Kevin Pezzoni löst nach Drohungen von Chaoten seinen Vertrag beim FC Köln auf. Seit diesem Vorfall brennt die Diskussion über zunehmende Verrohung im Fußball, die auch stets mit der Ultra-Bewegung in Bezug gesetzt wird. Dabei verwischt die Trennlinie zwischen den Begriffen "Ultras" und "Hooligans" zunehmend.

Jochen Kaufmann ist beim „Fanprojekt München“ für den FC Bayern verantwortlich. Er differenziert ganz klar zwischen Hooligans und Ultras: "Den Ultras geht es hauptsächlich um die Unterstützung der eigenen Mannschaft. Bei den Hooligans steht dagegen der Spaß an der Gewalt im Vordergrund."

Hooligans und Ultras haben Gemeinsamkeiten

Dennoch können sich die Begriffe "Ultra" und "Hooligan" in gewisser Hinsicht durchaus überschneiden. Der enge Zusammenhalt innerhalb einer Gruppe, oder einer "Firm", wie Hooligan-Gruppen genannt werden, ist eines der Merkmale, die Ultras und Hooligans gemeinsam haben. Jochen Kaufmann spricht von einem großen "Solidaritätsgedanken" unter den Ultras. Die Gruppe sei ein großer Freundeskreis, für manche sogar eine Art Familie.

Ähnliches hat auch der Soziologe Ramón Spaaij beobachtet, der für sein Buch "Understanding Football Hooliganism" sechs westeuropäische Fußballklubs unter die Lupe genommen hat. Er spricht darin von einem "überromantisierten Gefühl von Zugehörigkeit, Solidarität und Freundschaft", welches sich vor allem durch die gemeinsame Erfahrung des Adrenalinkicks, den die gewalttätigen Ausschreitungen mit sich bringen, in den Köpfen der Hooligans etabliert hat.

Wald- und Wiesenkämpfe

Allerdings beziehen Ultras ihr Solidaritätsgefühl größtenteils aus gemeinsamen Aktionen, wie beispielsweise Choreographien und dem Anfeuern der eigenen Mannschaft. Für tatsächliche Hooligans, die in Deutschland eine verschwindende Minderheit darstellen, spielen der Fußball und das Singen im Stadion eine Nebenrolle. Fußball bietet lediglich den Rahmen, um sich mit befeindeten "Firms" zu prügeln. Trikots, Schals und Fahnen sind bei Hooligans verpönt. Sie pflegen einen "casual" Stil, der es ihnen erlaubt, schnell in einer Menge verschwinden zu können. Seit die Überwachung in Stadien strenger geworden ist, sind aus den Schlägereien der Hooligans Wald- und Wiesenkämpfe geworden. Ein Trend, der auch bereits in England zu erkennen war. Der Treffpunkt wird zwischen den verfeindeten Gruppen vorab vereinbart – oftmals über das Internet.

"Gegen den modernen Fußball"

Ultras sind also keine Hooligans per se. Weshalb Gewalttäter dennoch oftmals im Umfeld der Ultras auftauchen, könnte sich vielleicht mit dem gemeinsamen Nenner fast aller Ultra-Gruppen erklären. "Gegen den modernen Fußball" – diese Aussage findet man in fast allen Statuten von Ultra-Gruppen, sei es der "Schickeria" (FC Bayern) oder "The Unity" (Borussia Dortmund). Damit drückt sich vor allem eine anti-kommerzielle Haltung aus. Durch die Kommerzialisierung macht sich unter den Fans ein Gefühl von Ohnmacht breit; sie haben immer weniger Mitspracherecht bei ihrem Verein. Denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wirtschaftliche Interessen immer mehr in den Fokus der Klubs gerückt sind.

Die Gewaltausbrüche und auch die Drohungen gegen Kevin Pezzoni könnten als fehlgeleiteter Versuch gedeutet werden, einen Teil der Entscheidungsmacht wieder in die Hände der Fans zu holen – auch mit Gewalt. Die Handlungen dieser "Problemfans" können nicht im Sinn der Ultras geschehen sein, da sie den eigenen Verein, in diesem Fall den 1. FC Köln, in Misskredit bringen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Fall Pezzoni auch bei Kölner Ultra-Gruppen für Bestürzung gesorgt hat. So distanzieren sich die "Colonicas" auf ihrer Website klar von den Übeltätern: "Aktionen gegen einen 23-jährigen Spieler sind nicht zu tolerieren."

Einen sehr guten Abriss zur Ultra-Kultur in Deutschland finden Sie in Jonas Gablers Buch "Die Ultras. Fußballfans und Fußballkulturen in Deutschland" (PapyRossa-Verlag).