Es war der brasilianische Schockmoment bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft. Neymar, der Star und Hoffnungsträger des ganzen Landes, wird nach einem Foul des Kolumbianers Juan Zuniga mit der Trage vom Feld gebracht. Nur kurz nach dem Halbfinaleinzug der Selecao werden die schlimmsten Befürchtungen wahr. Der Heilsbringer fällt für das Spiel gegen die deutsche Nationalmannschaft aus.

Seither geht die Angst um in Brasilien. Deutschland, das war für viele Einheimische schon vor dem Turnier der größte Konkurrent um den Titel im eigenen Land. Und nun muss die Selecao im Halbfinale ohne Neymar ran. Wie soll das nur funktionieren? Und was für die heimischen Fans mindestens genauso schlimm wiegt: Kapitän Thiago Silva muss gesperrt zusehen. Doch Brasilien wäre nicht Brasilien, wenn sich die Zweifel nicht schnell wieder in Optimismus verwandeln würden.

Unser WM-Blogger erlebt ein Brasilien voller Gegensätze.

"Neymar ist nur ein einzelner Spieler. Dann müssen eben andere ran. Das wird schon werden", glaubt Rodrigo, Künstler aus Rio de Janeiro. Brasilianer sind ein im Kern siegessicheres Volk. Erschüttern lässt man sich in dem arg gebeutelten Land nicht so schnell. "Deutschland hat gute Spieler, aber ich denke wir haben die bessere Mannschaft", erklärt Rodrigo weiter. Mit seinen Parolen spricht er für das ganze Land. Der Schock hat sich längst in Zweckoptimismus verwandelt.

Wer ersetzt Neymar?

Auf die Frage, wer denn Neymar im Angriff ersetzen soll, kommt jedoch stets dieselbe Antwort. "Ich weiß es nicht, irgendwer wird es schon richten." Das Halbfinale gegen die DFB-Elf beherrscht die Gespräche auf den Straßen. Gibt man sich als Deutscher zu erkennen, entfachen sofort Diskussionen über das wichtigste Spiel in der jüngeren brasilianischen Fußball-Geschichte. Ob wir denn keine Angst vor Brasilien hätten, will ein Kellner beim Abendessen wissen. Schließlich sei die Selecao fünffacher Weltmeister. In seiner Frage schwingt Unsicherheit mit. Das Selbstbewusstsein der Brasilianer hat Kratzer bekommen. Trotz zur Schau gestelltem Stolz auf die brasilianische Nationalmannschaft: Die Angst vor den Deutschen ist zu spüren.

Im Halbfinale warten die Deutschen

Als Anhänger des DFB-Teams kann man in diesen Tagen viele Gespräche führen. Schon während der Viertelfinal-Partie Brasiliens gegen Kolumbien gab es nur ein Thema: Im Halbfinale warten die Deutschen. Der zehnjährige Marcos fiebert während der Begegnung mit seiner Familie dem Einzug in die nächste Runde entgegen. Großer Jubel brandet auf, als Thiago Silva die Führung für die Selecao erzielt. "Als nächstes seid ihr dran", brüllt Marcos' Vater in Richtung der deutschen Fans. Doch spätestens, als sich der Kapitän nach Neymars Verletzung die zweite Gelbe Karte einhandelt, ist Marcos anzusehen, dass der Traum vom Titel einen enormen Rückschlag erhalten hat. "Jetzt auch noch Thiago Silva", sagt er zu seinem Vater.

Es ist wie überall im Land. Die Gefühle der Brasilianer vor dem Gipfeltreffen sind gemischt. Böse Vorahnung oder Understatement? Auch die deutschen Fans blicken mit einem freudigen und einem bangenden Auge auf das Halbfinale. Den stets freundlichen und hilfsbereiten Gastgebern wäre der Finaleinzug in jedem Fall zu gönnen. Aber wie weit wird die Stimmung der Heimfans kippen, sollte Deutschland das Endspiel erreichen? Der Weltmeisterschaft steht ein großes Halbfinale bevor.