• Am Samstag gehen die Skisprung-Frauen bei Olympia an den Start - und mit Katharina Althaus stehen die Medaillenchancen nicht schlecht.
  • Im Interview mit unserer Redaktion spricht Damen-Bundestrainer Maximilian Mechler über die Spiele in Peking, Gleichberechtigung zwischen Athletinnen und Athleten - und ein potentiell gutes Omen Deutschland.
Ein Interview

Herr Mechler, vor der Saison haben Medien getitelt: "Maximilian Mechler tritt in große Fußstapfen". Wie fühlt es sich nach den ersten Monaten als Bundestrainer in Andreas Bauers Fußstapfen an?

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Maximilian Mechler: Es sind immer noch große Fußstapfen. Ich habe die wichtigen Events ja nun noch vor mir, unter anderem Olympia, deswegen wird es noch eine Zeit lang dauern, bis die Fußstapfen nicht mehr ganz so groß sind.

Stichwort Olympia: Die Spiele in China sind wegen der Menschenrechtsverletzungen umstritten. Es gab Diskussionen um einen diplomatischen Boykott und auch Sportler haben die Vergabe nach Peking kritisiert. Wie wurde das Thema in Ihrem Team diskutiert?

Klar, auch wir sprechen darüber. Die Probleme sind offensichtlich, sie sind da. Aber wir versuchen, uns auf den Wettkampf, das Großereignis vorzubereiten und nicht auf die Themen außenrum. Es geht für uns darum, trotz der Umstände das sportliche Highlight zu sehen. Olympia ist der persönliche Traum vieler Sportler. Katharina Althaus kennt das ja, sie war dort schon erfolgreich. Aber die anderen Athletinnen waren noch nicht dabei. Darauf freut man sich als Sportler von klein auf – die Themen außenrum trüben das ein wenig.

Damen-Skispringen ist vergleichsweise jung. Während bei den Männern jedes Weltcupspringen im TV übertragen wird, bekommt man von den Frauen wenig mit. Warum?

Natürlich spielt es eine Rolle, dass es noch eine recht junge Sportart ist, dass es den Weltcup und die Großereignisse für Frauen noch nicht allzu lange gibt. Das Ganze muss ein Stück weit wachsen. Aber wir haben schon viel erreicht: Die Damen springen bei Olympia, es gibt Großschanzen-Weltcups, Team-Springen. Sicher gibt es noch Punkte, die noch kommen sollten und kommen werden – wie schnell, werden wir sehen. Ich verstehe, dass es dem einen oder anderen nicht schnell genug gehen kann. Aber ich kenne die Situation noch von damals, als ich selbst Sportler war - und seither ist extrem viel passiert.

Anm. d. Red.: Erst seit den Winterspielen 2014 in Sotschi ist Skispringen auch für die Damen olympisch. Die Athletinnen springen dabei von der Normalschanze. In Peking findet 2022 erstmals ein Mixed-Wettbewerb satt, bei dem das DSV-Team mit zwei Sportlerinnen und zwei Sportlern als Mannschaft an den Start gehen wird.

Welche Punkte sollten sich denn noch verbessern?

Der Wunsch von allen ist, dass es die Vierschanzentournee auch für Frauen gibt. Sie wird schon lange von verschiedensten Seiten gefordert. Ich bin glücklich, dass die Diskussionen da sind und die Frauen springen wollen und sich dafür einsetzen, das ist sehr gut. Ich gehe davon aus, dass es früher oder später eine Lösung geben wird, wie die Tournee auch für die Damen klappen kann.

Maximilian Mechler: "Wenn man sich immer miteinander vergleicht, kommt vielleicht eine Resignation"

Ist es nicht auch eine Bürde für die Athletinnen, dass sie genauso hart trainieren wie ihre männlichen Kollegen, aber längst nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen?

Das Thema ist aus meiner Sicht nicht so leicht. Natürlich: Wenn man sich immer miteinander vergleicht, kommt vielleicht eine Resignation, weil es anders ist als bei den Männern. Da entsteht ein Zwiespalt: Wie viel will man fordern oder ist man mit dem zufrieden, was man hat – und ist einfach froh? So wie ich es im Moment noch bin – ich bin hochmotiviert. Dass die Diskussionen laufen, die Bestrebungen da sind, etwas passiert und sich verändert – das ist gut! Dass es manchem nicht schnell genug geht und man vergleicht, gehört zum Prozess. Eine Sportart, in der es schon sehr gut funktioniert, ist Biathlon. Dort ist die Aufmerksamkeit zwischen Frauen und Männern ähnlich, vielleicht bei den Frauen sogar noch größer, was auch mit den Erfolgen zusammenhängt. Und darum geht’s uns eigentlich auch: erfolgreich zu sein, gut zu sein – dann werden sich die anderen Dinge ergeben. Die Diskussionen dürfen nicht aufhören, aber im Moment passiert schon wirklich viel.

Was würden Sie sich als Bundestrainer von den Medien diesbezüglich wünschen?

