In den Tiroler Bergen schreibt bei den Olympischen Winterspielen 1976 die damals 25-jährige Rosi Mittermaier ein Ski-Märchen. Sie wird zum umjubelten und gefragten Star. Begonnen hat Rosis olympischer Triumphzug mit einer vorlauten Ankündigung gegenüber einer Reporter-Legende.

Mehr Wintersport-Themen finden Sie hier

Der bayerische Barde Willy Astor beglückte die "Gold-Rosi" Mittermaier zu deren 60. Geburtstag im Jahr 2010 im Rahmen einer Überraschungs-Party mit einem aufgezeichneten und eingespielten Ständchen. Im Unterschied zu zig anderen Menschen - Familienmitgliedern, Freunden und Weggefährten - hatte Astor damals keine Zeit, Mittermaier im Studio des Bayerischen Rundfunks persönlich seine Aufwartung zu machen. Er schloss es mit dem Hinweis: "Rosi, wärst Du damals nicht so schnell gefahren, hättest Du heute einen schönen, gemütlichen Abend haben können."

Aufhebens um ihre Person war und ist Mittermaier immer irgendwie unheimlich. Kein Wunder, dass sie deshalb Astor bestätigte: "Das stimmt wirklich."

Rosi Mittermaier tritt 1976 auf dem Höhepunkt ab

Seit den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck gehört die herrlich natürlich gebliebene "Gold-Rosi" der ganzen Nation. Mit zwei goldenen (Abfahrt und Slalom) und einer silbernen Medaille (Riesenslalom) krönte Mittermaier ihre Laufbahn, die sie nach dem Gewinn des Gesamt-Weltcups beendete. Sie verzichtete auf die Heim-WM 1978 in Garmisch-Partenkirchen, an der aber ihre jüngere Schwester Evi noch teilnahm. Besser konnte es für Rosi nach Innsbruck 1976 nicht mehr werden.

Spricht sie über das Skifahren, dann leuchten ihre Augen. Sie denkt dann nicht an Wettkampf, Olympia, Medaillen oder Ruhm. Christian Neureuther, den sie 1980 heiratete, sagte mal über seine Frau: "Die Rosi ist eine Leistungssportlerin ohne Ehrgeiz, die nicht mal weiß, wie viele Weltcuprennen sie gewonnen hat."

Nicht, dass Mittermaier keinen Gefallen an Siegen gehäbt hätte. Doch mitunter tat es ihr leid, ihre Konkurrentinnen besiegt zu haben.

Für Favoritin Brigitte Totschnig blieb nur Silber

In seiner Biografie aus dem Jahr 1976 schildert Autor Jupp Suttner eine Anekdote, die sich nach Mittermaiers Fahrt zum Abfahrts-Gold in der Kabine eines östereichischen Radioreporters abspielte. Mit 52 Hundertstelsekunden Vorsprung hatte Mittermaier dank eines explosiven Starts, der ihre Kräfte nach ihren eigenen Worten bereits nach wenigen Fahrsekunden aufgebraucht zu haben schien, der favorisierten Brigitte Totschnig Gold entrissen.

Rosi Mittermaier rast am 8. Februar 1976 in Innsbruck bei den Olympischen Winterspielen zu Gold in der Abfahrt.

Auf den Schultern der damals 22-jährigen Totschnig lag die gleiche Last der Sieges-Erwartung, der ihr Landsmann Franz Klammer drei Tage zuvor entsprochen hatte. Doch Totschnig musste im Zielraum bangend mit ansehen, wie die zwei Startnummern nach ihr ins Rennen gegangene Mittermaier den Schwung des perfekten Starts bis ins Ziel mitnahm. Im Weltcup nie zuvor in einem Abfahrtsrennen ganz oben auf dem Treppchen, triumphierte Mittermaier im passendsten Moment.

