Gold mit Biathlon-Gold.

Ein Interview

Herr Hannawald, was sind Ihre Gedanken kurz vor dem Saisonstart in den neuen Skisprung-Weltcup?

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Sven Hannawald: Ich glaube, vor uns liegt eine sehr spannende Saison. Man hat bereits im Sommer gesehen, dass einiges durcheinander gemischt wird. Das liegt aus meiner Sicht zum einen an der neuen Mess-Methode der Anzüge, die nun insgesamt gleicher sind.

Was hat sich von den Bedingungen und Vorgaben im Regelwerk geändert?

Die wichtigste Änderung in meinen Augen ist die Grund-Körpermessung via 3D-Scanner, nicht mehr händisch. Dadurch wird der vorzeitigen Disqualifikation einzelner Sportler etwas entgegengewirkt. Des Weiteren haben sich die Keile im Schuh verkleinert. Das wird den ein oder anderen schon negativer beeinflussen, da durch diese Änderung theoretisch der Skianstellwinkel nach dem Absprung schwieriger zu realisieren ist. Das ist allerdings erst einmal Theorie, in der Praxis wird man sehen.

"Ab einem gewissen Alter kann man Stürze nicht mehr so leicht verarbeiten."

Sven Hannawald

Viel Wirbel hat vor der Saison die vorläufige Ausbootung von Markus Eisenbichler verursacht. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Das hat zunächst einmal mit der Teamstärke bei den Deutschen zu tun, die deutlich größer ist, als in den vergangenen Jahren. Natürlich wird Eisenbichler frustriert gewesen sein, aber ich habe Sprünge von ihm live gesehen in der Vorbereitung, wo ich mir keine Gedanken mache, dass es sich wieder drehen kann. Es sind einfach ein paar Themen zusammengekommen. Vor zwei Jahren gab es in Klingenthal einen schweren Sturz von ihm und da dort die Deutsche Meisterschaft war, ist das natürlich in seinem Hinterkopf. Denn ab einem gewissen Alter kann man Stürze nicht mehr so leicht verarbeiten, wie es in jüngeren Jahren der Fall ist.

Dann gibt es in diesem Winter vorerst einen Platz weniger als in den vergangenen Jahren im Weltcup-Team. Als das bekannt wurde, habe ich auch gestaunt, weil ich mir keine Gedanken darüber gemacht habe. Für ihn ist es aber nicht so schlimm, sondern ermöglicht ihm einen entspannteren Einstieg, denn ich gehe davon aus, dass er zeitnah wieder in den Weltcup zurückkehren wird. Denn bis zur Vierschanzentournee gibt es noch zahlreiche Möglichkeiten zum Wechsel im Team.

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Wie sehen Sie insgesamt das deutsche Team aufgestellt – wer ist der Vorspringer und wer macht den größten Sprung?

Im deutschen Team freut es mich sehr für Andreas Wellinger, dass er scheinbar zur alten Stärke zurückgefunden hat. Er hat sich gut gefangen und ist jetzt in der Rolle des Anführers. Er konnte seine Form aus dem vergangenen Winter halten und kommt auch mit den neuen Gegebenheiten beim Anzug sehr gut zurecht. Allerdings darf er jetzt nicht zu "eifrig" und euphorisch sein, sonst geht es meistens schief. Karl Geiger ist im Arbeitsmodus und kann noch nicht konstant seine Top-Sprünge abrufen. Philipp Raimund ist der physisch beste Athlet im Team und hat nach seiner Debüt-Saison einen weiteren Sprung nach vorne gemacht. Aber er muss mehr zur Ruhe kommen und nicht mit zu viel Emotionen springen. Auf Martin Hamann können wir sehr gespannt sein, denn seine Technik ist wirklich sehr gut

"Bin ich ein großer Fan von Ryoyu Kobayashi."

Sven Hannawald

International gibt es augenscheinlich keinen großen Dominator – wer sind Ihre Favoriten im Gesamt-Weltcup?

Stefan Kraft (Österreich) muss man immer nennen, denn er ist ein Springer, der sich in eine Saison hineinarbeiten kann. Er hatte Saisons, wo es fast von selbst lief, aber auch manches Jahr, wo er sehr kämpfen musste. Doch mit harter Arbeit hat er dann am Ende der Saison doch wieder mindestens eine Medaille eingeheimst. Daher habe ich ihn immer auf der Rechnung.

Außerdem bin ich ein großer Fan von Ryoyu Kobayashi. Der Japaner hatte in der vergangenen Saison auch den absoluten Nachteil in Sachen Anzug, erzielte dafür aber sehr beachtliche Ergebnisse, was sensationell war. Eigentlich hätte er von vorneherein zu Hause bleiben können. Für mich kommt er dem Ideal des "perfekten Springers" am nächsten. Auch wenn es weit geht, zieht er voll durch. Auf Halvor Egner Granerud bin ich sehr gespannt, denn er hat mit dem neuen Material gleich einmal eine Bruchlandung hingelegt. Bei den Polen ist vieles noch offen, aber über die letzten Jahre war Dawid Kubacki immer vorne dabei und war dabei auch sehr stabil.

In dieser Skisprung-Saison gibt es kein großes Highlight. Wie fühlt sich eine Skisprung-Saison ohne Weltmeisterschaft an?

Bei den Skispringern ist die Vierschanzentournee immer das Super-Highlight. Und auch wenn es die Skiflug-WM ist, ist es trotzdem eine Weltmeisterschaft. Diesen Rhythmus sind wir gewohnt. Ich bin außerdem sehr froh, dass wir nicht zu viele Highlights in einer Saison haben. Wenn mir ein Biathlet sagt, dass er Weltmeister ist, dann ist das natürlich ein großer Erfolg. Allerdings gibt es dort auch sehr viele Möglichkeiten, einen Titel einzufahren. Wohingegen die Skispringer in der Regel nur alle zwei Jahre eine Weltmeisterschaft haben, was einen Titel dort schon noch einmal aufwertet.

Abschließend: Worauf freuen Sie sich am meisten im neuen Weltcup-Winter?

Es ist immer die Tournee. Das war früher als aktiver Springer meine große Liebe und ist auch jetzt als ARD-Experte immer mein persönlicher Höhepunkt der Saison. Die Skiflug-WM ist meine Nummer zwei.

Über den Gesprächspartner

  • Sven Hannawald wurde als Sven Pöhler in Erlabrunn geboren. Als erster Springer überhaupt gewann er 2002 alle vier Springen bei der Vierschanzentournee. Inzwischen arbeitet Hannawald als TV-Experte für die ARD.

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