Dass man mehr berichtet – das wäre gut. So kommt die Aufmerksamkeit und mehr Menschen wissen Bescheid. Je größer die Berichterstattung ist, desto mehr Zuschauer beziehungsweise Fernsehzuschauer kommen, was das ganze wiederum für Sponsoren attraktiver macht – und dann gibt’s vielleicht auch mehr Preisgeld. Das ist ein großer Zusammenhang.

Ich persönlich würde gerne mehr Damen-Skispringen gucken. Aber jedes Mal stellt sich die Frage: Wo läuft das im TV? Wird es überhaupt gezeigt?

Das geht uns nicht anders, wenn die Familie zuschauen will (lacht). Meistens gibt es irgendwo einen Stream, aber der ist wirklich schwierig zu finden.

"Ich konzentriere mich darauf, dass wir sportlich gut sind – dann wird sich vieles schneller bewegen"

Ich finde, es sollte einfach live im Fernsehen laufen.

Fordern würde ich das jetzt noch nicht. Aber ich würde es mir wünschen, sagen wir‘s mal so. Ich konzentriere mich darauf, dass wir sportlich gut sind – dann werden sich viele Sachen schneller bewegen.

Bekommt Damen-Skispringen in anderen Ländern, zum Beispiel Norwegen, mehr Aufmerksamkeit als bei uns in Deutschland?

Was ich mitbekommen habe: ja. In Norwegen sind sie sehr weit in der Hinsicht, sie übertragen auch die Springen. Von den Ländern, in denen Skispringen wirklich wichtig ist, ist dort der Unterschied zwischen Männern und Frauen in Sachen Aufmerksamkeit wohl am geringsten. Das hängt damit zusammen, dass Maren Lundby so lange so gut und ein Aushängeschild war. Man braucht Leute, die vorangehen, gute Athletinnen. Das hatten beziehungsweise haben wir in Deutschland mit Carina Vogt und Katharina Althaus auch, aber es dauert eben.

Gerade bei Olympia sind wir aus deutscher Sicht recht medaillenverwöhnt bei den Skisprung-Damen.

Stimmt, mit dem Olympia-Sieg durch Carina Vogt in Sotschi und dem Silber von Katharina Althaus in Pyeongchang waren wir extrem erfolgreich. In Peking kommt jetzt das Mixed-Team dazu. Unser Ziel ist es, wieder um die Medaillen mitzuspringen.

Deutschland ist amtierender Weltmeister im Mixed-Wettkampf – erhöht das den Druck?

Das glaube ich nicht. Natürlich sind wir verwöhnt, weil wir in dem Wettbewerb in den letzten Jahren oft gewonnen haben. Auf der Damen-Seite sind wir aber gerade etwas im Umbruch. Dass Katharina Althaus so früh so gut in Form war, war für uns nicht zu erwarten und wir sind glücklich, dass sie so gut drauf ist. Aber wir brauchen zwei Athletinnen in Form, damit wir mit den Männern gemeinsam um Medaillen springen können.

Gerade im Mixed-Team ist die Konkurrenz sehr groß, viele Nationen sind stark. Wer ist der größte Favorit?

Es gibt sehr viele gute Nationen. Österreich, Norwegen, Japan - beide Neujahrsspringen wurden von japanischen Athleten gewonnen. Und auch Slowenien ist sehr stark – das wird ein ganz harter Fight.

Anm. d. Red.: Die Führende im Weltcup, Marita Kramer aus Österreich, wurde wenige Tage vor dem Olympia-Start positiv auf Corona getestet. Damit verpasst die Goldfavoritin die Spiele in Peking.

Katharina Althaus liegt im Weltcup auf Rang zwei, in Lillehammer holte sie den ersten deutschen Weltcupsieg seit 32 Monaten. Aber hinter ihr ist im deutschen Team noch Luft nach oben ...

Da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben. Wir sind sehr gut gestartet beim Weltcup in Nischni Tagil, dort lief es sehr gut für uns (beim Auftakt landeten drei DSV-Springerinnen in den Top Ten, beim zweiten Springen flog Althaus auf Platz drei, Anm. d. Red.). Jetzt muss es unser Ziel sein, uns näher ranzukämpfen an die Weltspitze. Es ist noch ein langer Weg, den wir gehen müssen.

Die Schanze in Nischni Tagil ähnelt der Olympia-Schanze – eigentlich ein gutes Omen.

(Lacht) Das würde mich freuen, wenn das was zu bedeuten hätte.

Eine einfache Aufgabe zum Abschluss – vervollständigen Sie folgenden Satz: Olympia-Fans sollten sich unbedingt Damen-Skispringen angucken, weil ...

... es ein sehr spannender Wettkampf ist - und wir hoffentlich gut abschneiden werden.

Über den Interview-Partner: Maximilian Mechler ist ein ehemaliger deutscher Skispringer. Bei der Skiflug-Weltmeisterschaft 2012 gewann er Silber im Team-Springen. Zur Saison 2021/22 trat Mechler die Nachfolge von Andreas Bauer als Bundestrainer der deutschen Skisprung-Damen an. Das Interview wurde telefonisch geführt.

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