"Obwohl wir ein bisschen traurig sind", begrüßte sie der österreichische Journalist zum Interview, "gratulieren wir aus echtem Herzen." Da erschrak Mittermaier regelrecht. "Ui, des wollt' i fei net", streichelte sie die Seele der Gastgeber in ihrem heimischen Winklmoos-Dialekt, "dass Sie traurig werd'n."

Sogar Rosis Gegnerinnen vergossen Freudentränen

Traurig war auch Betsy Clifford im Zielraum nicht - obwohl sie Tränen in den Augen hatte. Für die damalige Weltmeisterin im Riesenslalom reichte es in der olympischen Abfahrt von 1976 nur zu Rang 22. Clifford aber freute sich so sehr für Mittermaier, dass sie weinte.

Mittermaier wurde in Innsbruck zum "Weltstar", wie es Motorsportler Hans-Joachim Stuck, selbst eine deutsche Sport-Ikone, im Gespräch mit unserer Redaktion betont. Stuck, fünf Monate jünger als Mittermaier, sieht Mittermaiers Bedeutung auf einer Stufe mit der Boris Beckers, Sebastian Vettels, Michael Schumachers oder Bernhard Langers: "Sie war zu ihren aktiven Zeiten ein deutscher Superstar."

Dabei ist für diesen Superstar auch noch 44 Jahre nach Innsbruck "das reine Skifahren das Schönste, was es gibt." Dabei gehe ihr das Herz auf.

Mittermaier ist auch als 70-Jährige viel zu bescheiden und zurückhaltend, um sich selbst zu feiern. Eine Party zum runden Geburtstag werde es nicht geben.

Als sie der Bayerische Rundfunk anlässlich ihres 60. Geburtstags mit der bereits erwähnten Party überraschte, erzählte Mittermaier, wie sie sich die Sache mit dem olympischen Abfahrtsgold eingebrockt hatte.

Plötzlich steht Harry Valérien im Schlepplift neben ihr

Auf dem Weg zum Start sei ihr im Schlepplift die Reporter-Legende Harry Valérien, Bayer wie sie, begegnet. Mittermaier habe sich gewundert, denn der 2012 verstorbene Valérien fuhr kurz vor dem Rennen noch selbst mit den Skiern über den Hang. Sie habe ihn gefragt: "Harry, was ist denn los? Bist Du heute nicht am Kommentieren?" Er habe geantwortet: "Nein, ich mache den Slalom." Mittermaier konterte trocken: "Das ist ein Fehler."

Plötzlich ging ihr auf, was sie da gesagt hatte. "Ich dachte: Um Gottes Willen, wie voll hast Du jetzt Deinen Mund genommen. Das war ja vor dem Rennen. Das gibt es ja nicht. Und tatsächlich ist es dann so gut gegangen in der Abfahrt." Sie habe ja halten müssen, was sie gesagt hatte.

Rosi Mittermaier gewinnt drei Tage nach der Abfahrt bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck 1976 auch noch den Slalom.

Und wie sie das tat. Kommentator Valérien bekam sein Gold noch, drei Tage später im Slalom, ehe Silber im Riesenslalom den fast perfekten Abschluss der Mittermaier-Spiele bedeutete. "Diese einmalig emotionalen Momente fühlen sich noch heute so an, als wäre es gestern gewesen", sagt der spätere DSV- und heutige DOSB-Präsident Alfons Hörmann, der 1976 gerade 15 Jahre alt war.

Mittermaier wird nach wie vor regelmäßig auf Innsbruck angesprochen, sowohl auf der Straße als auch in Briefen. Mit dem Aufruhr von damals ist das heute freilich nicht zu vergleichen.

"In meinem Elternhaus war ein ganzes Zimmer voll mit Post und Paketen. In einem Monat sind 27.000 Briefe gekommen, das hat uns der Postbote erzählt, der ist total narrisch geworden, weil er die ganze Flut rauf auf die Winklmoosalm bringen musste", erinnert sich Mittermaier und lacht.

Unter den Tausenden Briefen waren auch etliche von Verehrern. "Der Mann, der Rosi nicht mag, der muss noch geboren werden", bemerkte der spätere IOC-Präsident Dr. Thomas Bach in der "Blickpunkt Sport"-Sonderausgabe von 2010.

Christian Neureuther gewinnt den Dreikampf um die Rosi

Neureuther, Vater des 1984 geborenen gemeinsamen Sohnes Felix, aus dem ein weiterer deutscher Skistar werden sollte, musste sich trotzdem nie um die Gunst seiner Rosi sorgen. "Der Christian hat sie erwischt", schilderte 2010 Mittermaiers Jugendfreund Herbert Weichselbaum im BR den "Dreikampf" zwischen ihm, Anton Alkofer und Neureuther um das skiverrückte Mädchen: "Die Rosi hat gut ausgeschaut, war sportlich und recht nett."

So standen nach Olympia 1976 auch die Werbe- und Marketingabteilungen Schlange. Mittermaier schloss nach dem Ende ihrer Karriere Sponsorenverträge ab und baute sich ihre eigene Existenz auf.

Am 13. Februar 1976 krönt Rosi Mittermaier ihre Olympischen Winterspiele in Innsbruck mit dem Gewinn der Silbermedaille im Riesenslalom. Siegerin Kathy Kreiner aus Kanada ist um die Winzigkeit von zwölf Hundertstelsekunden schneller als die Siegerin aus der Abfahrt und dem Slalom.

Mittermaier will sich selbst nicht auf die Leistungssportlerin von damals reduzieren - dafür hat sie in ihrem Leben zu viele andere Ziele erreicht. Als Werbebotschafterin etwa bereiste sie die Welt. Außerdem engagiert sich Mittermaier seit vielen Jahren in karitativen Projekten, etwa als Schirmherrin der Deutschen Kinderrheuma-Stiftung.

"Rosi war und ist ein Typ Mensch, wie er immer seltener wird: trotz herausragender Leistungen stets zurückhaltend und uneigennützig und nicht auf Glamour, sondern auf eine intakte Familie und die bayerische Heimat fokussiert", lobt DOSB-Chef Hörmann. "Sie hat das Rampenlicht nie gesucht, und das spüren die Menschen."

Hans-Joachim Stuck: "Die Rosi ist ein klasse Mädel"

Stuck, mit Mittermaier und Neureuther seit Jahrzehnten bestens bekannt, bestätigt dies: "Die Rosi ist ein klasse Mädel, immer bescheiden." Sie habe den Rummel "im Griff gehabt" und immer nur dann mitgemacht, wenn sie musste.

Journalist Suttner formulierte es 1976 so: "Bei aller Objektivität sind einfach keine schwerwiegenden Schattenseiten bei diesem Mädchen zu entdecken." Und: "Negatives über Rosi - das wäre nicht echt, das wäre konstruiert."

Die größte Freude machen ihr inzwischen aber kleinere Sportler, nämlich ihre Enkel. Und auch wenn Mittermaier just nach der Corona-Zeit den Sommer genießt, kann sie die nächsten Oma-Skitage mit den Kleinen kaum erwarten. (dpa/hau)

Verwendete Quellen:

  • "Blickpunkt Sport" (Bayerischer Rundfunk): Sondersendung zum 60. Geburtstag Rosi Mittermaiers
  • Jupp Suttner: "Rosi Mittermaier" (Copress-Verlag, 1976)
Bildergalerie starten

Das Gen, um ein Idol zu sein: Diese Dynastien haben den Sport mitgeprägt

Der Apfel falle nicht weit vom Stamm, heißt es. Dies gilt auch in der weiten Welt des Spitzensports. Diese Dynastien haben über Jahrzehnte Siege, Trophäen und Medaillen eingesammelt - und tun es noch.